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Politische Rede

Ein würdiges Gedenken

Christoph Bertram


Die Rede Philipp Jenningers 1988 und sein anschließender Rückritt vom Amt des Bundestagspräsidenten veranlasste Christoph Bertram zu folgendem Kommentar:

»Unbeholfen hat Jenninger geredet, aber unehrlich? Eben nicht. Da findet sich in dem langen Text - so viele seiner schnellen Kritiker haben ihm wohl nur in Auszügen mitbekommen - kein Wort der Beschönigung für deutsche Schuld, kein Weg-Erklären des Schrecklichen, dem ein ganzes Volk zusah. Da wurde eben nicht versucht, die Ächtung der Juden - die erst zur Verteufelung, dann zu Drangsalierung, zu Verfolgung, schließlich zum Massenmord führte - nur den Nazi-Verbrechern anzulasten, verbunden mit vagen Beschwörungen, wir alle seien schuldig geworden.
"Die Schuld", schrieb der Schriftsteller Lothar Baier vor rund einem Jahr in der ZEIT, "ist zu etwas geworden, was die Weiterlebenden gern auf sich nehmen, weil es sie nicht niederdrückt, sondern weil es sie erhebt." Hätte Jenninger das vollbracht, wären jetzt alle des Lobes voll, und er säße weiter auf dem Präsidentenstuhl des Bundestages. Statt dessen hat er die Schuld der Deutschen vorgeführt, hat nicht wegerklärt, sondern uns die hässliche Fratze all jener gezeigt, die stillhielten, als Mitbürger zu Nicht-Menschen gestempelt wurden.
Gewiss, es gab Ausnahmen, tapfere Männer und Frauen, auf die Jenninger nicht zu sprechen kam. Das wäre, weil entlastend, einfach gewesen. Aber die harte Tatsache bleibt: Die meisten sahen zu, sie ließen geschehen. Sie empfanden nicht mehr das elementare menschliche Gefühl bei jeder brutalen Gewaltanwendung gegen Unschuldige - die Empörung. Bei aller Ungelenkheit der Worte, bei allen unrhetorisch vorgetragenen rhetorischen Fragen, hat Jenninger sich mit diesem, für die Nachgeborenen schrecklichsten Problem deutscher Geschichte auseinandergesetzt.  [...] 
Nun aber ist die Empörung da. Nicht Jenningers persönliche Integrität, seine Wortwahl wird angeprangert und seziert - als ob er nicht auch Anspruch darauf hätte, dass die Hörer und Leser hinter seinen Worten den sehen, der da gesprochen hat. Als Sprachverwalter der für solche Anlässe gebotenen Formeln haben die meisten Kritiker sich geübt.
Aber am Ende war dies - bei aller Unbeholfenheit und gerade wegen des Eklats - ein würdiges Gedenken an den schlimmen Tag vor 50 Jahren.«

(aus: Die Zeit, 18.11.1988, Auszüge)
 


   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Position Jochen Bertram zu der Rede von Philipp Jenninger einnimmt. 

  2. Vergleichen Sie diese Position mit der von Marion Gräfin Dönhoff.

  3. Nehmen Sie zu diesen Aussagen Stellung.

   

      
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