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Hermeneutischer Zirkel

Fragendes Verstehen als Grundfigur


Die Einnahme einer Haltung des fragenden Verstehens ist eine der wichtigsten Voraussetzungen des hermeneutischen Zirkels auf der Seite des Lesers. Und gerade "die Dialektik von Frage und Antwort ist stets die Grundfigur des hermeneutischen Prozesses" (Reichert 1995, S. 221) 

In einer Anmerkung zu seinem Aufsatz fasst Klaus Reichert, (1995, S. 224f.) den Prozess fragenden Verstehens wie folgt zusammen:

"In unserer Interpretation eines hermetischen Gedichts wurde gezeigt, wie der Fragehorizont sich immer wieder verschiebt: Jede dem Gedicht abgelesene Antwort verwandelte sich in eine neue Frage, die zu einer wieder anderen Antwort führte. Das einzig konstante des Fragehorizonts ist seine Inkonstanz, der Wechsel von Negationen, die fortschreitend in eins gesetzt sind."

Mit einem Auszug aus Hans-Georg Gadamers Werk "Wahrheit und Methode" (1962)  zeigt Reichert die erkenntnismethodischen Grundlagen des fragenden Verstehens auf.

"Dass ein überlieferter Text Gegenstand der Auslegung wird, heißt bereits, dass er eine Frage an den Interpreten stellt. Auslegung enthält insofern stets den Wesensbezug auf die Frage, die einem gestellt ist. Einen Text verstehen, heißt diese Frage verstehen. Das aber geschieht (...) dadurch, dass man den hermeneutischen Horizont gewinnt. Diesen erkennen wir jetzt als den Fragehorizont, innerhalb dessen sich die Sinnrichtung eines Textes bestimmt. - Wer verstehen will, muss also fragend hinter das Gesagte zurückgehen. Es muss es als Antwort von einer Frage her aus verstehen, auf die es die Antwort ist. So hinter das Gesagte zurückgegangen, hat man aber notwendig über das Gesagte hinausgefragt. Man versteht den Text ja nur in seinem Sinn, indem man den Fragehorizont gewinnt, der als solcher notwendigerweise auch andere mögliche Antworten umfasst. Insofern ist der Sinne eines Satzes relativ auf die Frage, für die er eine Antwort ist, d.h. aber, er geht notwendigerweise über das in ihm selbst Gesagte hinaus. (S.351 f., zit. n. Reichert 1995, S.224)"

  

   Arbeitsanregungen:
  1. Erläutern Sie, was Gadamer mit seinem ersten Satz meint.

  2. Was bedeutet Gadamers Festellung: "Wer verstehen will, muss .. fragend hinter das Gesagte zurückgehen."
     

     
  Merkmale ] Hermeneutischer Zirkel ] Aufbau ] Textauswahl ]  
  

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