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Gestus der Rede

Überblick

 
 
  Aus Bertolt Brechts (1898-1956) dramen- und theatertheoretischen Überlegungen  stammen die grundlegenden Aussagen darüber, was man unter dem Gestus der Rede bzw. eines Gesprächs verstehen kann. (» 4 Zitate - Bertolt Brecht über den Gestus):

"Darunter verstehen wir einen ganzen Komplex einzelner Gesten der verschiedensten Art zusammen mit Äußerungen, welcher einem absonderen Vorgang unter Menschen zugrunde liegt und die Gesamthaltung aller an diesem Vorgang Beteiligten betrifft (Verurteilung eines Menschen durch einen anderen Menschen, eine Beratung, einen Kampf und so weiter) oder einen Komplex von Gesten und Äußerungen, welcher, bei einem einzelnen Menschen auftretend, gewisse Vorgänge auslöst… Ein Gestus bezeichnet die Beziehungen von Menschen zueinander." (Gestik, in: Brecht, Über den Beruf des Schauspielers, Frankfurt/M. 1970, S.92)

Brechts Begriff des Gestus lässt sich also keineswegs auf das alltagssprachliche Verständnis von Gesten bzw. Gestik reduzieren. Er ist damit auch nicht mit nonverbalem Verhalten oder -  im besonderen Zusammenhang der Rede - mit den so genannten Redegesten gleichzusetzen. So können auch verschiedene Gesten den gleichen Gestus ausdrücken. Dies verdeutlichen auch von Brecht selbst gewählte Beispiele:

"Ein Mensch, der einen Fisch verkauft, zeigt unter anderem den Verkaufsgestus. Ein Mann, der sein Testament schreibt, eine Frau, die einen Mann anlockt, ein Polizist, der einen Mann prügelt, ein Mann, der zehn andere Männer ausbezahlt - in all dem steckt sozialer Gestus. Ein Mann, seinen Gott anrufend, wird bei dieser Definition erst ein Gestus, wenn dies im Hinblick auf andere geschieht oder in einem Zusammenhang, wo eben Beziehungen von Menschen zu Menschen auftauchen."

Für Brecht sind daher Begriffe wie Gestus und gesellschaftlicher Gestus unmittelbar aufeinander bezogen.

Der Gestus einer Rede umfasst hauptsächlich die folgenden Aspekte:

  • die innere Grundhaltung des Redners zum Thema (z. B. weltanschauliche Positionen, eigener Wertehorizont)

  • die (gesellschaftlich bedingte) Beziehungsdefinition des Sprechers zu seinen Zuhörern
    (z. B. "Führer - Geführte", "Experte - Laien", "Chef - Mitarbeiter" etc.)

Ausdrucksmöglichkeiten eines Gestus

Ein Gestus kann über verschiedene Codes und Kanäle bei der Kommunikation zum Ausdruck kommen.

  • Er kann nur mit Worten ausgedrückt werden, also nur über die sprachlichen Zeichen realisiert werden. In Reinform lässt sich dies allerdings nur bei Reden analysieren, die in Schriftform vorliegen. In allen anderen Fällen spielen - wie bei jeder anderen Form der Kommunikation auch - ebenso nonverbale Signale eine maßgebende Rolle. Dies gilt auch, wenn eine Rede als Tonträger oder gar als Bildaufnahme (zur Analyse) vorliegt.

  • Auch ohne Worte können Informationen gesendet werden, die eine bestimmte (gesellschaftliche) Beziehung der Menschen zueinander signalisieren. So lässt sich natürlich auch mit Mimik und Gestik allein ein derartiger Gestus zum Ausdruck bringen. Jeder gute alte Stummfilm legt davon ein beredtes Beispiel ab, insbesondere jedoch die Filme Sergej Eisensteins nach der russischen Oktoberrevolution.

  • Im Allgemeinen wird jedoch zur Realisierung eines Gestus eine Mehrzahl von Informationen in verbaler und nonverbaler Weise enkodiert. Dem entspricht auch das Verständnis Bertolt Brechts, der sich die Darstellung eines Gestus in seiner Theaterarbeit immer als ganzheitlichen Ausdruck vorgestellt hat.

 

 
      
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