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Rede- bzw. Sitzungsprotokolle von
Parlamentssitzungen werden veröffentlicht. So stehen auf dem Server
des
Deutschen
Bundestages die
Plenarprotokolle
der Plenarsitzungen des Parlamentes der letzten Jahre zum Abruf bereit.
(Plenarsitzungen = Sitzung des Plenums (Vollversammlung) eines
Parlamentes). Die Plenarsitzung vom 9.3.01. befasste sich mit einem Antrag
der FDP zur Abschaffung der Sektsteuer. Daraus stammen die folgenden
Auszüge:
Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Ich rufe den Tagesordnungspunkt 17
auf: Beratung des Antrags der Abgeordneten Rainer Brüderle, Marita Sehn,
Ina Albowitz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der F.D.P.
Steuerrecht vereinfachen - Schaumweinsteuer abschaffen - Drucksache
14/5337 -[...] Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei die F.D.P. fünf Minuten
erhalten soll. - Ich höre keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.
Ich eröffne die Aussprache. Als Erste hat die Abgeordnete Marita Sehn das
Wort.
Marita Sehn (F.D.P.): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die marinen Großmachtsträume sind ausgeträumt. Die
preußische Monarchie gibt es nicht mehr. Nur die Sektsteuer hat
überlebt. Diese Steuer ist für uns ein Musterbeispiel für die
Überlebensfähigkeit von Steuern. Unterstellt man einmal der
Bundesregierung, dass sie keine Flottenpolitik mehr betreiben möchte,
dann fragt sich doch jeder: Warum gibt es diese Steuer noch? Haben Sie
eine Antwort darauf?
(Beifall bei der F.D.P.)
Ich finde es sehr interessant, dass eine Regierung, die sich mit dem
Pazifismus schmückt, bei ihrer Mittelbeschaffung gerne auf die Relikte
des preußischen Militarismus zurückgreift. Aber wie heißt es doch so
schön: Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral!
(Horst Schild [SPD]: Das Saufen!)
Was, bitte schön, bezwecken Sie mit der Sektsteuer? Wollen Sie die Leute
vom Sektkonsum abhalten, oder was? - Ich denke, wir alle kennen die
Antwort. Wir haben die Sektsteuer,
(Gustav Herzog [SPD]: Die ihr von 1969 bis 1998 nicht abgeschafft habt!)
- Herr Herzog, weil es sie nun einmal gibt und weil sie so einen schönen,
stetigen Finanzfluss in die chronisch klammen Kassen von Herrn Eichel
bewirkt. Rund 1 Milliarde DM, Herr Herzog, sind ja auch alles andere als
ein Pappenstiel. Darüber sind wir uns einig. Aber reicht dies denn
wirklich, um die Existenz dieser Steuer zu rechtfertigen? Die Antwort der
F.D.P. lautet: Nein! Der Staat sollte den Mut haben, eine Steuer, die sich
historisch überlebt hat und keinerlei Lenkungsfunktion mehr erfüllt,
abzuschaffen.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der PDS)
[...]
Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Das Wort hat jetzt der Abgeordnete
Horst Schild.
Horst Schild (SPD): Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Zu
dieser Gelegenheit hätte sich vielleicht auch ein Gläschen Schaumwein
angeboten.
(Marita Sehn [F.D.P.]: Das wäre keine schlechte Idee gewesen! -
Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Es ist Fastenzeit!)
Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Die Zeiten sind vorbei, Herr
Abgeordneter.
Horst Schild (SPD): Die Karnevalszeit ist leider vorbei, Kollege Seiffert.
Aber ich habe schon den Eindruck, dass wir das Thema nicht losgelöst vom
Landtagswahlkampf in Rheinland-Pfalz behandeln können.
(Marita Sehn [F.D.P.]: Doch!)
Die F.D.P. hat festgestellt, dass es die kaiserliche Flotte nicht mehr
gibt.
(Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Da wollen Sie doch nicht widersprechen!) Dafür
haben Sie lange gebraucht; denn es gibt sie bekanntlich schon seit einigen
Jahren nicht mehr. Wenn Sie dieses Thema für so bedeutsam halten, hätte
es sich sicherlich angeboten, dass Sie über dieses Thema bereits während
der Zeit Ihrer Regierungsverantwortung einmal ernsthaft nachgedacht
hätten. Stattdessen haben Sie auf die Oppositionszeit gewartet, um all
das zu fordern, wozu Sie in der Regierungsverantwortung nicht bereit
waren.
(Marita Sehn [F.D.P.]: Alles zu seiner Zeit!) - Sie hören das nicht
gerne. Aber es stellt sich doch für jeden Betrachter die Frage, wieso
man, wenn die Abschaffung der kaiserlichen Marine der Grund dafür ist,
dass man heute die Abschaffung der Schaumweinsteuer für geboten hält,
nicht eher auf den Trichter kam.
(Zuruf von der F.D.P.: Das ist ein Symbol zur Steuerabschaffung!)
Was im Übrigen die Historie von Steuern anlangt, so gibt es ja dieses
Bändchen "Unsere Steuern", das Theo Waigel wohl letztmalig
herausgegeben hat. Das ist eine interessante Quelle. Er hat nämlich
verheimlicht, dass es da einen Zusammenhang gibt. Er hat schlichtweg
gesagt, das sei 1902 als Banderolensteuer eingeführt worden. Vielleicht
haben Sie deswegen nicht wahrgenommen, dass das etwas mit der kaiserlichen
Marine zu tun hat. Wie gesagt, die närrische Zeit ist vorbei. Der Antrag
hätte besser in diese Zeit gepasst.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS -
Marita Sehn [F.D.P.]: Das ist schon sehr ernst gemeint!)
Aber vielleicht haben Sie dabei auch den heimlichen
Ganzjahreskarnevalisten im Auge. Ich stelle mir vor, Sie hätten das in
Ihrer Regierungszeit gemacht - das wäre auch viel amüsanter gewesen -
und der damalige Kollege Kleinert hätte die Chance gehabt, diesen Antrag
vor dem Hohen Hause zu begründen. (Beifall bei der SPD - Rolf Kutzmutz
[PDS]: Das wäre aber lustig gewesen!) Ich denke, da hätten wir alle an
diesem Antrag auf Abschaffung der Schaumweinsteuer großen Spaß gehabt.
Aber auf eines hätte der Kollege Kleinert sicherlich auch großen Wert
gelegt, nämlich dass diese Forderung dann auch mit der Forderung nach
Abschaffung der Biersteuer verbunden worden wäre. Diese Konsequenz geht
Ihrem Antrag ab. Nur Sekttrinker zu fördern ist natürlich eine grobe
Missachtung und Diskriminierung der Biertrinker in diesem Lande.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) - Marita Sehn [F.D.P.]:
Sie haben nicht verstanden, um
was es uns wirklich geht!) - Doch, das haben wir schon verstanden.
Deswegen stelle ich mich ungefähr auf das ein, was ernsthafter Weise
dahinter steckt. Vor einer Abschaffung der Biersteuer schrecken Sie
möglicherweise deshalb zurück, weil sich bereits im 15. Jahrhundert -
auch das ist der Broschüre "Unsere Steuern" zu entnehmen - die
Landesfürsten der Biersteuer bemächtigt haben. Landesfürsten gibt es
bekanntlich heute noch. Man könnte auch überlegen, ob vielleicht auch
ein tieferer gesundheitspolitischer Gesichtspunkt dahinter steht. [...]
Der Hintergrund dieses Antrags könnte gesundheitspolitischer Art sein;
Sie kennen vielleicht den so genannten Snobeffekt. Wenn man diesen Effekt
zugrunde legen würde, dann würde das bedeuten, dass die Senkung der
Sektpreise dazu führt, dass der Sektverbrauch zurückgeht.
(Dr. Klaus Grehn [PDS]: Darauf trinken wir einen!)
Die Abschaffung der Schaumweinsteuer wäre dann in der Tat ein Akt, sich
um die Volksgesundheit verdient zu machen. Um noch ein bisschen ernster zu
werden: (Zuruf von der PDS: Noch ernster?) [...]Es geht um Steuerausfälle
durch die Abschaffung der Schaumweinsteuer. Würde man auch die Biersteuer
abschaffen, dann käme es zu Ausfällen bei der Umsatzsteuer. Sie sollten
sich in Ihrer Hoffnung nicht entmutigen lassen, eines Tages wieder
Regierungsverantwortung zu übernehmen. Sie werden feststellen, dass wir
zwar keine kaiserliche Marine mehr haben,
(Marita Sehn [F.D.P.]: Das wissen wir aber schon länger!) wohl aber eine
Bundesmarine, deren chronische Unterfinanzierung Sie in den letzten Tagen
vehement beklagt haben. Danke schön.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN - Gerhard Schüßler
[F.D.P.]: Das war zwar unterhaltend, aber mehr auch nicht! - Heinz
Seiffert [CDU/CSU]: Ein bisschen mehr Szenenapplaus wäre an gebracht!)
Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Jetzt hat der Abgeordnete Norbert
Schindler zehneinhalb Minuten Gelegenheit, zu diesem Thema zu sprechen.
Norbert Schindler (CDU/CSU): Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!
Liebe Gäste auf der Besuchertribüne dieses Plenarsaals! Die Sektsteuer -
ein Relikt von 1902 - gehört abgeschafft. Das muss man einfach nüchtern
feststellen. Frau Staatssekretärin Hendricks kann bestätigen, dass ich
mich in Briefen vom Mai 1999 und vom Mai 2000 vehement dafür eingesetzt
habe, dieses Relikt endlich aus der Steuergesetzgebung zu entfernen. Ein
erster Schritt, Steuervereinfachungen vorzunehmen, war, dass die alte
Koalition 1992/1993 die Abschaffung der Zuckersteuer, der Teesteuer, der
Leuchtmittelsteuer - Lichtsteuer, Fensterbeleuchtung und alles, was damit
zusammen hing - und der
berühmten alten Salzsteuer auf den Weg gebracht hat.
(Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Bringe uns jetzt nicht auf neue Ideen!)
Deswegen ist diese Idee der F.D.P. nicht neu. Die SPD hätte diese Idee
vielleicht gerne vorgetragen, auch wenn sie sie aus den verschiedensten
Gründen zurückweisen wird. Bestimmte Genussmittel wie Sekt sind heute
kein Luxusartikel mehr, wie der Kaiser und das Parlament damals meinten;
vielmehr sind sie allgemeine Gebrauchsgüter geworden. Nebenbei gesagt -
das sagen auch die Ärzte -: Sekt dient, in Maßen genossen, eindeutig der
Gesundheit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Auch das muss man heute einmal feststellen. Bei einer Abschaffung der
Schaumweinsteuer hätten wir, so lautet die Schätzung, in diesem Jahr
Steuerausfälle in Höhe von 700 Millionen DM zu verzeichnen. Im Jahre
1998 hätten die Steuerausfälle bei rund 1 Milliarde DM gelegen. [...]
Die Belastung pro Liter Sekt inklusive Mehrwertsteuer beträgt - das geht
in der Regel unter - 2,60 DM. Damit liegen wir europaweit an der Spitze.
Man muss einmal kundtun, wie hoch die Verbraucher durch eine Sondersteuer
belastet werden, die mit dazu dient, den Staatshaushalt zu finanzieren.
[...] Man kann feststellen, dass die Einnahmen aus der Sektsteuer Jahr
für Jahr kontinuierlich zurückgehen, weil man auf ähnliche Produkte des
europäischen Binnenmarktes ausweicht. Diese Tatsache macht mir Sorge.
Bleiben wir in Deutschland stur bei der hohen steuerlichen Hürde, werden
wir vielleicht, ob wir das wollen oder nicht, die Sektsteuer quasi selbst
abschaffen. Die Frage der Abschaffung der Sektsteuer sollte man sowohl vor
dem Hintergrund des Ziels der Steuervereinfachung und der Tatsache der
zurückgehenden Steuereinnahmen als auch vor dem Hintergrund des
europaweiten Wettbewerbs sehen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
- Natürlich, wir haben ja momentan Wahlkampf in Rheinland-Pfalz. Da ich
aus Rheinland-Pfalz komme, sage ich das ganz bewusst.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Initiative der F.D.P., mit der meine
Partei und auch ich schon seit Jahren übereinstimmen, auch von einer
Bundes ratsinitiative, die unsere sozial-liberal geführte Regierung in
Mainz auf den Weg hätte bringen müssen, begleitet worden wäre.
(Marita Sehn [F.D.P.]: Sie sehen doch den Widerstand, Herr Schindler!
Schauen wir einmal, was wir nach der Wahl machen können!) Das jetzige
Verhalten erinnert mich schon ein wenig an den Begriff der
Doppelzüngigkeit, den wir ja alle von Karl Mays Winnetou kennen: Hier
wird mit gespaltener Zunge gesprochen. (Marita Sehn [F.D.P.]: Nein, sehe
ich ganz anders!) [...]
[...]
Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer: Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir
sind damit am Schluss unserer heutigen Tagesordnung. Ich berufe die
nächste Sitzung des Deutschen Bundestags auf Mittwoch, den 14. März
2001, 13 Uhr, ein.
Die Sitzung ist geschlossen.
(Schluss: 11.07 Uhr)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
30.12.2023