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Strukturierte Textwiedergabe

Die mörderische Konsequenz des Mitleids

Hoimar von Ditfurth


Auch heute werden wieder 40000 Kinder sterben - alle zwei Sekunden eines. Als kleine Skelette mit faltig-alten Gesichtern werden sie irgendwann im Laufe dieses Tages aufhören zu leben. Alle 24 Stunden entsteht so, verteilt über die Länder der so genannten Dritten Welt, ein Berg von 40000 verschrumpelten Kinderleichen.
Furchtbar? Viel schlimmer: Wenn diese Kinder nicht stürben, wenn sie nicht in den Armen ihrer Mütter verhungerten, die selbst nicht mehr die Kraft haben, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, wenn sie etwa überlebten und gar erwachsen würden, um selbst Kinder zu haben, dann wäre die Katastrophe noch weitaus größer. Es mag zynisch klingen, dass ihr vieltausendfacher lautloser Tod die Erde vor einer Situation bewahrt, die alles heutige Sterben bei weitem überträfe. Nur, es ist die logische Konsequenz aus der irrationalen Ungleichung, dem Geburtenüberschuss aus der Dritten Welt durch Geburtenkontrolle nicht vorzubeugen aus der heuchlerischen Achtung vor dem Leben, das - erst einmal geboren - am Leben nicht erhalten werden kann. [...]
Wer nicht zu feige ist, zu sehen, kommt an der Einsicht nicht vorbei, dass jeder, der sich darauf beschränkt, die heute hungernden Kinder zu sättigen, statt dem unvermeidlichen Sterben durch Geburtenkontrolle vorzubeugen, unmittelbar und ursächlich dazu beiträgt, die Leichenberge, denen sich die morgige Generation gegenübersehen wird, auf noch höhere Höhen anwachsen zu lassen.
Warum ist es eigentlich so schwer, dieser simplen Erkenntnis zu allgemeiner Anerkennung zu verhelfen? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil sie einhergeht mit dem Eingeständnis eines unrühmlichen Selbstbetrugs.
Der gleiche Augenblick, in dem ich mir über die mörderische Konsequenz des Mitleids klar werde,[...] verschafft mir auch die peinliche Entdeckung, dass die Hilfsbereitschaft, welche die bewussten Anzeigen in mir mobilisieren, gar nicht dem hungernden Kind gilt, sondern in Wahrheit mir selbst, nämlich meinem eigenen Seelenfrieden. Einzig und allein zur Besänftigung des eigenen Gewissens kann ein "Mitleid" taugen, das objektiv nur dazu beiträgt, das Elend der Menschen, denen es angeblich dient, in Zukunft entsetzlich zu vermehren. Jede andere Behauptung wäre unfrommer Selbstbetrug oder pure Heuchelei. [...]
Anlass zur Empörung ist die Tatsache, dass die üblichen Aktivitäten der kirchlichen, weltlichen und kommerziellen Hilfsorganisationen gedankenlos und damit schuldhaft jener moralischen Drückebergerei Vorschub leisten, in der befangen wir uns nur allzu willig einreden lassen, dass eine kleine Spende dann und wann uns von der Schuld befreien könnte, die wir angesichts des Massensterbens außerhalb der Wohlstandsgrenzen haben.
Noch aus einem zweiten Grunde sind daher alle diese "Brot-für-die-Welt"- und Patenschaftskampagnen kritikwürdig: Dadurch, dass sie uns die begierig ergriffene Gelegenheit verschaffen, unser Gewissen zu betäuben, beseitigen sie den psychologischen Druck, der allein uns dazu bewegen könnte, über sinnvolle, ursächlich wirksame Methoden zur Beendigung des Massensterbens nachzudenken. [...]
Gerade dann, wenn man davon überzeugt ist, dass die christlichen Kirchen ein Erbe bewahren, ohne das diese Welt noch unerträglicher wäre, gerade dann gerät die Verbitterung um so größer, wenn man sich vor Augen hält, wie tief auch sie in diese Komplizenschaft wechselseitiger Gewissenssalvierung verstrickt sind. Dies gilt, wie nicht bestritten werden kann, vor allem für die katholische Kirche. Was soll man von einer Instanz halten, die uns zur Rettung verhungernder Kinder aufruft, während sie gleichzeitig mit dem ganzen Gewicht ihres weltweiten Ansehens dazu beiträgt, die Zahl dieser Kinder über jedes rettbare Maß hinaus zu vergrößern? Was ist von einer Moral einer sich moralisch verstehenden Institution zu halten, die offensichtlich das Nicht-Geborenwerden für ein entschieden größeres Übel hält als die Unerfreulichkeit, an Unterernährung zu verrecken? Hier wird, wohlgemerkt, nicht etwa auf Abtreibungslösungen angespielt, sondern allein auf die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung (ein Zusatz, der schon deshalb notwendig erscheint, weil die Kirche in der Diskussion beides ärgerlicherweise ständig zu vermengen trachtet.) [...]
Vom Himmel wird die Rettung nicht fallen - wenn es noch eine gibt. Eine ungeheure gemeinsame Anstrengung wäre vonnöten. Warum rafft sich niemand zu ihr auf?
Zu den Faktoren, die diese feige Verdrängungsleistung begünstigen, gehören jene Anzeigen mit den Bildern abgemagerter und verhungernder Kinder. Selbstverständlich sind wir moralisch verpflichtet, den Hungertod auch durch Spenden zu bekämpfen. Wer der Suggestion dieser Anzeigen jedoch in der Weise erliegt, dass er sich einreden lässt, er könne mit einer bloßen Spende davonkommen, der verstrickt sich erst endgültig in Schuld.

(aus: Der Spiegel 33/1984)

AUTORINFORMATION

»Hoimar von Ditfurth  (vgl. auch: http://hoimar-von-ditfurth.de)
15.10.1921 (Berlin) - 1.11.89 (Freiburg), dt. Mediziner und Wissenschaftsjournalist; Fernsehmoderator der populärwissenschaftlichen ZDF-Reihe "Querschnitt" (71-83); ab 1968: Prof. für Psychiatrie und Neurologie; seit etwa Ende der 70er Jahre wird D. ein radikaler Kritiker der im Westen verbreiten Fortschrittsgläubigkeit; Entwicklung kulturpessimistischer Auffassungen, wonach der Untergang der Menschheit durch Umweltzerstörung, Überbevölkerung und atomare Aufrüstung besiegelt sei; Werke u. a.: Wir sind nicht von dieser Welt (1981), So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen - es ist soweit (1985), Innenansichten eines Artgenossen (1989); trotz seiner düster-pessimistischen Prognosen verlor D. nicht grundsätzlich die Hoffung auf Besserung, für die er mit großem Engagement eingetreten ist.
 


   Arbeitsanregungen:
  1. Erarbeiten Sie die inhaltliche Gliederung des Textes.

  2. Kennzeichnen Sie die Aussagen des Verfassers mit Strukturbegriffen zur Argumentation (These, Argument, Beweis, Beispiel, Folgerung, etc.).

  3. Verfassen Sie im Anschluss daran eine strukturierte Textwiedergabe. Ziehen Sie dazu auch die geeigneten Informationen über den Autor heran.

  4. Nehmen Sie in Form eines kommentierenden Leserbriefes kritisch Stellung.

   Weitere Arbeitsanregungen:

  1. Erfassen Sie die wichtigsten Aussagen des Textes mit Hilfe einer einfachen Aussagenliste (textsukzessiv). (Lösungsbeispiel)

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