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Kommentierender Leserbrief

"Besaufen gehört einfach dazu."

Text und Beispiel eines kommentierenden Leserbriefs


  A. Text: 

"Besaufen gehört einfach dazu"
Claudia Kester*

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Zwischen 40 000 und 50 000 Mäschgerle feierten am "Schmotzge" (Schmutziger Donnerstag), dem Haupttag der Konstanzer Fasnacht, meist friedlich auf den Straßen des alten Stadtteils Niederburg. Das fröhliche Treiben wurde jedoch von einigen schweren Zwischenfällen getrübt. "Das sind Verhältnisse, die ich sonst nur aus dem Fernsehen vom Oktoberfest kenne", klagt Joachim Felgenhauer, Leiter des Polizeireviers Konstanz. Und dies nicht ohne Grund, denn die Bilanz der Konstanzer Polizei nach den närrischen Tagen fällt mehr als negativ aus: Doppelt so viele Straf- und Gewalttaten, darunter zahlreiche Körperverletzungen lassen aufhorchen. Und nicht nur die Zahl erschreckt. Felgenhauer meint über die Jahre hinweg beobachtet zu haben, dass Jugendliche immer gewaltbereiter geworden seien. "Und das liegt besonders an dem sinnlosen Alkoholkonsum vieler Jugendlicher" betont der Polizist. Hinzu kommt noch, dass die Alkoholleichen immer jünger werden. So wurde zum Beispiel schon am Donnerstagvormittag eine Fünfzehnjährige mit 1,7 Promille  von der Polizei aufgegriffen - kein Ausnahmefall. Und immer mehr Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren greifen zu den "harten Sachen". So genannte Alcopos, Liköre mit hohem Alkoholgehalt, Wodka- oder Whiskymixgetränke werden vorwiegend bei den Teenies gefunden. "Ich habe mir Alkohol in einem Laden gekauft - das war kein Problem", gibt der Fünfzehnjährige Janick zu Protokoll, und: "Besaufen gehört einfach dazu." Andere prahlen unverhohlen damit, sich schon mal den Ausweis vom älteren Bruder besorgt zu haben, um an die begehrten hochprozentigen Sachen zu kommen. Und unisono gaben alle spontan befragten Jugendlichen zur Antwort, dass die Eltern von der ganzen Sauferei nichts mitbekommen hätten. Sie schlafen meist schon, heißt es, wenn ihre volltrunkenen Kinder nach Hause torkeln.
Der Alkohol im Blut bringt aber längst nicht alle Jugendlichen dazu, "gut drauf zu sein", wie sie gerne sagen. Mit dem Anstieg des Alkoholpegels steigt bei manchen auch die Gewaltbereitschaft. Über 100 Notrufe nahm die Polizei am Donnerstag und und der Nacht zum Freitag entgegen. Neben insgesamt 12 Körperverletzungen, davon vier schwere, zählte die Polizei auch einige Sachschäden. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) wurde insgesamt 34 Mal gerufen und das Krankenhaus war mit Verletzten und Volltrunkenen so überfüllt, dass die Patienten auf Leintüchern in den Fluren der Klinik behandelt werden mussten. Kein Wunder, wenn man den 14jährigen Dario reden hört: "Wir haben uns am Schmutzigen Alkohol von Kollegen besorgt, die schon 18 sind. Dann habe ich getrunken, bis ich in der Ecke lag. An Fasnet muss man das machen, weil es Spaß macht. Wenn das meine Eltern mitbekommen würden, gäb's richtig Ärger." Ja, wenn ... Konjunktiv II eben!

(nach: Anzeiger, Nr.6, 9. Februar 2005)

B. Kommentierender Leserbrief

Durchmachen lautet die Devise: Die Eltern schlafen durch, die Kinder saufen sich durch! So sieht dies Claudia Kester in ihrem Artikel "Besaufen gehört einfach dazu." vom 9.2.05 nach der Nacht der Nächte der Konstanzer Straßenfastnacht. Aber Eltern glänzen nicht nur durch Nichtstun, sondern machen häufig munter mit! Wenn Claudia Kester mit spürbarer Erschütterung zur Kenntnis bringt, dass Eltern, wenn ihre Kinder nachts betrunken noch Hause kommen, meist davon gar nichts mitbekommen, weil sie schon längst schlafen, dann ist dies meines Erachtens nur die halbe Wahrheit. Denn unter den 40 000 bis 50 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern finden sich viele Erwachsene, darunter natürlich auch eine Vielzahl von Eltern mit Kindern unterschiedlichen Alters, die dem Alkohol ebenso bis zum Umfallen zusprechen. Wenn die Alten saufen, warum dann nicht die Jungen? Tolle Vorbilder, mir wird schlecht. Wie kann man es bei solchen Vorbildern den Jugendlichen dann verübeln Gleiches zu tun? Und: Wer genau hinsieht, dem entgeht auch nicht, dass es häufig Erwachsene sind, die Minderjährige bei solchen Anlässen zum Saufen anstiften. Besoffene Rabeneltern: Ist doch immer wieder ein Riesenspaß mit anzusehen, wie so ein nettes kleines Ding unter den Tisch getrunken wird, oder? Und leider "verschlafen" Eltern zu Hause im Allgemeinen nicht, wenn es ihre Kids zum "Kampfsaufen" ins Fasnachtsgetümmel treibt. Denn bei jungen Leuten, die auf ihr Geld achten müssen, ist längst klar, dass ihnen während der Fastnacht überall mit überhöhten Preisen für Getränke das Geld aus den Taschen gezogen werden soll. Und weil solche Einsicht offenbar von wirtschaftlicher Vernunft zeugt, machen Eltern noch ehe die Kinder aus dem Haus gehen, oftmals gerne beide Augen zu, wenn der Sprössling, um Geld zu sparen und im Budget zu bleiben, das Haus am frühen Abend verlässt, um mit einem billigen Sixpack aus dem Penny oder einer billigen Flasche Fusel aus dem nahen Aldi ein paar Minuten später wieder nach Hause zurückzukehren. "Vorsaufen" nennt sich das, was sich dann in den eigenen vier Wänden abspielt: Erst wird der Sixpack noch zu Hause niedergemacht, ehe man sich dann, "schon gut drauf", ins Getümmel stürzt. Dort reichen dann ein paar Kurze aus und das Ziel ist erreicht. Wer dem Alkoholmissbrauch von Kindern und Jugendlichen begegnen will, muss bei den Eltern anfangen, das ist meine felsenfeste Überzeugung. Ohne ihr Vorbild und ihre Aufmerksamkeit für die Interessen und Sorgen ihrer Kinder werden die Berichte über Städte im Ausnahmezustand nicht abnehmen. Wer der Polizei die Arbeit erleichtern will, muss zuerst einmal zu Hause anpacken.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 19.01.2017

 
     
 
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie den kommentierenden Leserbrief zu dem Zeitungsbericht von Claudia Kester, Besaufen gehört einfach dazu

  1. Zeigen Sie, auf welche Aussagen des Originaltextes Bezug genommen wird.

  2. Wie ist der Leserbrief aufgebaut?

  3. Was kennzeichnet die sprachlich-stilistische Gestaltung des Leserbriefes?

  4. Nehmen Sie zu dem obigen Leserbrief in einem weiteren Leserbrief kritisch Stellung. Versetzen Sie sich dabei in die Rolle eines Vaters, der nicht sieht, wie er seinen 16jährigen Sohn noch beeinflussen kann
     

 
     

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