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Der Mythos vom verflixten siebten Jahr

oder: Philemon und Baucis haben ausgedient
Gert Egle (2016)

 
 
  IDas siebte Jahr einer Ehe stand lange unter einem unguten Stern. Verflixt wird es genannt, um nicht verflucht oder verdammt sagen zu müssen, wie es die Herkunft des Wortes nahelegt. Das geflügelte Wort vom verflixten siebten Jahr geht dabei auf einen Spielfilm mit Marylin Monroe aus dem Jahr 1955 mit dem englischen Titel The Seven Year Itch zurück, der wiederum auf einem Bühnenstück George Axelrods basiert. Ehe der deutsche und englische Filmtitel als geflügeltes Wort zur Bezeichnung der vermeintlich am meisten kritischen Phase einer Ehe wurde, musste das englische itch (=“Jucken, Juckreiz“), das ein mehrere Jahre andauerndes Leiden an Pusteln im Gesicht und auf dem Körper ausdrückte, quasi auf den Punkt gebracht werden. Der Filmtitel jedenfalls markiert kein Ereignis, das sieben lange Jahre andauert, sondern eines, das genau im siebten Jahr einzutreten droht: Das Ende einer Beziehung bzw. das Ende einer Ehe. Und als Aberglaube dringt die bange Erwartung des verflixten Jahres in manche ehemals so romantische, freud- und lustvolle Beziehung ein.

 Zwar ist das siebte Ehejahr seit 2008 stets das Jahr, in dem die meisten Ehen geschieden wurden, statistisch gesehen ist das verflixte Jahr aber gänzlich unerheblich, denn wer sich im siebten Jahr vor dem Familiengericht trennt, lebt ja mindestens schon ein Jahr lang getrennt (Zerrüttungsprinzip). So gesehen scheitern die meisten Beziehungen also weitaus früher, oft schon nach drei oder vier Jahren, wenn die Phase der großen Verliebtheit vorbei ist und echte Beziehungsarbeit mit Toleranz, Rücksicht, Einfühlungsvermögen, offenen Gesprächen und Gesten gegenseitiger Zuneigung im Alltagshandeln trotz Berufsleben und anderweitiger Belastungen gefordert ist.

Die Gründe, weshalb sich Menschen heute scheiden lassen, das wissen wir, sind vielfältig, Nur so viel: Immer weniger Menschen sind heute offenbar bereit, sich mit einer in ihren Augen nicht funktionierenden Beziehung abzufinden. Wenn was schiefläuft, gibt man schneller auf als früher (Jens Ludwigs Kurzgeschichte „One fits all“ singt ein Lied davon). Frauen sind, seit die meisten durch eigene Berufstätigkeit ökonomisch selbständig geworden sind, nicht mehr an Männer gekettet und haben dadurch ganz einfach die Wahl. Dass der Scheidungsantrag auch bei den im Jahr 2014 geschiedenen Ehen häufiger von der Frau gestellt wurde (in 52 % der Fälle), während nur 40 % der Fälle auf das Konto von Männern gingen (in den übrigen Fällen (8 %) beantragten beide Ehegatten gemeinsam die Scheidung) ist also keineswegs überraschend. Überraschend ist das vielleicht oft nur für die Ehemänner, die, wie in zahlreichen Filmen (man denke nur an Kramer gegen Kramer (1979) mit Dustin Hoffman und Meryl Streep) immer wieder in Szene gesetzt, am Frühstückstisch oder beim Abendessen erfahren, dass die eigene Frau schon auf gepackten Koffern sitzt, wo doch, nach Ansicht des Mannes, eigentlich alles in bester Ordnung ist.

Frauen, so scheint es, sind so: Sie sind auf der einen Seite vielleicht harmoniebedürftiger als die Männer, auf der anderen Seite aber auch, weil sie schneller und besser spüren, wenn es nicht mehr stimmt, bereit, einen Schlussstrich zu ziehen. Schuld an der Misere sind sie, das sei gesagt, um Missverständnissen vorzubeugen, damit noch lange nicht.
Beziehungs- und Ehekrisen sind, so sehr sie den Beteiligten auch wie aus „heiterem Himmel“ gekommen erscheinen mögen, auch keineswegs eine Sache eines bestimmten Jahres, das - Hopp oder Top - über das weitere Eheglück entscheidet. Und: Die Geschichte vom verflixten siebten Jahr hat wirklich einen Bart – vielleicht haben sie ja auch Männer erfunden, die nie verstanden haben, warum sie denn verlassen wurden - , ganz zu schweigen davon, dass es die Ursachen für Beziehungskrisen verschleiert.

Diese kommen nämlich in allen Ehe- oder Beziehungsjahren vor. Meistens sind es Übergangsphasen irgendeiner Art, die den Partnern eine neue Rolle abverlangen und sie zwingen, das einst mit Herzchen vor den Augen herbeigeknutschte Wir unter anderen Vorzeichen, und ohne schlichten, aber heftigen Versöhnungssex im Konfliktfall, immer wieder neu zu erfinden. Und auch, ganz ohne wackliges Bettgestell, knarzt und knirscht es häufig im Gebälk.

Solche Krisen kann auch eine Beziehung in ihrem jungen Stadium treffen, wenn es darum geht, nach dem Zusammenziehen Alltagsprobleme gemeinsam in einem fairen Rollenverständnis zu bewältigen (Hand aufs Herz: Wer putzt eigentlich das Klo?), sich bestimmte liebgewonnene Gewohnheiten (z. B. das Im-Stehen-Pinkeln) abzugewöhnen oder sich über die nicht mal eineinhalb Kind(er) zu verständigen, die ein Frau in Deutschland, statistisch gesehen, zur Welt bringt.

Aber auch nach der Geburt eines Kindes ist es für junge Paare heute offenbar gar nicht so einfach, zu einer „richtigen“ Familie zu werden. Nicht dass es das früher nicht gegeben hätte, aber die Zeit, die zwei heutige Ichlinge brauchen, bis sie zu einem Wir in einer Paarbeziehung werden, ist häufig ziemlich lang und der Weg dahin mehr als nur holprig.
Da hilft es auch nicht weiter, wenn das junge Paar zur Finanzierung einer „richtigen“ russischen Hochzeit mit 300 Gästen von Buxtehude bis Wladiwostok zwanzigtausend Euro Darlehen aufnimmt oder Eltern und Schwiegereltern dazu genötigt hat. An wem auch immer die Tilgungsraten künftig auf Gedeih und Verderb hängenbleiben, wenn die Ehe, wie so viele in den ersten Jahren, scheitert, die Restschulden werden im Auftrag skrupelloser Inkasso-Büros von der Russenmafia halt wieder eingetrieben. Müssen die Geschiedenen selbst jahrelang für die „russische Hochzeit“ bluten, dann sind sie jedenfalls noch mit dem übernächsten Lebensabschnittpartner dran, Glück im Unglück, wenn der nicht auch noch einen Schuldenberg als Mitgift in die Beziehung mitbringt.

Ist der Nachwuchs geboren, steht ein junges Paar vor neuen Herausforderungen. In der Übergangsphase bis zur Schaffung der psychosozialen Gemeinschaft Familie kommt es zwischen Pampers, Alete-Gläschen und nächtlichen „Heulattacken“ des Neugeborenen oft zu ernsthaften Krisen. Das Umschalten in den Familienmodus lässt sich eben in einer von Individualisierung geprägten Gesellschaft nicht einfach mit dem Schalthebel machen, zumal auch das, was „richtiges“ Familienleben unter den Bedingungen der Postmoderne ausmacht, längst für viele kaum mehr greifbar ist.
Daher muss das eigene Familienleben, wenn die Gesellschaft keine verbindlichen Vorstellungen über Familie und Familienleben mehr bereitstellt, von den Akteuren selbst „erfunden“ werden. So ist das in einer Gesellschaft, in der es den allgemeinen Zwang, aber auch viele Möglichkeiten gibt, ein, wie der Soziologe Ulrich Beck gesagt hat, „eigenes Leben“ zu leben. Und bei ihren „Erfindungen“ des Familienlebens müssen die jungen Väter und Mütter, das ist die Konsequenz der „Wahl- und Bastelbiografien“ unserer Zeit (so Beck und Roland Hitzler), mit dem dauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil auch unvereinbaren Verhaltenslogiken der Konsumgesellschaft, in Beruf und Familie, zurechtkommen.

Wer indessen glaubt, dass die Frage „Audi oder zweites Kind“ nur die Problematik junger Paare beschreibt, die spüren, dass man sich heute besser über Konsum als mit Kindern „vergesellschaftet“, verkennt, dass die Individualisierung, die Herauslösung der Menschen aus nahezu allen traditionellen Versorgungs- und Lebenszusammenhängen, einen, wie der Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Friedrich Krotz meint, Metaprozess ohne konkreten Anfang und ohne ein solches Ende darstellt, der die sozialen Beziehungen der Menschen in allen Lebensbereichen und Altersgruppen berührt. So führt eben auch der Verlust von übergreifenden Familienleitbildern, sofern es diese überhaupt je so gegeben hat, auch bei den Lebensformen, darunter Ehe und Familie, und zwar in jedem Alter, zu Krisenphasen, die immer wieder erst einmal überwunden werden müssen.
Und ist eine Hürde beiseite geräumt, heißt das eben noch lange nicht, dass man wie Philemon und Baucis, dem Vorzeige-Oldie-Paar der griechischen Mythologie, in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebend bis ans Ende seiner Tage glücklich ist. (Was hat Kurt Tucholsky 1930 den beiden nicht für ein großartiges literarisches Denkmal gesetzt mit seinem Gedicht Stationen!)
Auf dem Weg ins eigene Familienleben werden, auch wenn heutzutage sich viele „moderne Paare“ um andere Wege bemühen, allen ehemaligen Beteuerungen zum Trotz, auch oft noch schneller als mancher Frau lieb ist, alte Rollenverhältnisse (Frau: Hausfrau und Mutter, Mann: Ernährer) mit dem Hinweis auf die vermeintlich natürliche Arbeitsteilung wieder eingeführt nach dem Motto: Das haben meine Eltern auch so gemacht! Und geht es nicht ganz so „traditionell“ zu, wenn Frauen selbst außer Haus ganz oder teilweise erwerbstätig sind, dann ist es nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamts von 2011 aber immer noch so, dass der Hauptteil der Hausarbeit an den Frauen hängenbleibt, auch wenn die Partner heutzutage ungefähr – Haus- und Berufsarbeit zusammengenommen – etwa gleich lang pro Tag arbeiten. Trotzdem die gerechte Aufteilung ist und bleibt ein Zankapfel selbst in (im positivsten Sinne) Best-of-Families und muss auch in der modernen Verhandlungsfamilie immer wieder neu ausgehandelt werden. Und das übersteigt eben manchmal auch die Kräfte.
Aber auch anderes kann Männern nach der Geburt eines Kindes zu schaffen machen. Oft ist es nämlich einfach so, dass sich die Aufmerksamkeit und Liebe der Mutter danach so sehr auf das Neugeborene richtet, dass der Mann beginnt, sich als Konkurrent um die, auch erotische, Zuwendung seiner Frau zu sehen.
Und ein weiteres kann in dieser Phase zu einer echten Belastung der Beziehung werden: Jeder bringt seine eigene Erziehungsbiografie mit und glaubt zu wissen, was für ein Kind gut und was schlecht ist. Das fängt beim Stillen an (ja, auch darüber und über die Zeit, die eine Frau dafür verwendet, haben Männer ja heutzutage eine dezidierte Meinung, Gottseidank!), geht über das Sofort-Trösten-beim-ersten-Wehlaut (Horroszenario: Kafkas Pawlatsche-Trauma!) bis zum Streit über die gendertheoretisch korrekte Farbe des Schnullers. Schnell werden bei gegensätzlichen Auffassungen, die nicht im Kompromiss (ja auch der kostet Zeit und Kraft!) gelöst werden, ernsthafte Paar- und Erziehungskrisen.

 Aber auch wenn die Kinder dann in einer späteren Lebensphase aus dem Haus sind, lauert in der Übergangsphase, in der sich das „Nest“ zu leeren beginnt, erneut Gefahr für die Partner. Oft sind es auch hier die Frauen, die in einer traditionellen Rollenverteilung als Ehe-, Hausfrau und Mutter dem Mann für Beruf und Karriere den Rücken freigehalten haben, die nun erstmals wieder Ansprüche an das „eigene Leben“ stellen und neue Ziele verfolgen.

 Wer aber glaubt, dass Opa und Oma endlich gefahrlos der Goldenen Hochzeit entgegensenilisieren können, verkennt auch hier, dass mit dem Rückzug aus dem Berufsleben für beide Partner nicht nur eine Zeit beginnt, in der sie angesichts der gestiegenen Lebenserwartung für beide Geschlechter noch einmal „durchstarten“ können, sondern auch eine Zeit, in der sie sich eben auch auf der Pelle hocken. So manche alte Ehe zerbricht wohl auch daran, dass die ständige Anwesenheit des jeweils anderen, Überdruss erzeugt. So sehen sich plötzlich der zum Dauerbruddler mutierte Opa und die zur nörgelnden Dauerfürsorgerin avancierte Oma in einen alltäglichen Kleinkrieg verstrickt, bei dem jeder auf seine ganz gendertypische Art und Weise seiner eigenen Guerillataktik folgt, um nicht im Kampf um das Einfach-so-sitzen-Wollen des Opas und der Jetzt-hättest- du-doch-mal-Zeit-irgendwas-zu-tun-was-dir-Spaß-macht-Nörgelei seiner Ehefrau am Ende doch noch einen Schreikrampf zu bekommen. Jedenfalls sind nach langen Ehejahren Berta und Hermann, wie die beiden Knollennasen bei Loriot heißen (Loriots Trickfilm Feierabend, der Kultstatus bei den Älteren genießt, gibt’s übrigens auch auf YouTube) , meilenwert entfernt vom antiken Glamour, der Philemon und Baucis umgibt, und auch in Nicos und Nadines Ehe und Familienleben „in echt“ gibt es von dem Tag an, an dem sie zur Symbolisierung ihrer romantischen Liebe und ihrem Teilhabeanspruch an der Konsumgesellschaft mit der Stretch Limousine vor dem Standesamt aufgekreuzt sind, kein Scheidungs-Vermeidungsprogramm zum Download oder die Pille gegen die angeblich so verflixten siebten und anderen Ehe- und Familienjahre nach dem „schönsten Tag im Leben“.

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Der Mythos vom verflixten siebten Jahr oder: Philemon und Baucis haben ausgedient von Gert Egle ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 25.01.2016

 
     
 

 
   Arbeitsanregungen zur Textanalyse
(→untersuchendes Erschließen):

  1. Untersuchen Sie den Gedankengang des Textes.

  2. Bestimmen Sie die Aussageabsicht und untersuchen Sie in diesem Zusammenhang den Einsatz der sprachlichen Mittel.

  3. Bestimmen Sie die Textsorte und zeigen Sie die Besonderheit des essayistischen Schreibens.

  4. Beurteilen Sie die mögliche Wirkung des Textes.

  5. Setzen Sie sich im Anschluss daran mit Aussagen des Textes knapp auseinander.
     

 
     
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