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Hermeneutischer Zirkel

Überblick

 
 
Die werkimmanente Interpretation basiert auf bestimmten Annahmen über Textproduktion und Textrezeption. Sie münden bei der Interpretation in die Vorstellung vom hermeneutischen Zirkel. (gr. hermeneuein = deuten, interpretieren; kirkos = Kreis).

Die Hermeneutik geht dabei zunächst einmal von der Grundregel aus, dass das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen heraus verstanden werden muss.

Diese Grundregel kann für das Verstehen im Allgemeinen, insbesondere aber für das Verstehen von Texten, genutzt werden.
Wer einen Text liest, geht zunächst einmal mit dem Horizont seines eigenen Wissens und seiner Erfahrungen, auch Lektüreerfahrungen, an den Text heran. Dieses erste Vorverständnis entwickelt sich nach dem erstmaligen Lesen (Primärrezeption des Textes) zu einem ersten Textverständnis. Denn das Lesen hinterlässt bewusste oder unbewusste Spuren im Denken und Fühlen eines Lesers, die sich u. U. als Erstleseeindrücke festhalten lassen. Sie wirken sich in hohem Maße auf die Arbeiten aus, die im Rahmen einer Textinterpretation durchgeführt werden müssen und hängen eng mit dem gewählten Leseverfahren und der eingenommenen Lesehaltung zusammen.

Für die Interpretation eines literarischen Textes ist es sehr hilfreich, die im Rahmen der Erstleseeindrücke entstandenen Urteile, Deutungsansätze und Sinnkonstruktionen (erstes Textverständnis)  wahrzunehmen und entsprechend ernst zu nehmen. Darin gründet sich auch die "Unverzichtbarkeit hermeneutischer Textzugänge im Literaturunterricht" (Kammler 2005, S.189) Denn, wie Kammler betont, geht es "gerade in der Phase der ersten Wahrnehmung eines literarischen Textes (...) darum, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich selbst mit ihren eigenen Assoziationen und Eindrücken einzubringen, um sich gleichzeitig auf den Text als potentiellen Vermittler von Wahrheiten einzulassen."
Dieses (erste) Textverständnis erweitert das Vorverständnis und erweitert damit auch den Horizont des Vorverständnisses (V1). Dies darf man aber nicht so verstehen, dass damit einfach zu dem bisherigen Vorverständnis etwas hinzuaddiert wird. In Wahrheit entsteht dabei nämlich etwas Neues, weil die vorläufigen Sinndeutungen neu konstruiert werden. Von diesem neuen Vorverständnis (V2) ergibt sich bei der weiteren Auseinandersetzung mit dem Text ein (erweitertes, korrigiertes) neues Textverständnis (T1). Wird dieser Prozess weiter fortgeführt, findet ein fortlaufender Erkenntnisfortschritt statt, der prinzipiell unabgeschlossen ist.

Die "Vermutungen", mit denen wir von unserem jeweiligen Vorverständnis ausgehend über den Text anstellen,  setzen uns quasi die Brille auf, durch die hindurch wir einen Text zunächst einmal sehen.
In Form einer Zirkelbewegung, die immer wieder zur Vertiefung, Erweiterung und Neukonstruktion dieses ersten Textverständnisses zurückführt, entwickelt sich das Textverständnis immer weiter. Im Zuge dieser hermeneutischen Zirkelbewegung verringert sich zusehends die hermeneutische Differenz (Distanz) zwischen den Horizonten des Interpreten und des Autors (bzw. des Texthorizontes)  mit der Tendenz zur so genannten Horizontverschmelzung.

Dieses Verfahren: Ausgehen vom Ganzen, danach Untersuchung der Teile in ihrer Funktion für das Ganze und erneut Rückkehr zum Ganzen wird als hermeneutischer Zirkel bezeichnet. Dieses zirkuläre Wieder-Zurückkehren zum Ausgangspunkt des Verstehens kann allerdings den im Prozess des Verstehens gewonnenen Verstehenszuwachs nicht ohne weiteres abbilden.

Hermeneutische Spirale

Der Begriff und die Vorstellung einer Zirkelbewegung bei der Entwicklung eines Verstehensprozesses trifft heutzutage allerdings nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung.

So spricht sich Jürgen Bolten (1985) für den Begriff der hermeneutischen Spirale aus. Weil nämlich der Verstehensprozess zu einem fortlaufenden Verstehenszuwachs führe, werde das Vorverständnis bzw. der jeweils erreichte Vorgriff auf das Ganze des Textes fortwährend durch ein immer genauer und tiefer gehendes Verstehen ersetzt und verbessert. Für Bolten ergibt sich daraus die Forderung nach einem integrativen Verstehen, das verschiedene Deutungsansätze philologischer, literarischer oder wirkungsgeschichtlicher Art in einer hermeneutischen Spiralbewegung aufnimmt.

"Einen Text verstehen heißt demzufolge, Merkmale der 'Textstruktur' bzw. des '-inhaltes' und der 'Textproduktion' unter Einbeziehung der 'Text-' und 'Rezeptionsgeschichte' sowie der Reflexion des eigenen 'Interpretationsstandpunktes' im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen. Dass es dabei weder 'falsche' noch 'richtige', sondern allenfalls mehr oder minder angemessene Interpretationen geben kann, folgt aus der [...] Geschichtlichkeit der Verstehenskonstituenten und der damit zusammenhängenden Unabschließbarkeit der hermeneutischen Spirale. [...] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich einem Mechanismus der Selbstkorrektur. " (Bolten 1985, S.362f.)

* Hermeneutik = kurz: Kunst der Auslegung (Interpretation)

 

     
  Merkmale ] Hermeneutischer Zirkel ] Aufbau ] Textauswahl ]  
  

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