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| "Mir ist so langweilig" ist der Lieblingssatz des acht Jahre
alten Sebastian, wenn er am Morgen nach einem ausgedehnten Wochenende wieder
in der Schule antritt. Ob er nun stundenlang Fernsehen geguckt oder den
Vater auf einer Wochenendtour begleitet hat - es ist immer dasselbe: alles,
was in der Schule von ihm verlangt wird, überfordert ihn restlos. Weder
schafft er es, sich sofort an die Arbeit zu begeben, noch kann er seine
Schulsachen selbst in Ordnung halten. Seine Augen sind unruhig, seine Arme
wischen über den Tisch. Nur den Kopf nicht anstrengen! Er ist eh' schon so
voll mit Gedanken, die er sich um seine Mutter macht. Sie lebt schon lange
nicht mehr mit ihm. Stattdessen wird er von einer früheren Freundin des
Vaters versorgt. Nachmittags ist er im Hort, am Wochenende beim Vater. Kinder von heute stehen unter Stress. Wenn es nicht der Beziehungsstress ist, dann ist es das Zeitdiktat. Alles muss schnell gehen. Lieber räumen die Erwachsenen hinter ihnen her, als dass sie sie ihre eigene Ordnung finden lassen. Morgens muss man pünktlich sein. Wie viele Kinder schaffen das schon allein - sich anziehen, frühstücken, rechtzeitig aus dem Haus gehen! Die Mutter ist dann häufig schon seit zwei Stunden an ihrem Arbeitsplatz und kann allenfalls über das Telefon unterstützend eingreifen [...]. Stress ist eine Zeiterscheinung. Schon Zwölfjährige fühlen sich ähnlich den Erwachsenen "im Stress", wenn Eltern nicht den (emotionalen) Rahmen schaffen, in dem Kinder langsam und ohne Druck von außen reifen können [...]. Zu den besonderen Belastungen, die Kindheit heute anders beeinflussen als noch vor zwanzig Jahren gehören vor allem Veränderungen im familiären Bereich, der Informationsüberfluss, die konsumorientierte Freizeitgestaltung und die kaum noch gegebene Möglichkeit für Kinder, sich ihre Umgebung selbst zu erobern. Auch Ängste spielen eine wichtige Rolle. Schließlich kriegen Kinder heute sehr viel mehr mit, was in der Welt passiert. Hinzu kommt ein Trend zur Individualisierung. Jeder erzieht sein Kind in bester Absicht so, wie es für seine speziellen Verhältnisse am günstigsten erscheint. Kinder verbringen mehr Zeit mit Erwachsenen, als das früher der Fall war. Sie werden in alle Probleme mit eingeweiht. Man erwartet Solidarität von ihnen. Der Stress in der Schule ist dann häufig nur noch das I-Tüpfelchen auf dem Ganzen... Durch ein gutes Familienklima lässt sich vieles auffangen. Doch das setzt voraus, dass man auch wirklich noch miteinander redet und nicht den größten Teil der Zeit vor dem Fernseher verbringt. Außerdem sind auch schon Kinder in der Lage, bei zu vielen Anforderungen Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Sie zu beobachten und notfalls Änderungen herbeizuführen, liegt in der Verantwortung der Erwachsenen. Und wo schließlich gar nichts mehr hilft, bewirkt unter Umständen das Erlernen des Autogenen Trainings ebenso schon bei Kindern und Jugendlichen Wunder. Selbst Lehrer greifen inzwischen zu diesem Mittel. Gemeinsame Stilleübungen zu Beginn einer Stunde schaffen die Konzentration, die nötig ist, um in ein Thema einzusteigen oder abzuschalten. Sebastian kann es inzwischen schon recht gut und hat dann Spaß daran, wenn er für seine Anstrengungen gelobt wird. Doch will man auf Dauer etwas erreichen, dann muss auch die Schule sich weiter verändern. So wie sie im Moment noch organisiert ist - Stundenpläne mit unterschiedlichen Anfängen, Unterricht im Dreiviertelstundentakt und Hausaufgaben, bei denen viele Kinder sich selbst überlassen sind -, entspricht sie nicht mehr unserer Zeit, sondern verstärkt den Druck, den Kinder durch ihre Lebensumstände ohnehin schon erleiden, noch zusätzlich. Gute Ansätze sind dagegen: die Ganztagesschule, kleine Klassen und ein Unterricht, der sich ganz auf die Bedürfnisse der Kinder einstellt - nach Wärme und Zuwendung etwa - und nicht zuletzt selbstentdeckendes Lernen ermöglicht. (585 Wörter) (aus: Stuttgarter Zeitung, 9.5.92) |
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Arbeitsanregungen zur Texterörterung:
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