Die
• Erarbeitung und das Gestalten von
Rollenbiografien gehört zu den Standardmethoden im ▪
Methodenrepertoire zur
szenischen Erarbeitung von Dramentexten.
Sie befasst sich
inhaltlich mit den •
äußeren Rahmenbedingungen
und der • inneren Welt der Figur.
Dabei geht es um Gesichtspunkte, die als •
schulische Schreibform im Rahmen von
Aufgaben zur •
Analyse und Interpretation eines dramatischen Textes in der
Schule auch bei der •
Literarischen Charakteristik eine zentrale Rolle spielen.
Als
schulische Schreibform läuft die
Rollenbiografie im •
Literaturunterricht der traditionellen Schreiform der •
Literarischen Charakteristik mehr und mehr den Rang ab. Das hat
verschiedene Gründe, die an dieser Stelle nicht umfassend
dargestellt werden sollen. Verwiesen werden soll daher auf den
Arbeitsbereich •
Schulische
Interpretationsmethoden, in dem verschiedene
Interpretationsmethoden beschrieben und analysiert werden, darunter
das • Gestaltende
Erschließen und das •
Gestaltende
interpretieren literarischer Texte. Wer die
Schreibform in die •
Geschichte des
Aufsatzunterrichts und des Schulaufsatzes einordnen
will, kann sich vor allem mit der •
kommunikative Wende in den 1970er Jahren und der •
subjektiven Wende in den 1980er Jahren befassen.
Die •
Literarische Charakteristik ist •
verglichen mit der Rollenbiografie ein mehr oder minder
vorgegebenes
globales
schulisches Textmuster, dessen
Schreibaufgaben
weitgehend in
textmusterkonformen Schreiben
zu bewältigen sind. Die Rollenbiografie ist auch kein in Ich-Form
verfasster, ausführlicher Lebenslauf oder eine Art von Steckbrief.
Die hier dargestellte Methode
schließt an das •
gleichnamige Verfahren
zur Selbstdarstellung einer Figur an, das von Ingo
Scheller (1993,
1999,
22008)
in seinem Konzept der ▪
szenischen
Interpretation entwickelt worden ist. Dieses Konzept verfolgt aber
auch weiterreichende personale und intrapersonale Ziele, die über
die im • Literaturunterricht
intendierten Ziele wieder hinausgehen.
Die dramendidaktische Adaption des Konzepts im
•
handlungs-
und produktionsorientierten Literaturunterricht (HPU) verzichtet im Wesentlichen auf
die von Scheller angestrebten personalen und intrapersonalen
Wirkungsabsichten zwischen Darsteller und Figur.
Daher hat
Waldmann
(52008, S.117-133)
eine • Liste von Methoden zusammengestellt, die "durchweg ohne Vorkenntnisse
und praktische Erfahrungen im szenischen und darstellenden Spiel" umgesetzt
werden können. (ebd.,
S. 120) und ihre Wirkung im Rahmen einer •
produktiven Hermeneutik beim Umgang mit literarischen Texten
entfalten sollen.
Eine
▪
Rollenbiografie ist, im Rahmen des dramendidaktischen Kontexts
betrachtet, eine
Form der Selbstdarstellung einer literarischen bzw.
fiktionalen Figur. Sie ist von ihrer Anlage her kein Monolog,
der in das dramatische Geschehen eines Stückes integriert ist,
sondern monologisches Sprechen der Figur über sich selbst ohne
situative Einbettung in den dramatischen Text, sofern sie als
Schreibaufgabe keine weiteren Vorgaben macht.
Mit ihr soll dem Schreiber/der Schreiberin
bzw. dem Darsteller/der Darstellerin die •
Einfühlung in eine Figur
ermöglicht werden, um darüber zu einem vertieften Verständnis der
Figur zu gelangen. Unerlässlich für jede Rollenbiografie ist, dass
sie aus der Sicht der literarischen Figur, beim
Schreiben in der Ich-Form, gestaltet ist. (vgl.
Scheller 22008,, S.62). Damit wird auch eine
Gestaltungs- bzw.
Schreibrolle angelegt, die nicht am Ideal eines distanziert, nur
nüchtern abwägenden Schreibers orientiert ist, bei dem dieser seine Sach- und
Werturteile,
gestützt auf sein Fach- und moralisches Wissen in selbstreflexiver
Weise darstellt.
Ausdrücklich
gewünscht ist damit ein Schreiben, das über die •
Einfühlung in eine Figur
eine Form der eigenen Persönlichkeitsdarstellung im Sinne der •
Darstellung des Selbst •
im psychologischen
Sinne ist. Dies schließt dementsprechend auch ein, dass das •
Selbstkonzept einer Figur sichtbar wird und zu einem der
Schlüssel zum Verständnis ihrer Persönlichkeit bzw. ihres Charakters
werden kann.
Was
eine Figur über sich selbst denkt, welche Erfahrungen, Fähigkeiten
und Fertigkeiten, die sie mit ihrem Körper, ihren
Leistungsfähigkeiten, mit ihren Mitmenschen und im Umgang mit ihren
Gefühlen gemacht und mental gespeichert hat, erklären schließlich
auch ihr •
situationsspezifisches Verhalten, das von den erworbenen • "Selbstschemata" (Markus 1977)
in dynamischer Form (mit-)gesteuert wird. Auch das, was eine Figur
"zwischen den Zeilen" des von ihr Gesagten fühlt oder nicht
ausspricht, findet bei der Rollenbiografie den "Weg nach außen" und
wird damit zum Element der •
Selbstdarstellung, die •
offensiv auf
Selbstbehauptung oder eher
•
defensiv angelegt
sein und kurzfristige oder langfristige Ziele anstreben
kann.
Im Gegensatz zur •
Literarischen Charakteristik ist die Ich-Perspektive bei der
Rollenbiografie subjektiv, parteiisch und emotional-expressiv. Um
sie textnah zu gestalten, müssen in der Regel in zuvor ausgeführten
• Arbeitsschritten
zur
•
Stoffsammlung und
•
Stoffordnung die Informationen erfasst, erschlossen und
analysiert werden, die ein ▪
dramatischer Text im Rahmen seiner Möglichkeiten zur ▪
Figurengestaltung
verwendet.
Grundlage der Rollenbiografie
einer dramatischen Figur ist also stets der vorgegebene Text. Was also am Ende zu einer Rollenbiografie zusammengetragen wird,
muss zumindest plausibel sein und darf dem Text nicht zuwiderlaufen.
Dies gilt insbesondere dann, wenn über den eigentlichen Dramentext
hinaus weitere Informationsquellen herangezogen werden. Solche
Informationsquellen können auch die historisch-soziale
Konstruiertheit des Selbstbildes verdeutlichen, das eine Figur in
der Rollenbiografie von sich entwirft, durch Heranziehen von
Kontexten stützen, die die Selbstdarstellung der Figur historisch
und gesellschaftlich einordnen und erklären (z. B. Frauen- und
Männerrollen, bestimmte Lebensformen (z. B. Ehe), gesellschaftliche
Normen und Gesetze, soziale Hierarchien etc.)
Die
herangezogenen Texte können unterschiedlicher
medialer Gestalt sein (Print, digitale Medien etc.), z. B.
Sachtexte, Bilder, Filme, andere Rollentexte.
Sie können den
•
Schreibaufgaben beigefügt
sein oder von den Schülerinnen und Schülern im Rahmen einer
umfassenderen Aufgabe selbst, z. B. im Internet, recherchiert werden
(• materialgestütztes
Schreiben)
Neben den
traditionellen Schreibaufgaben in üblichen
Textmustern kann
eine Rollenbiographie, auch als •
multimediales Projekt
in
Art eines kurzen multimedialen »Features
gestaltet werden.
Im schulischen Dramenunterricht können den Schülerinnen
und Schüler dazu auch weitere Hilfsmittel zur Verfügung gestellt
werden. So könnte ihnen ein • Allgemeiner
Fragenkatalog zur Einfühlung in eine Figur zur Hand gegeben werden, die den Fokus
auf bestimmte Merkmale der Figur, bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen,
besondere Haltungen und bestimmte Situationen richten. Selbstverständlich
kann ein solcher, auf eine bestimmte Figur bezogener Fragenkatalog
auch von den Schüler*innen selbst entwickelt oder durch
Modifizierung der allgemeinen Vorlage ihren Bedürfnissen
entsprechend angepasst werden.
Bei der Rollenbiografie
kommt es im
Anschluss an Scheller
darauf an, dass "Haltungen der Personen nicht von deren Lebensbedingungen"
abgespalten werden (Scheller
(22008, S.61). Aus diesem Grunde empfiehlt sich ein
zweistufiges Vorgehen, das auf dem Herausarbeiten und der Analyse
wesentlicher Aspekte beruht, die die ▪
Gestaltung einer
Figur in einem ▪
dramatischen Text ausmachen.

Zunächst ist von den gegebenen ▪ äußeren Rahmenbedingungen auszugehen,
wie sie ein zu inszenierender Text vorgibt (z.B. Name, Geschlecht, Alter, Beruf, Lebensform, sozialer Status,
soziales Netzwerk (Familie, Verwandtschaft, Freunde, Arbeitskollegen,
Bekannte, ...), Wohnumfeld, Alltagshandlungen, Aktivitäten etc.).
Im Anschluss daran richtet sich die Aufmerksamkeit auf die ▪
innere Welt
der Figuren. Hier spielen z. B. ihre Einstellungen, ihr
Selbstbild, ihre Fremdbilder, Wünschen, Bedürfnissen, und Träume
sowie ihr allgemeines Lebensgefühl eine entscheidende Rolle.
Das hier vorgeschlagene •
Arbeitsschrittemodell, das auch in abgewandelter Form bei der •
Literarischen Charakteristik verwendet wird, trägt diesem
Vorgehen schrittweise Rechnung.