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Interpretation

Wolfgang Kayser (1958)


"Die [...] Arbeitsweise, von der nun zu sprechen ist, strebt zunächst gar nicht nach Wertung. Sie sieht das Werk als Ganzheit - das ist ein Teil ihrer Auffassung von der Dichtung - und will das Gefüge dieser Ganzheit begreifen und durchsichtig machen. Sie heißt dieses ihr Verfahren Interpretation schlechthin. Interpretation wird überall betrieben, wo es Texte gibt, mehr: wo es sinnhaltige Formen gibt. Interpretation ist die auf Verstehen beruhende Erfassung und Vermittlung des eine Sinn- und Funktionseinheit bildenden Formkomplexes. Interpretation bezieht die Formelemente in einen Funktionszusammenhang. [..] 
Im Fall der Werkinterpretation handelt es sich also darum, alle an der Gestaltung zur einheitlichen Gestalt beteiligten Formelemente in ihrer Wirksamkeit und in ihrem Zusammenwirken zu begreifen: von der äußeren Form, Klang, Rhythmus, Wort, Wortschatz, sprachlichen Figuren, Syntax, Geschehnissen, Motiven, Symbolen, Gestalten zu Ideen und Gehalt, Aufbau, Perspektive, Erzählweise, Atmosphäre [...] und was sich sonst an Gestaltungsmitteln erfassen lässt. Dass die einzelnen Formen wie Nomen, Parataxe, Oxymoron usf. nicht von Haus aus ihre Leistung mitbringen, so dass sie als Wegmarken ins Zentrum zu benutzen wären, ist Gemeingut solcher Arbeitsweise. Die Interpretation steigt überhaupt nicht vom Kleinen, Einfachen zum Größeren, Komplexen auf, sondern bewegt sich in dem steten Schwingen vom Teil zum Ganzen und Ganzen zum Teil."

(aus: Wolfgang Kayser, Die Vortragsreise. Studien zur Literatur. Bern: Francke 1958, S. 45 f.)
 

   
   Arbeitsanregung

   Arbeiten Sie aus dem Text heraus:

  1. Worauf zielt nach Ansicht Kaysers der Vorgang der (werkimmanenten) Interpretation?

  2. Welche Aufgaben gehören seiner Auffassung nach zur Interpretation?
     

     
  Merkmale ] Hermeneutischer Zirkel ] Aufbau ] Textauswahl ]  
  

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