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Politische Rede

Erlebte Rede - eine "gefährliche Form

Die Sicht eines Literaturwissenschaftlers


Unter Bezugnahme auf den nachfolgenden Auszug aus der Rede Philipp Jenningers 1988 bemerkt Jochen Vogt (1990, S. 117, Anm. 22) zwar, dass die damals herrschende "Allparteienempörung" über die Äußerungen zwar kaum mehr nachvollziehbar sei, aber erzähltechnisch erklärbar bliebe. Dabei beruft er sich auf Roy Pascal (1977, S.136), der im Zusammenhang mit der manchmal schwer vorzunehmenden Abgrenzung von Erzählerstimme und Figurenstimme betone, dass die erlebte Rede in nichtfiktionalen Texten eine "gefährliche" Form sei. Denn anders als in einem fiktionalen literarischen Text erfordere der nichtfiktionale Text die klare Unterscheidung dieser Stimmen voneinander.

Auszug aus der Rede des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938:

»Hitlers Erfolge diskreditierten nachträglich vor allem das parlamentarisch verfasste, freiheitliche System, die Demokratie von Weimar selbst. Da stellt sich für sehr viele Deutsche nicht einmal mehr die Frage, welches System vorzuziehen sei. Man genoss vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß. ja, größer und mächtiger als je zuvor. - Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens. Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen? Und was die Juden anging: Hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt - so hieß es damals -, die ihnen nicht zukam? Mussten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient. In ihre Schranken gewiesen zu werden? Und vor allem: Entsprach die Propaganda - abgesehen von wilden, nicht ernst zu nehmenden Übertreibungen - nicht doch in wesentlichen Punkten eigenen Mutmaßungen und Überzeugungen?«

Die erzähltechnische Erklärung für die so genannte "Allparteienempörung", die zum Rücktritt Jenningers führte, sieht Vogt (1990, S.177) zumindest auch in einer "Fehlrezeption, derjenigen, die den Redner hernach so scharf kritisierten."

"Für Erzähltheoretiker" sei es keine Frage: "Der Sprecher hat jene Bewussteinshaltung Dritter Personen in regelrechter erlebter Rede wiedergegeben, deutlich erkennbar an der Reihung rhetorischer Fragesätze, an typischen Interjektionen und einem zusätzlichen verbum dicendi. Diese Form sollte wahrscheinlich jene Gedanken eindrücklich und authentisch machen, als 'Volkes Stimme' wirken lassen."

In Wirklichkeit hätten aber die meisten Zuhörer entgegen der Absicht Jenningers diese Passagen "dem Redner selbst zugeschrieben und als Rechtfertigung der beschriebenen Einstellung gedeutet." Die Ursache dieses Rezeptionsfehler bestand demnach darin, "die erlebte Rede nicht als Personenrede erkannt zu haben". (S.177)

So mündet denn auch Vogts Urteil über den Vorfall und Redner darin, dass Jenninger "durch Verwendung der fiktionalisierenden Technik in einem Text, welcher der Kommunikationssituation nach öffentliche Rede, der Sache nach Geschichtsschreibung war, Missverständnis provoziert hat." Denn, so führt er sinngemäß fort, seien solche syntaktisch-stilistischen Formen, wenn sie mündlich vorgetragen würden, noch bedeutend schwerer zu erkennen. (vgl. Vogt 1990, S.177f., Anm.22)

 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, worauf Vogt die Allparteienempörung über die Jenninger-Rede zurückführt.

  2. Nehmen Sie zu diesen Auffassungen Stellung.
     

       
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