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Kommentierender Leserbrief

Vatikan verurteilt Kampagnen für "Safer Sex"

Text und Beispiel eines kommentierenden Leserbriefs


  A. Text:

Vatikan verurteilt Kampagnen für "Safer Sex"
Ratschläge der katholischen Kirche zur Sexualerziehung

Der Vatikan lehnt die Empfehlung von Kondomen als Schutz gegen Aids weiter strikt ab. In einer Denkschrift des Päpstlichen Rates für die Familie wird katholischen Eltern außerdem geraten, ihre Kinder aus dem Sexualkundeunterricht zurückzuziehen, wenn dort nicht nach den Vorschriften der Kirche gelehrt werde. Außerdem werden Masturbation und Homosexualität erneut verurteilt und Keuschheit als erstrebenswerte Tugend dargestellt.
Das 67 Seiten starke Dokument des Vatikans ist als Anleitung für katholische Eltern zur Sexualerziehung gedacht und enthält neben allgemeinen Erwägungen und moralischen Betrachtungen auch eine Reihe praktischer Orientierungshilfen. So wird beispielsweise kritisiert, dass heutzutage mit der Begründung, die Menschen müssten vor Aids geschützt werden, den Heranwachsenden der Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau in allen Details auch graphisch dargestellt werde. Auch sollten die Eltern die Propagierung des "Safer Sex" in Form der Benutzung von Kondomen zurückweisen, weil dies "eine gefährliche und unmoralische Politik" sei. Enthaltsamkeit und eheliche Treue seien das einzige richtige Mittel zur Verhütung einer Ansteckung mit Aids. Die Päpstliche Kommission, die von dem spanischen Kardinal Alfonso Lopez Trujillo geleitet wird, schreibt den Eltern das Recht und die Pflicht zur Erziehung ihrer Kinder zu und empfiehlt ihnen, mit großer Aufmerksamkeit jede andere Form der Sexualaufklärung außer Haus zu verfolgen. Sie sollten ihre Kinder von solchem Unterricht zurückziehen, wenn dieser nicht ihren eigenen Grundsätzen entspreche, heißt es weiter, ohne dass konkret Bezug etwa auf Sexualkundeunterricht in der Schule genommen wird.
Die Verwendung eindeutiger Darstellungen oder "Materials von erotischer Natur" in der Sexualerziehung lehnt der Vatikan ab. Vielmehr müssten die Kinder während der Pubertät über die menschliche Fortpflanzung "im Kontext der Erziehung zur Liebe, zur ehelichen Treue und zur Achtung vor dem menschlichen Leben nach Gottes Schöpfungsplan“ aufgeklärt werden. Die menschliche Sexualität sei ein heiliges Geheimnis, das nach der moralischen Lehre der Kirche dargestellt werden müsse, wobei immer die Folgen der Erbsünde zu bedenken seien, heißt es.
Homosexualität sollte nach Meinung der päpstlichen Kommission möglichst erst mit älteren Jugendlichen erörtert werden. Dabei sollte unterschieden werden zwischen einer homosexuellen Tendenz, die angeboren sein könne, und homosexuellen Handlungen, welche "zutiefst verwerflich" und gegen das Naturgesetz seien. Homosexuelle seien zur Keuschheit aufgerufen. Zugleich müsse man homosexuellen Jugendlichen mit Respekt, Würde und Feingefühl begegnen, jede ungerechte Diskriminierung vermeiden.
Als "schwere Ausschweifung" wird in dem Dokument der Kirchenführung die Masturbation bezeichnet. Sie sei grundsätzlich unerlaubt und könne auch nicht durch jugendliche Unreife moralisch gerechtfertigt werden. Solche Handlungen seien oft Ausdruck innerer Konflikte oder einer egoistischen Auffassung von Sexualität.
Eine geburtenfeindliche und verweltlichte Sexualerziehung müssen katholische Eltern nach Meinung der Kommission ablehnen. Dabei wird Bezug genommen auf nicht näher bezeichnete "große Organisationen und internationale Verbände", die sich für Abtreibung, Sterilisation und Empfängnisverhütung einsetzten. Sie könnten bei Kindern und Jugendlichen Angst vor der "Drohung der Überbevölkerung" hervorrufen. Hingegen sollten die Kinder aufgeklärt werden über die "moralischen, geistigen und gesundheitlichen Werte" einer Regelung der Fortpflanzung auf natürliche Weise.

(aus: Süddeutsche Zeitung, 23./24./25./26.12.1995)

B. Kommentierender Leserbrief

Jetzt hat der Vatikan endgültig die Moral über Bord geworfen! Anders ist wohl kaum zu verstehen, was über die Ratschläge der katholischen Kirche zur Sexualerziehung in der Weihnachtsausgabe 1995 zu lesen stand. Was sich dabei als zeitgemäße Denkschrift ausgibt, ist aber mehr als Ausdruck reinen Unverstands. Dies hat Methode, und das ist auch, was mich erschreckt. Nicht dass eheliche Treue und Enthaltsamkeit nicht wirklich die Gefahr der weiteren Ausbreitung von AIDS vermindern könnten, aber ein realistischer Vorschlag zur AIDS-Prävention ist dies nicht. So weltfremd kann keine Institution sein, dass sie wirklich übersieht, wie sich das Sexualverhalten der Menschen verändert hat. Jugendliche machen heute schon sehr viel früher als ihre Eltern erste sexuelle Erfahrungen, und - dies scheint auch das Problem der Kirche zu sein - sie lassen sich von niemandem mehr da hereinreden. Um so schlimmer also, wenn eine Institution wie die katholische Kirche, die sich wie im finsteren Mittelalter noch immer im Besitz der einzig richtigen Moral wähnt, diese Einstellung noch verstärkt und mit ihrer Ablehnung von Kondomen im Zeitalter von AIDS nicht nur jeglichen moralischen Kredit verspielt, sondern damit Moral insgesamt der Lächerlichkeit preisgibt. Denn, wenn die Kirche  angesichts der grassierenden AIDS-Epidemie, besonders in den Ländern der Dritten Welt und angesichts von Millionen von Neuinfektionen jedes Jahr die Parole Enthaltsamkeit ausgibt, dann tut sie dies nur aus rein eigennützigen Interessen: Die eigene moralische Weste soll blütenweiß bleiben. Doch das ist meiner Meinung nach der größte Trugschluss und zeigt dass die Kirche dazu noch auf beiden Augen vor dem Erblinden steht: Diese Weste ist nämlich längst blutbefleckt, gezeichnet von den Millionen AIDS-Opfern, die von der katholischen Kirche als Opfer ihrer scheinheiligen Moral willentlich in Kauf genommen werden. Damit ist sie selbst zur Verkörperung der Unmoral geworden! Bleibt zu hoffen, dass den Kräften in der katholischen Kirche, die der Vormundschaft des Vatikans den Kampf angesagt haben, noch Gelegenheit bleibt, der Kirche die gebotene Sehschärfe für die Realität zurückzugeben! (318 Wörter)

 
     
 
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie den kommentierenden Leserbrief zu dem Zeitungsbericht: Vatikan verurteilt Kampagnen für "Safer Sex"

  1. Zeigen Sie, auf welche Aussagen des Originaltextes Bezug genommen wird.

  2. Wie ist der Leserbrief aufgebaut?

  3. Was kennzeichnet die sprachlich-stilistische Gestaltung des Leserbriefes?

  4. Nehmen Sie zu diesem Leserbrief aus der Position eines gläubigen Katholiken in einem weiteren kommentierenden Leserbrief kritisch Stellung.
     

 
     

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