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Multimediale Objektpermutationen

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Zugleich gibt es aber Formen des Lyrischen, die auf Akzeptanz stoßen, seien es Songs der Musikindustrie oder auf vielfältige Weise selbstproduzierte, die über soziale Netzwerke oft ein Millionenpublikum finden, vorausgesetzt der Song trifft das Lebensgefühl einer bestimmten Jugendkultur. Und: Wer einmal auf einschlägigen Videoplattformen sucht, wird schnell fündig. Videopodcasts mit lyrischen Botschaften an die Netzgemeinde oder an einzelne Personen im öffentlichen Raum des sozialen Netzwerkes, öffentliche Liebeserklärungen, sentimentale Freundschafts- und Stimmungslyrik, mehr oder weniger gut multimedial gestaltet, zeigen, dass Lyrik, wenn sie im Bewusstsein ihrer Produzenten in einem modernen Gewand daherkommt, durchaus ein Medium ist, das Selbstausdruck und Kommunikation miteinander zu verbinden weiß. Dabei macht die multimediale Gestaltung von Lyrik wohl auch männliche Jugendliche mit ihrer Technikaffinität wieder leichter zu "Dichtern" als das beim herkömmlichen Umgang mit Lyrik zu beobachten ist. Bei Mädchen dagegen scheint der Zugang zu Lyrik auch in der Adoleszenz weniger versperrt. Ohne lediglich Vorurteile bestätigen zu wollen, scheint sich doch ein roter Faden durchzuziehen von den heutzutage vielleicht antiquiert erscheinenden Posiealben - mit oder ohne Schloss - bis hin zu den "Lyrikwellen", die in der Vergangenheit schon Abertausende junger Mädchen erzeugt haben, wenn sie ihr Leid über die Auflösung ihrer geliebten Boyband, hieß sie nun »Take That (1996) in den lyrischen Äther hinausschrieben.
Auch wenn der Lyrikproduktion in der Schule manches entgegenstehen mag, scheinen es eben doch auch die Alltagsprobleme von Jugendlichen zu sein, die ihr Chancen eröffnen. Geht es dabei doch neben der Schule, meisten um "Probleme im Zusammenhang mit Schwierigkeiten, Gefühle zu kontrollieren"  oder  "Probleme mit Gleichaltrigen", darunter  Meinungsverschiedenheiten, Eifersucht und Konflikte in heterosexuellen Beziehungen (Fend 2003, S.215, im Anschluss an Seiffgke-Krenke 1995, S.81ff.), gerade auch beim lyrischen Schreiben im Sinne sowohl aktiven wie internalen Copings bearbeiten lassen. (→Coping-Strategien) Im lyrischen Sprechen der unterschiedlichsten Art wird kann offenbar auch für junge Leute zur Sprache gebracht werden, was ansonsten kaum zu sagen ist. Ähnlich argumentieren Felsner/Helbig/Manz 2009, S.13), wenn sie davon sprechen, dass die jungen Leute sich in einer Zeit, in der sie ihrer Individualität bewusst würden, sich auch  "ausreichend einzigartig" genug fühlten, um auch entsprechende Texte zu produzieren und "Unaussprechliches auszudrücken." (ebd.)
Das bedeutet indessen nicht, dass sich die multimediale Gestaltung von Gedichten nur im Rahmen dieser entwicklungspsychologischen Aufgaben und Voraussetzungen zu bewegen hat. Sie kann aber gerade in einer Zeit mit wachsender Bedeutung sozialer Netzwerke und ihrer spezifischen Selbstdarstellungsproblematik einen wichtigen Beitrag zur Identitätsbildung leisten, wenn sie sich versucht, solchen Themen zuzuwenden, die in jugendlicher Selbst- und Welterfahrung einen hohen Stellenwert besitzen.

Die multimediale Gestaltung von Gedichten ist eine kreative Schreib- und Gestaltungsaufgabe, die alle verfügbaren Codes und Kanäle nutzt, um eine mit ästhetischen Mitteln gestalte Aussage in Form eines lyrischen Textes zu gestalten. Dabei dient der der Begriff Lyrik eigentlich nur zur Abgrenzung von dramatischen und epischen Formen und schließt eine große Formenvielfalt ein, die Piktogramme, Permutationen, Montagen, kurz alles, was oftmals unter dem Begriff visueller Dichtung bzw. visueller Poesie zusammengefasst wird. Dazu zählen aber durchaus auch vergleichsweise konventionelle Gedichte in gebundener oder ungebundener Sprache, soweit sie multimediale Elemente der Gestaltung einsetzen. In jedem Fall geht es immer auch um das Experimentieren mit literarischen Formen.

Ob das alles zu den Vorstellungen passt, die sich der einzelne von einem Gedicht macht, kann letzten Endes nicht wissenschaftlich entschieden werden, sondern muss jeder Textproduzent und Textrezipient selbst entscheiden. (vgl. Felsner/Helbig/Mann 2009, S.239)

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

     
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