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Politische Rede

Ein verfehltes Kolleg

Marion Gräfin Dönhoff


Die Rede Philipp Jenningers 1988 und sein anschließender Rückritt vom Amt des Bundestagspräsidenten veranlasste Marion Gräfin Dönhoff zu folgendem Kommentar:

»Als Resümee aus dem Debakel, das seine Rede zum 9. November verursacht hat, zog Philipp Jenninger die Erkenntnis. "dass man in Deutschland nicht alles beim Namen nennen kann". Diese Feststellung ist nun wieder genauso irreführend wie die Rede selbst. Denn logischerweise konnte er dabei doch wohl nur die Aussagen im Sinn haben, die so anstößig waren, dass 50 Abgeordnete zornig den Saal verließen.
Es ging dabei um jene Absätze, in denen Jenninger ohne Vorbehalt die Erfolge Hitlers in bewunderndem Ton aufzählte: 

"Die Jahre von 1933 bis 1938 sind selbst aus der distanzierten Rückschau und in Kenntnis des Folgenden noch heute ein Faszinosum insofern, als es in der Geschichte kaum eine Parallele zu dem politischen Triumphzug Hitlers während jener ersten Jahre gibt." 

Man weiß nicht, wessen Ansichten das sind: Jenningers - oder die eines Beobachters, der die Meinungen der dreißiger Jahre referiert?
Und weiter: 

"Was die Juden anging, hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt, die ihnen nicht zukam? Mussten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient. in ihre Schranken gewiesen zu werden?" 

Noch einmal: Wer dachte so, wer sagte das?
Da hält der Präsident des Bundestages als Repräsentant des Parlamentes, das seinerseits das ganze Volk repräsentiert, am Tag, da der "Reichskristallnacht" und damit auch des Holocaust gedacht wird, eine Rede. Aber weder spricht er von dem Leid, das die Überlebenden und Hinterbliebenen empfinden, noch von der nie zu tilgenden Schande, die die Deutschen mit dem planmäßigen Mord an sechs Millionen Juden auf sich geladen haben. Der Redner hielt vielmehr ein deplaciertes pseudohistorisches Kolleg, in dem vor allem von den Deutschen vor und nach 1945 die Rede ist. [...]
Gar nicht zu fassen. wie ein Politiker so total danebengreifen kann. [...]
Jenninger wirkte als Redner gänzlich unbeteiligt und ohne jede Wärme. Er vermittelte keinerlei Empfindung. Da nützt es denn auch nichts, dass die Rede im Nachlesen weniger Emotionen auslöst. Es bleibt die Frage: Wie kann ein Politiker, der doch weiß, wie heikel dieses Thema ist, so bar jeden menschlichen Gefühls reden? [...]«

(aus: Die Zeit, 18.11.1988, Auszüge)
 


   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Position Marion Gräfin Dönhoff zu der Rede von Philipp Jenninger einnimmt.

  2. Ziehen Sie zur Beurteilung ihrer Aussagen die Analyse von Wolfgang Vogt heran.

  3. Nehmen Sie im Anschluss daran zu den Aussagen der Autorin Stellung.
     

      
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