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Kommentierender Leserbrief

Der Körperkult treibt weiter Blüten

Text und Beispiel eines kommentierenden Leserbriefs


  A. Text:

Der Körperkult treibt weiter Blüten
Helmuth Zuntger*

Die einen fahren jeden Sommer ans Meer zum Baden, die anderen leisten sich teure Klamotten oder kaufen sich alle paar Jahre ein nagelneues Auto. Malinee Müller, Mitte dreißig aus Zürich, gibt ihr Geld lieber für das eigene Gesicht aus: Sie lässt sich regelmäßig von einem Fachmann die Haut glätten. Davon verspricht sie sich mehr Lebensqualität. "Meine Schönheit und mein jugendliches Aussehen aufrechtzuerhalten, ist meine Art der Selbstverwirklichung", sagt Müller.
Um dies zu erreichen, reist die Theologiestudentin und Bankangestellte mehrmals im Jahr zum Dermatologen1 Max König nach Bern. Von ihm lässt sie sich kleine Fältchen und die Lippen unterspritzen. Sie erklärt: "Ich wünsche mir, dass alle Frauen ihre Möglichkeiten kennen, das Beste aus ihrem Aussehen herauszuholen - auch ohne Narkose und mit nicht allzu viel Geld."
Immer mehr Menschen denken so wie Malinee Müller. Ihrer Schönheit operativ nachgeholfen hat schon jede 40. Schweizerin, und jede zehnte würde es tun, wenn es billiger wäre. Der Grund: Die Ergebnisse können sich mehr denn je sehen lassen. Sie sind natürlicher geworden und zwar insofern, dass die Veränderungen immer weniger als Folge eines Kunstgriffs erkennbar sind.
"In den letzten fünf Jahren haben wir enorme Fortschritte gemacht", sagt der plastische Chirurg Christoph Wolfensberger, "besonders die Narben sind heute so fein und gut versteckt, dass man sie kaum sieht." Der Arzt verschönert jedes Jahr ungefähr 500 Menschen. Und was besonders bemerkenswert ist: Es sind immer häufiger junge Frauen - und Männer. "Sie lassen sich meist Tränensäcke entfernen oder ein Hautpeeling machen", sagt Wolfensberger. "In Kalifornien lassen sich die Patienten neuerdings Waden, Gesäß oder - jetzt auch Männer - die Brust mit Silikon aufpolstern."
Malinee Müller kümmert sich um Gesicht und Körper schon immer mit gesunder Ernährung und konsequenter Pflege. Müller: "Aber nicht alles kann man selber beeinflussen. Und so wie man von einem kulturellen Angebot Gebrauch macht, um das Leben zu versüßen, kann man auch die Hilfe eines Chirurgen beanspruchen. Wichtig ist, kritisch zu bleiben und die Grenzen zu sehen."
Auch Wolfensberger glaubt, dass der Stellenwert von Äußerlichkeiten unterschätzt wird: "Gutes Aussehen wird oft bagatellisiert und als oberflächliche Angelegenheit abgetan. Dabei ist der Schönheitskult eine logische Folge von Design- und Stylingbemühungen bei Gegenständen." Offenbar stehen wir eher dazu, dass wir schöne Designgegenstände schätzen als schöne Menschen.

(nach: Brückenbauer 9, 26.2.2002)

*Name frei erfunden

Worterklärungen
1Dermatologe: Hautarzt

B. Kommentierender Leserbrief

Nach dem Designer-Tisch nun auch der Designer-Mensch? - Nein, danke! Was Herr Wolfensberger in dem Artikel von Helmuth Zuntger "Der Körperkult treibt weiter Blüten" im "Brückenbauer" Nr. 9 vom 26.2.2002 zur Legitimation von Schönheitsoperationen heranzieht, spottet jeder Beschreibung. Da erscheinen Schönheitsoperationen einfach als "logische Folge von Design und Stylingbemühungen bei Gegenständen", einer Meinung, der im Übrigen auch der Autor des Artikels beizupflichten scheint. Ich frage mich, kommt also nach dem Designer-Stuhl, dem Designer-Tisch und dem Designer-Bett nun etwa der Designer-Mensch, das Designer-Gesicht, die Designer-Nase und der Designer-Hintern auf uns zu? Hinter diesen als "logische Folge" ausgegebenen Konsequenzen steht ein Menschenbild, das die Menschenwürde missachtet, indem es den Menschen mit einer Sache vergleichbar macht. Die Aufgabe eines Designer-Stuhls ist eben, jedenfalls in den meisten Fällen, wohl dem Menschen eine Sitzgelegenheit anzubieten und dazu unter dem Einfluss schnell wechselnder Moden zu gefallen. Die Funktionalität des Dinges jedenfalls steht von vornherein fest. Mag das Designobjekt, wenn es als Einzelstück hergestellt worden ist, auch eine gewisse Einzigartigkeit besitzen, Individualität, wie es die Natur beim Herausbilden des einzelnen Menschen bewirkt, schafft das Design eben nicht. Denn in Wahrheit ist es ja gerade andersherum: Wer sich den "Design"-Vorstellungen des Schönheitskultes unterwirft, der gibt seine individuelle Schönheit preis, zugunsten fragwürdiger Schönheitsideale einer Schönheitsindustrie, die ihre Gewinne mit einem Bombardement von offenkundiger und verschleierter "Schönheitswerbung" in den Medien einfährt. Darin erscheint dann auch das Herumschneiden im Gesicht, an Brust und Hintern als "natürliches Streben" nach Schönheit. In der Tat: Wer sich am Schönheitswahn nicht eine goldene Nase verdienen will, tut gut daran, zumindest jenes von kommerziellen Interessen diktierte "gute Aussehen" zu "bagatellisieren". Die Designer-Brust mit Körbchengröße XXL für menschliche Kunstprodukte aus Hollywood, die aufgespritzten Lippen ältlicher Damen oder, von mir aus auch, die unterspritzten Muskelprotze männlicher Art gleichen sich eben wie ein (faules) Ei dem anderen, äußerlich wie wohl auch charakterlich, dank ihres verräterischen Designs.

 
     
 
   Arbeitsanregungen:

Analysieren Sie den kommentierenden Leserbrief zu dem Zeitungsbericht von Helmuth Zuntger, Der Körperkult treibt weiter Blüten.

  1. Zeigen Sie, auf welche Aussagen des Originaltextes Bezug genommen wird.

  2. Wie ist der Leserbrief aufgebaut?

  3. Was kennzeichnet die sprachlich-stilistische Gestaltung des Leserbriefes?

  4. Nehmen Sie zu dem obigen Leserbrief in einem weiteren Leserbrief Stellung. Versetzen Sie sich dabei in die Rolle einer Mutter, die ihre 18-jährige Tochter vor einer Brustvergrößerung abgeraten hat.
     

 
     

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