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Texterörterung

Domina und Kluminator

Heidi Klums totalitäres Konzept in Germany’s Next Topmodell


Heidi Klums Topmodelsuche, Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum, wie es richtig heißt, geht im Jahr 2011 auf dem Sender ProSieben in die sechste Runde. Und das, obwohl der Marktanteil ihrer fünften Ausgabe im Jahr 2010 die schlechtesten Quoten eingebracht hat, seitdem die Casting-Show im Jahr 2006 erstmals über die Fernsehsender flimmerte.
Nach Jahren steigenden Publikumsinteresses von 3,02 Mio. Zuschauer im Jahr 2006 bis zu 3,83 Mio. im Jahr 2009, hat das Publikumsinteresse im Jahr 2010 mit 3,01 Mio. Zuschauern im Staffeldurchschnitt eine Tiefmarke erreicht. Trotz alledem: Mit einem, wenn auch deutlich sinkenden Marktanteil von 18,1 Prozent im Staffeldurchschnitt bei den 14 bis 49-Jährigen, noch kein Anlass für den Sender, sich von ihr zu trennen. Solange erkleckliche Werbeeinnahmen fließen, darf der "Kluminator", wie sich Heidi Klum mitunter selbst bezeichnet, also weitermachen.
Was die 50 bildhübschen jungen Frauen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren, die aus 13.374 Bewerberinnen ausgewählt wurden, in der nächsten Zeit erwartet, hat Meike Laaf in ihrem Artikel "Die Gleichschaltung der Gesichter" in der tageszeitung (taz) vom 3.3.2011 wie folgt auf den Punkt gebracht:
"Die Klum wird ihren Kandidatinnen in einer Woche vorwerfen, ihnen fehle die richtige Einstellung. Wird Kandidatinnen eine letzte Chance einräumen, wenn sie endlich mal aus sich rauskommen, ihr wahres Gesicht zeigen. Und sie in der nächsten Woche trotzdem rauswerfen, weil sie einfach zu langweilig sind oder ihnen einfach das stets einsetzbare 'gewisse Etwas‘ oder die 'Persönlichkeit‘ fehlt. Zu aufgedreht, zu introvertiert. Zu unkontrolliert, zu brav, zu unnatürlich, zu maskulin, zu erotisch, zu süß, zu wenig wandelbar – jede Woche erfinden Führerin Klum und ihr Jurygefolge neue Kritikpunkte." Dabei stilisiert sich Heidi Klum gerne zur "Hohepriesterin des Modelgewerbes. Sie hält kardinale Tugenden hoch und geißelt die entsprechenden Sünden - Tugenden und Laster, die aber keineswegs allein im Beruf eines Models eine Rolle spielen." Vielmehr werde, wie Angela Keppler (2010, S.117) weiter betont, "in der dramatischen Schlussphase jeder Episode ein Katalog durchaus klassischer Mädchentugenden rezitiert." Dass sie dabei meist zum "Guru einer anti-feministischen Ethik" avanciert, passt ins Bild. (ebd.)
Mit diesem "Klumschen totalitären Bewegungsgesetz", so macht Journalistin Laaf klar, soll "das ominöse 'Gesamtpaket', das Germany’s Next Topmodel mitbringen soll, immer schön in Bewegung" gehalten werden.
"Die Mädchen dürfen sich nie zu sicher fühlen", verkündet die selbsternannte "Domina vom Dienst", wie die geschäftstüchtige Powerfrau Klum von Hans Hoff in der Süddeutschen Zeitung vom 3.3.2011 bezeichnet wird. Die jungen Frauen sollen auf ihren stets nur verheißenen, aber bisher für keine der zur Siegerin gekürten Mädchen Realität gewordenen internationalen Topmodelruhm alles tun, verlangt ist völlige Unterwerfung.
Heulen und Zähneknirschen, die öffentliche Zurschaustellung und das Anprangern der Verlierer gehören dabei genauso zum Repertoire der plumpen Inszenierung menschlicher Leidenschaften und Gefühle, wie die den geskripteten Dokusoaps entlehnten Stilmittel der Verlangsamung, Verkürzung und Verdichtung, mit denen der bewusst geförderte und inszenierte Zickenkrieg in einer Art Endlosschleife präsentiert wird. Für Laaf ist die psychologische Kriegsführung, denen die Kandidatinnen ausgesetzt sind, denn auch "purer Terror", denn "welche Kandidatin in welcher Woche niedergemacht wird, ist vollkommen willkürlich – klar ist nur, dass jedes Mädchen, eins nach dem anderen, irgendwann heulend vor der Jury stehen muss und sich in der Woche danach heulend unterwirft. Und: besonders starke Charaktere müssen zuerst gebrochen und gleichgeschaltet werden. Bis zum Negieren von Solidarität untereinander und zur völligen Aufgabe von Selbsterhaltungstrieb und Schamgefühl."
Die kritische Betrachtung der Journalistin der taz gipfelt denn auch darin, die totalitären Strukturen der Casting-Show herauszuarbeiten. Wenn sich Regeln ständig veränderten, eine unfehlbare Führerin und eine gebrochene und atomisierte Gefolgschaft in einer solchen Weise zusammenwirkten und zugleich ein "Lügenkonstrukt", " man könnte durch Gewinnen der Show tatsächlich ein international gefeiertes Model werden" dazukomme, dann seien wesentliche Aspekte einer totalitären Bewegung erfüllt, wie sie die Philosophin Hannah Arendt in ihrer 1.000-seitigen Abhandlung über totale Herrschaft beschrieben habe.
Natürlich weiß die 37-jährige Heidi Klum "mit ihrem penetranten Plastikfröhlichkeitscharme" (Laaf) wie das Geschäft mit der (Eigen-)Werbung läuft. So ist auch Kritik, die an ihren Sendungen in Deutschland und den USA immer wieder laut wird, wie Hans Hoff betont, "von vornherein eingeplant". Denn, so fährt er fort, "gäbe es die Proteste nicht, würde nicht immer wieder jemand aufstehen und das, was bei GNTM passiert, erregt problematisieren, wäre die Show wohl nach Staffel drei beendet gewesen. Das hätte sich dann möglicherweise auf Klums Markenwert ausgewirkt".
Und an diesem Markenwert der selbsternannten "Königin der Modelwelt" (Schneeberger) arbeiten auch die anderen Jurymitglieder eifrig mit, indem sie mit gegensätzlichen Statements den Kandidatinnen stets die letzte Hoffnung rauben, sie könnten sich mit dem Befolgen eines bestimmten Ratschlages Vorteile gegenüber den Mitkonkurrentinnen verschaffen. Solche "Doppelstrukturen und ungeklärten Hierarchieverhältnisse" seien es, die "das Klum-Imperium aufrechterhalten", erklärt Laaf und ergänzt: "Mit dieser Strategie stabilisierten zumindest Hitler und Stalin ihre Bewegungen, sagt Arendt."
Noch scheinen die letzten Tage von GNTM nicht angebrochen. Vielleicht wird der Klum-Konzern sich aber jetzt, da die besten Zeiten seines Zugpferdes unter Umständen vorbei scheinen, sich in den Zeiten des Niederganges aber noch jene Trash-TV-Verwertungsmedien unter den Nagel reißen, in denen ehemalige Kandidatinnen auftreten und sich bitterlich darüber beschweren, "wie mies sie behandelt wurden und wie viele Schrauben die Macher des Formats locker haben." Dass dieselben Mädchen zuvor mitgemacht haben, " damals, in der stimmigen, kleinen Topmodelwelt, wo das alles so logisch schien und wo das Wort von Heidi und ihren Mannen Gesetz war," (Laaf) ist kein Widerspruch, sondern die Voraussetzung dieser Art von Trash-Verwertung. Im totalitären Konzept von GNTM bleiben sie auch dann Opfer, wenn sie sich freiwillig in die Fänge des Klum-Regimes begeben haben.
Die Frage, ob die Dominasprüche der "Mutter des Hochleistungslaufens" (Stöhr) demnächst auch als Erziehungsbuch "by Heidi Klum" auf den Markt kommen, unter dem Titel: "Die Tiger-Domina. Du bist viel zu dick. Du hast dich nicht entwickelt. Du bekommst heute kein Foto von mir." ist derzeit noch ungeklärt. Zuzutrauen wäre es der Marke Klum, wenn sie auch so weiter expandiert. Amy Chua («Battle Hymn of the Tiger Mother») lässt grüßen.” "Drill made in China – und Drama sponsored by Prosieben." (Stöhr)

(Quellen: Hans Hoff, Man stürzt nicht nur einmal. Scheitern ist bei Castingshows wichtig – vor allem, wenn es um die Schönheit junger Frauen geht, in: Süddeutsche Zeitung, 3.3.2011; Meike Laaf: Die Gleichschaltung der Gesichter. GERMANY’S NEXT TOPMODEL Was passiert, wenn man mit der Hannah-Arendt-Kanone auf einen Spatzen wie Heidi Klum schießt? in: die tageszeitung 3.3.2011; Mark Stöhr: Und da laufen Heidis Mädchen wieder, stern.de, 4.3.11)Ruth Schneeberger: "Alles, was man nicht sehen will. TV-Kritik, 4.3.11")

¨Gert Egle, www.teachsam.de, 06.3.11
 

   

   Arbeitsanregungen zur Texterörterung:
  1. Geben Sie den Text in Form einer strukturierten Textwiedergabe wieder.

  2. Setzen Sie sich mit dem Text kritisch auseinander.

Weitere Arbeitsanregungen:

  1. Diskutieren Sie in Ihrer Lerngruppe: Was halten Sie von dem Fernsehformat "Germany's Next Topmodel"?

  2. Suchen Sie drei Thesen heraus, zu denen Sie Ihre eigene Argumentation nach dem allgemeinen Argumentationsschema zur erweiterten Argumentation entwickeln und notieren.

  3. Verfassen Sie einen kommentierenden Leserbrief zu dem Text.

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