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Kommentierender Leserbrief

Didaktische und methodische Aspekte


Um den Leserbrief, mit oder ohne vorangestelltem Attribut kommentierend, als schulische Schreibform genauer erfassen zu können, muss man sich zunächst einmal klar machen, was den Leserbrief in der Alltagskommunikation zwischen Produzenten (Autoren, Redakteuren...) eines medialen Kommunikats (Zeitung, Zeitschrift, Radio- oder Fernsehsendung ...) ausmacht. Damit nicht jede Zuschrift, die ein Sender in einer Kommunikation erhält (also auch Zuschriften an Radio- oder Fernsehsender, mit denen sich Hörer oder Zuschauer) erhält, unter den Begriff Leserbrief fällt, grenzen wir die Kommunikationssituation wie folgt ein.

Der Leserbrief in der außerschulischen Kommunikation

Mit einem Leserbrief äußert sich ein Leser oder eine Leserin eines Pressemediums (z. B. Offline- oder Online- Zeitung/Zeitschrift) in schriftlicher Form zu einem Artikel oder sonstigen Beitrag einer Zeitung mit dem Ziel, im gleichen Medium, der gleichen Zeitung, meistens in einer dafür vorgesehenen Rubrik "Leserbriefe" o. ä. veröffentlicht zu werden.
Der Leserbrief bringt in seiner kritischen Stellungnahme zu einem Text oder sonstigen Beitrag die subjektive Meinung und oft auch die Gefühle eines Lesers zum Ausdruck (expressive und Artikulationsfunktion).
Als eigenständiger Beitrag zu einem Printmedium ist er eine meinungsbetonte publizistische Form, die von den Lesern selbst verfasst wird. Daher steht er auch dem Kommentar, dem Leitartikel oder auch der Glosse nahe.
Wie diese kann er unterschiedliche Textfunktionen haben: informieren, beschreiben, erklären oder auch appellieren. Von diesen kann mal die eine, mal die andere Textfunktion dominieren.
Brief ist diese publizistische  Form oft nur insofern, als sie z. B. per Post oder E-Mail an die Redaktion eines Printmediums übermittelt wird und z. B. auch explizit formulierte Anreden an den Autor des Referenztextes enthalten kann.
Der Leserbrief ist grundsätzlich an keine standardisierte Form des Briefes gebunden, muss also keineswegs dem Muster eines privaten Geschäftsbriefs folgen, auch wenn dies gelegentlich auf Internetseiten behauptet wird. (z. B. levra, 18.1.17) Schließlich sollen die Schülerinnen und Schüler im Zusammenhang mit dem Leserbrief auch nicht das Briefschreiben lernen. (s. u.)
In der außerschulischen Kommunikation hat ein Leserbrief mindestens zwei bzw. drei Adressaten. Die besondere Kommunikationssituation bringt es mit sich, dass sämtliche Adressaten aber nur dann erreicht werden können, wenn der Text in der Zeitung veröffentlicht wird. Unabhängig davon muss der Verfasser eines Leserbriefes aber so schreiben, als ob der Text direkt an die Öffentlichkeit des Leserpublikums gerichtet wäre.

  • Die Leserbriefredaktion (online,offline) kann frei darüber entscheiden, ob sie einen eingegangen Leserbrief veröffentlicht oder nicht. Wenn ja, befindet sie auch darüber, ob der Leserbrief als Ganzes oder nur in Teilen abgedruckt werden soll. Wer also einen Leserbrief schreibt und seine Veröffentlichung anstrebt, muss bedenken, wie er diese Entscheidungen zu seinen Gunsten beeinflussen kann, zumal sein Text unter Umständen in Konkurrenz zu anderen mit dem gleichen Thema steht, über deren Existenz oder Anzahl, geschweige denn ihren Inhalt der Verfasser nicht die geringste Ahnung hat. So muss sein Leserbrief, wenn sein Autor bzw. seine Autorin nicht als Person einen Namen hat, zunächst einmal die Aufmerksamkeit der Redaktion erlangen. Außerdem muss der Verfasser immer damit rechnen, dass sein Leserbrief gekürzt wird, wobei dies aber nicht grundsätzlich am Ende erfolgen muss. "Sollbruchstellen" einzukalkulieren, ist also ein wesentliches Merkmal routinierten Verfassens von Leserbriefen.

  • Der veröffentlichte Leserbrief zielt vor allem darauf, die Leserinnen und Leser des jeweiligen Mediums zu informieren und in ihrer Meinungsbildung zum Thema des Leserbriefes zu beeinflussen mit dem Ziel, sich den Ansichten des Leserbrief-Autors anzuschließen. (Appellfunktion)

  • Schließlich kann auch der Autor bzw. die Autorin eines Textes, auf den sich der Leserbrief bezieht (Referenztext) explizit ein Adressat des Textes sein, dem statt in einem persönlichen Brief in einem öffentlichen Brief eine Stellungnahme zuteil wird, die er aber gewöhnlich nur in seiner Rolle als Leser des Printmediums. Implizit richtet sich der Leserbrief natürlich immer auch an den Autor. Explizit wird diese Adressierung aber dann, wenn der Autor bzw. die Autorin des Artikels, der Gegenstand des Leserbriefs ist, auch wie in einem persönlichen Brief angeredet wird.

Ganz entscheidend für das faktische Leserbriefschreiben in der Alltagskommunikation ist ferner, dass der Verfasser eines "echten" Leserbriefes im Allgemeinen über weitere Informationen verfügt, die er bei der Verfolgung seine strategischen Ziels, veröffentlicht zu werden, in die inhaltliche und stilistische Gestaltung seines Textes einfließen lassen kann (politische Ausrichtung der Redaktion, bisherige Berichterstattung zum Thema, Erfahrungen ...)

Der Leserbrief als schulische Schreibform

Das Abfassen eines Leserbriefes als schulische Schreibform erfolgt dagegen fiktiv (vgl. auch die Unterscheidung von Fritzsche 1994, S.171 zwischen faktischem und fiktiven Schreiben von Briefen). Es basiert auf einer vorgegebenen oder bloß vorgestellten Kommunikationssituation, die sich in gewisser Weise an die Alltagskommunikation anlehnt.
Dabei scheint es vor allem darum zu gehen, die besondere Kommunikationssituation "als kommunikatives Stimulans und als Einbettung für andere Textsorten" (vgl. ebd.,) als dem Brief zu nutzen. Es gehe, so Fritzsche weiter, bei dieser Schreibform "nicht darum. dass die Schüler das B. [Brief, d. Verf.] schreiben lernen - dies ist nur Nebeneffekt und wird entsprechend beiläufig, aber eben funktional behandelt -, sondern es geht um die Inhalt, also das Dargestellte und zum Ausdruck Gebrachte, um im Übrigen um die soziale Leistung des miteinander Korrespondierens. Deshalb gibt es in den B.en wie im alltäglichen Gespräch erzählende, berichtende, beschreibende und erörternde Passagen, es gibt Fragen, Bitten, Aufforderungen, Urteile, Argumente und alle möglichen Äußerungen, die der expressiven Selbstdarstellung und dem Kontakt mit dem B.partner dienen." (ebd.)
Auch wenn das Miteinander-Korrespondieren von Fritzsche wohl zu sehr akzentuiert ist - damit rückt nämlich der Briefcharakter (mit einem Briefpartner?) wieder in den Vordergrund, wird doch sehr deutlich, dass Leserbriefe als schulische Schreibformen ganz unterschiedliche Textfunktionen haben können, die im Extremfall auch ein dominierend expressiv-personales Schreiben zulassen.

Der kommentierende Leserbrief

In der Schule wird der Leserbrief aber in der Regel auf bestimmte Textfunktionen festgelegt.  Er soll eine kritische Stellungnahme zu einem in der Regel vorgegebenen Text sein, bei der die argumentative Themenentfaltung im Vordergrund stehen soll. Deshalb wird er auf seine kommentierende Funktion eingegrenzt. (kommentierender Leserbrief) Die dazu erwartetet argumentative Themenentfaltung kann und soll natürlich auch von beschreibenden, berichtenden oder erzählenden und insbesondere auch von emotional gefärbten (expressiven) und appellativen Passagen ergänzt werden. Gerade das expressive Schreiben, also die Artikulation von Gefühlen und ihre angemessene sprachlich-stilistische Gestaltung, macht damit wohl einen der wesentlichen Unterschiede zu einer textbezogenen Stellungnahme aus, mit der der kommentierende Leserbrief aber teilt, dass am Ende kein ausgewogenes Sach- und Werturteil stehen muss, wie dies z. B. bei der Erörterung als schulischer Schreibform verlangt wird.

Ist die argumentative Themenentfaltung die wesentliche Textfunktion des kommentierenden Leserbriefes, dann lässt er sich auf der Grundlage dieser Überlegungen als eine besondere Form des erörternden Schreibens verstehen, die sich je nach vorgegebener Kommunikationssituation und Referenztextbezugs mal eher der freien Erörterung/Problemerörterung oder mal eher der Texterörterung zuordnen lässt. (vgl. Formen des kommentierenden Leserbriefs)

Allerdings gibt es gegen die Zuordnung der Schreibform zum erörternden Schreiben auch Einwände. So betont beispielweise Lindenhahn (2011), dass der kommentierende Leserbrief als schulische Schreibform in Art einer gestaltenden Erörterung konzipiert, die an die Erörterung gestellten Anforderungen der Darlegung und Abwägung von - auch kontroversen - Sachargumenten gar nicht erfüllen soll und sich im Gegensatz zu der eher selbstreflexiv angelegten Ausführungen bei schulischen Erörterungstypen, "eventuell sogar an einen ganz konkreten Adressaten richten, um diesen persuasiv und mitunter polemisch auf ihre Seite zu ziehen."

Grundsätzlich wird man also davon auszugehen haben:

Der kommentierende Leserbrief soll die begründete subjektive Sicht auf bestimmte Probleme und Sachverhalte gestalten, die bewirken soll, dass diese auch vom Adressaten geteilt wird. Dem Ziel, eine solche Wirkung zu erzielen, ist dabei die inhaltliche und die sprachlich-stilistische Gestaltung untergeordnet.
Wenn damit zwar auf der einen Seite die ansonsten beim Erörtern angestrebte Ausgewogenheit der Sach- und Werturteile nicht angestrebt wird, heißt das nicht, dass nicht vernunftorientiert argumentiert werden muss. Dazu gehören die Verwendung plausibler Argumentationsmuster, Begründungspflicht, sowie die redliche Bezugnahmen auf Gesagtes und implizit Vorausgesetztes logische Gültigkeit und Sachlichkeit (→ 10 Regeln für die kritische Argumentation). Der rhetorischer Giftschrank sollte auch für diese stark subjektive, teilweise expressive und tendenziell persuasive Schreibform nicht extensiv genutzt werden, selbst wenn ihr eristische Argumentationstechniken in der Polemik nicht grundsätzlich versagt sein können.
Nur: Bloßes, dazu noch suggestives Überreden im Sinne unfairen Argumentierens kann und wird niemals Schreibziel dieser schulischen Form des Leserbriefes sein. In der sonstigen gesellschaftlichen Wirklichkeit ist diese Grenze aber nicht so einfach zu ziehen.

Weiter mit: Merkmale des kommentierenden Lesebriefs

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 18.01.2017
 

   

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