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Hauptsache Wunschkind

Gert Egle (2013)


„Es gibt Länder auf der Welt, da ist unvorstellbar, wenn Menschen als Regenbogenfamilie zusammenleben. Das sind moderne Lebensformen - auch bei uns tun sich manche mit dem Begriff Familie dafür schwer- bei denen schwule oder lesbische Partner mit heranwachsenden Kindern so zusammenleben, wie heterogene Partner eben auch: als Familien, Regenbogenfamilien eben. Der Begriff leitet sich von der Regenbogenflagge ab, die inzwischen ein weltweites Symbol von selbstbewusst lebenden Lesben, Schwulen und Bisexuellen geworden ist.
In solchen Familien können die gleichgeschlechtlichen Partner als Eltern, wo es erlaubt ist, miteinander verheiratet sein oder in einem eheähnlichen Verhältnis als eingetragene Lebenspartnerschaften stehen oder auch in formlosen Verbindungen ohne staatliche Weihen miteinander leben.
In Deutschland und in etlichen anderen Ländern, wo sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert hat, haben es Regenbogenfamilien aber immer noch schwer, sich gegen hartnäckige Vorurteile zur Wehr zu setzen. Wenn man schon hinnimmt, dass Schwule und Lesben, wenn auch nicht in völliger rechtlicher Gleichstellung mit den Heteros, eine eingetragene Lebensgemeinschaft begründen und damit nicht weiter diskriminiert werden dürfen, dann ist die Grenze bei so manchem Zeitgenossen freilich sofort erreicht, wenn es darum geht, ob homosexuelle Partner auch Eltern für Kinder sein dürfen. Dabei ist es nur zum Teil von Belang, ob einer der beiden Partner auch der tatsächliche biologische Vater oder die „echte“ biologische Mutter des Kindes ist. Die Anzahl der Gegner von Regenbogenfamilien ist groß und, wenn es sein muss, sind die Gegner auch laut. Dann lassen sie alles vom Stapel, was sich an anderer Stelle aufgrund des politischen und sozialen Wandels, nämlich bei der mittlerweile schon bald 15 Jahre alten „Homo-Ehe“, nicht mehr so ohne Weiteres vorbringen lässt, ohne sich selbst ins Abseits zu stellen und sich dem Vorwurf der Diskriminierung auszusetzen. Jetzt, so die Verteidiger der letzten Frontlinie gegen den weiteren Vormarsch der Homosexualität in der Gesellschaft, gehe es um das Kindeswohl und nichts anderes. Sagen sie.
Die Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften aufwachsen, stammen in der Regel aus früheren heterosexuellen Ehen und Partnerschaften eines Elternteils. Noch sind es wenige jüngere Lesben oder Schwule, die sich ihren Kinderwunsch mit künstlicher Befruchtung oder Adoption als Einzelperson erfüllen wollen. Die meisten Kinder, die mit mindestens einem homosexuellen Partner aufwachsen, tun dies bei ihren homosexuellen Müttern. Und die Zahl der Kinder, die in Eingetragenen Lebenspartnerschaften aufwachsen, ist durchaus überschaubar. 2007/2008 waren es in Deutschland 2.200 Kinder, wie eine bayerische Studie 2009 ergeben hat. Rechnet man hinzu, dass nicht jedes schwule oder lesbische Elternpaar seine sexuelle Orientierung bekanntmacht, dann dürften es noch einige hundert, vielleicht tausend mehr sein. Interessant auch das Ergebnis der Forscher, wonach ungefähr gleich viele Kinder aus einer früheren heterosexuellen Beziehung stammen wie Kinder in gleichgeschlechtliche Partnerschaften hineingeboren werden.
Ein den Heteros gleichgestelltes Adoptionsrecht wird den homosexuellen Eltern indessen noch immer verweigert. Einer der beiden Partner darf zwar das leibliche Kind seines Partners als „Stiefkind“ adoptieren. Gemeinsam ist es ihnen allerdings gesetzlich verboten, ein Kind zu adoptieren. Nur über Umwege, aber nicht mit den heterosexuellen Eltern gewährten Rechten, können sie ihren Kinderwunsch realisieren. Einer der beiden Partner darf nämlich als Einzelperson ein Kind adoptieren. Der andere kann dann allerdings nur das so genannte kleine, weil eingeschränkte Sorgerecht erhalten.
In der kontroversen Debatte um ein vollständiges Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare spielen zahlreiche Vorurteile eine Rolle, die inzwischen von der Wissenschaft zwar allesamt widerlegt worden sind, aber auch weiterhin ungemein zäh sind. Da wird behauptet, Regenbogenfamilien fehle einfach jeweils ein Rollenmodell, ohne das Kinder ihre individuelle sexuelle Orientierung nicht entwickeln könnten. Tatsächlich beziehen Kinder ihre Geschlechtsrollenvorstellungen auf vielfältige Weise über ihre weitere soziale Umgebung genauso wie auch über Medien. Zudem suchen sie sich in der Regel männliche oder weibliche Bezugspersonen in ihrem weiteren sozialen Umfeld und werden darin meist von ihren gleichgeschlechtlichen Eltern in besonderer Weise unterstützt. „Eine Mühe“, wie Claudia Füssler in der Süddeutschen Zeitung vom 16.11.2014 betont, „die sich kaum eine Hetero-Mutter macht, die ihr Kind alleine erzieht und darauf vertraut, dass bald der nächste Partner kommt.“
Dass das Familienklima weitaus wichtiger für ein gesundes Aufwachsen von Kindern ist als die sexuelle Orientierung seiner Eltern ist von etlichen wissenschaftlichen Studien mittlerweile belegt. Und noch viel interessanter ist, dass ein positives Familienklima in den Regenbogenfamilien offenbar weit stärker verbreitet ist, als in den Hetero-Familien. Daher vermutet Füssler, dass eine Ursache dafür sein könnte, „dass gleichgeschlechtliche Elternpaare deutlich gleichberechtigter und demokratischer agieren als heterosexuelle Eltern.“ Das zeige sich insbesondere bei der anderen Rollenverteilung. So würden die häuslichen Aufgaben „eher nach Interessen und Können als nach festen Rollenprinzipien verteilt.“
Besondere Fürsorglichkeit zeigen homosexuelle Eltern auch dabei, ihre Kinder auf mögliche Diskriminierungen vorzubereiten. Dass die Kinder Anfeindungen im Allgemeinen gewappnet gegenübertreten können, liegt auch an der Achtsamkeit ihrer Eltern. So wundert es am Ende nicht, dass Kindern aus Regenbogenfamilien ein stärkeres Bewusstsein für Ungerechtigkeiten jedweder Art bescheinigt wird.
Eines aber scheint die Grundlage für alles zu sein, was Kinder in Regenbogenfamilien oft so stark und selbstachtsam macht: Sie sind allesamt Wunschkinder, wenn sich gleichgeschlechtliche Partner ihren Kinderwunsch erfüllen. Abfärben jedenfalls kann sexuelle Orientierung nicht, auch wenn sich so mancher noch immer hinter seinen Vorurteilen und seiner archaischen Angst vor Homosexualität verbarrikadiert. Hauptsache Wunschkinder.

Gert Egle, www.teachsam..de, zuletzt bearbeitet am: 05.11.2014

 

 
   Arbeitsanregung 1

   Problem: Sollen homosexuelle Partner das gleiche Adoptionsrecht haben wie heterosexuelle Paare?

  • Führen Sie eine Meinungsumfrage in Ihrer Lerngruppe/Klasse/Kurs oder auch in der Schule durch.
    Präsentieren Sie Ihr Ergebnis multimedial.

   Arbeitsanregung 2

   Fassen Sie den Text zusammen (alternativ mit unterschiedlichem Anspruchsniveau)

  1. Verfassen Sie eine einfache Stichwortliste.

  2. Geben Sie den Inhalt des Textes in Form eines Mind Maps/einer ConceptMap wieder.

  3. Verfassen Sie eine Inhaltsangabe.

    • Unterstreichen Sie dazu im Text die wichtigsten Kernbegriffe.

    • Schreiben Sie diese Kernbegriffe (keine vollständigen grammatischen Konstruktionen!) aus dem Text heraus einfache Stichwortliste).

    • Überarbeiten Sie Ihre Stichwortliste und entwickeln Sie daraus eine strukturierte Stichwortliste, die Ihnen als Grundlage für Ihre Inhaltsangabe dienen soll.

    • Formulieren Sie dann auf der Basis dieser Vorarbeiten die Inhaltsangabe in einem ersten Textentwurf.

    • Lesen Sie die Inhaltsangabe erneut durch, nehmen Sie ggf. Verbesserungen und Veränderungen vor und schreiben Sie im Anschluss daran ihre Endfassung nieder.

  4. Diskutieren Sie die Problematik in Ihrer Lerngruppe/Klasse/Kurs.

   Arbeitsanregung 3 (schrittweises kooperatives Schreiben in einer →Schreibkonferenz)

   Arbeitsanregung 4

  1. Visualisieren Sie den Text,
  2. Wie beurteilen Sie die dargestellte Entwicklung?

   Arbeitsanregung 5 (untersuchendes Erschließen, Texterörterung)

  1. Geben Sie den Inhalt des Textes unter Herausarbeitung des Gedankenganges des Verfassers wieder. Stellen Sie an den Beginn eine Überblicksinformation. ( »Strukturierte Textwiedergabe)

  2. Arbeiten Sie heraus, welche Position der Autor zu dem von ihm gewählten Thema einnimmt und nehmen Sie dazu kritisch Stellung.

  3. Erörtern Sie verschiedene Ursachen für die Vorurteile über Homosexualität in unserer Gesellschaft und zeigen Sie dabei Lösungsmöglichkeiten auf.

  

 

  

 
 

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