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Texterörterung

Wer zuletzt kotzt, hat gewonnen

Jobst Plog (1993)


Sie nennen es das "Montags-Syndrom". Lehrer, Erzieherinnen, Sozialarbeiter. Chaos im Unterricht, Aggression auf dem Pausenhof, das Wochenende lässt grüßen. Mit stunden-, tagelangem Konsum von Fernsehen und Videos. Volker Schlegel, Erzieher in Hamburg St. Pauli: "Der natürliche Instinkt der Kinder ist verloren gegangen. Wenn früher der "Gegner" auf dem Boden lag, wussten die Kids: es reicht. Heute treten sie noch mal nach." Wer am Wochenende "Ultraman" oder "Karate-Killer" sieht; wer Kung-Fu-Monster um sein Bett versammelt, wo früher Schutzengel und Sandmann wachten, der kann montags nicht einfach zurückschalten in die Schul- oder Kindergartenwirklichkeit. Klein-Rambo schlägt zu. Und das, bestätigen alle Lehrer, erbarmungsloser denn je.(…)
Die Stuttgarter Nachrichten zitieren einen Hauptschullehrer, dessen Schüler ein perverses Spiel spielen. Titel: "Wer zuletzt kotzt, hat gewonnen." Das geht so: Man trifft sich im Freundeskreis und sieht gemeinsam so genannte "Hackfleischvideos", also Videos mit exzessiver Gewalt, voller Brutalität und Menschenverachtung. Wer dabei am längsten die Nerven behält, wessen Magennerven am besten mitspielen, der gewinnt. O selig, o selig, ein Kind noch zu sein?
"Gewalt ist eine soziale Krankheit", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, und niemand wird ihm ernsthaft widersprechen. Ebenso wird niemand bestreiten, dass die reale Gewalt und die Bereitschaft, Gewalt als Mittel der Konfliktlösung einzusetzen, unter Kindern und Jugendlichen hierzulande deutlich zunehmen. Umstritten sind - wie könnte es anders sein - die Ursachen zunehmender Aggression. Mehr als 5000 Studien zum Thema Gewalt liegen inzwischen vor, und sie sagen zuverlässig: Die Wirkung einer Sendung mit hohem Gewaltanteil hängt von vielen Faktoren ab. Das ist ebenso einleuchtend wie selbstverständlich, denn gäbe es eine Monokausalität, die die Konsumenten des Rambo-Films kurz danach auf offener Straße den Nachbarn niederschießen ließe, wäre die Diskussion über Gewalt im Fernsehen simpel. […]
Dass Menschen generell von Gewalt fasziniert sind, bestreiten lediglich Heuchler. Dass sie in sich ein großes, durch Erziehung bestenfalls kaschiertes Voyeur-Potential haben, geben die meisten nicht zu. Dennoch ist es so. Professor Jo Groebel, der an der Universität Utrecht Direktor des Lehrstuhls "Psychologie der Massenkommunikation" ist, befasst sich seit langem mit der Wirkung des Fernsehens.
Ein von ihm erzähltes Beispiel zur Faszination von Gewalt ist besonders eindrucksvoll: Viele japanische Kinder haben bereits im Alter von einem Jahr einen Fernseher im Kinderzimmer. Dreijährigen hat man eine Reihe von Comic-Cartoon-Figuren vorgestellt. Ergebnis: Nahezu alle Kinder wählten nicht etwa die lieb, sanft und zart aussehende Figur, sondern waren am stärksten interessiert an jener, die eindeutig böse zu sein schien. Mit anderen Worten: Das Bedürfnis nach Gewalt, die Aufmerksamkeit für das Böse ist im Menschen angelegt. Gewaltfaszination, so beweisen viele Studien, hat eine biologische (Männer fühlen sich davon eindeutig häufiger angezogen), eine soziale und eine Lernkomponente. Wen locken heute noch Fernsehbilder, die vor zwanzig Jahren als gewalttätig galten, hinter dem Ofen vor? Wer in einem ungünstigen sozialen Umfeld einer Dauerberieselung von harter Gewalt, aggressivem Männlichkeitswahn und Faustrecht statt Argumenten ausgesetzt ist, dessen Resistenz, dessen eigene Gewaltschwelle sinkt. Der mit dem Colt tanzt, denkt irgendwann, er sei nur dann ein ganzer Mann, wenn er auch schießt. […]
Ich plädiere im Übrigen, ganz im Sinn von Walter Jens, für einen erweiterten Gewaltbegriff. Gewalt im Fernsehen ist nicht Ballern und Blut allein. Gewalttätig sind auch die miesen Spanner- und Spießershows: Einer dumpfen Menge wird einer vorgeführt. Der da vorgeführt wird, merkt es nicht oder genießt die Exhibition. Dumpfheit und Flachsinn als Showprinzip bergen auch Gewalt. Wer sich von Glücksrädern überrollen lässt, muckt nicht auf.
Kommerzielles, und zwar ausschließlich kommerzielles Interesse, so hat es Klaus Bresser formuliert, bringt am Ende ein völlig anderes Menschenbild auf den Schirm: Zynismus als Maß aller Dinge, Gaffer- und Brüllshows bedienen die basic instincts des Publikums.

(aus: Süddt. Ztg., 9./10.10.93)

    

   Arbeitsanregungen zur Texterörterung:
  1. Geben Sie den Inhalt des Textes unter Herausarbeitung des Gedankenganges des Verfassers wieder. Stellen Sie an den Beginn eine Überblicksinformation.( strukturierten Textwiedergabe)
  2. Nehmen Sie zu folgenden Thesen des Verfassers Stellung:
  • Es gibt eine quasi natürliche Gewaltfaszination bei den Menschen.
  • Gaffer- und Brüllshows (?) müssen, das sie die sog. basic instincts (?) der Menschen befriedigen, in einen erweiterten Gewaltbegriff einbezogen werden.

             

                  
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