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10 Regeln vernunftorientierter Argumentation

Redefreiheit


 

Jeder Diskussionsteilnehmer muss die Freiheit haben, sich ungehindert in einer argumentativen Auseinandersetzung äußern zu können. Er/sie darf seine/ihre Standpunkte frei vorbringen und andere Standpunkte bezweifeln. (Redefreiheit)

In einer argumentativen Auseinandersetzung sollte Redefreiheit herrschen, d. h. jeder sollte sich ungehindert äußern können. Das trägt ganz wesentlich zu partnerschaftlichem Argumentieren bei. Zugleich bedeutet es aber nicht, dass alles und jedes in Frage gestellt werden muss.
Manches steht, weil es als richtig vorausgesetzt wird, einfach nicht zur Debatte. So ist die Behauptung, dass Menschen Schlaf benötigen, sicher unstrittig und es führt nicht weiter, wenn man diese Äußerung damit anzweifelt, dass es Leute gibt, die so gut wie gar nicht schlafen. Andererseits gilt manches, was in der Gesellschaft oder einer bestimmten Gruppe von Menschen lange Zeit als unstrittig angesehen worden ist ("Frauen verstehen nichts von Technik"), längst schon mehr als strittig, wenn nicht sogar gar als unwahr. Ob also bestimmte Aussagen von den Diskutierenden geteilt werden oder nicht, hängt von besonderen Faktoren ab und ist nicht einfach ins Belieben des einzelnen gestellt.
Grund dafür ist, dass man in Alltagsargumentationen immer wieder von einem gemeinsamen Vorrat von nicht zu bestreitenden Tatsachen oder von logisch begründeten Aussagen ausgeht, die im aktuellen Fall solange nicht zu Diskussion stehen müssen, solange sie nicht wirklich angezweifelt werden (müssen).
So geschieht es, schon allein aus Zeitgründen, dass man sich in einer Diskussion mit anderen nur in besonders wichtigen Fällen um die explizite Klärung jener Aspekte bemüht, die ansonsten stillschweigend von allen akzeptiert werden. Wer also z. B. dafür ist, dass Deutschland sämtliche Asylbewerber aufnehmen sollte, der wird der Aussage, die Anerkennungsverfahren sollten verschärft werden, nicht zustimmen, weil zwischen seiner Überzeugung und derer, die für die Verschärfung eintreten, kein stillschweigendes Einvernehmen darüber besteht, dass Deutschland mit der Anzahl der Asylsuchenden überfordert ist. In einem solchen Fall kommt man also ohne die Klärung dieser Voraussetzungen auf der Sachebene nicht weiter.

Die Freiheit in einer argumentativen Auseinandersetzung ungehindert zu Wort zu kommen, kann aber auch aus Gründen, die auf der Beziehungsebene liegen, eingeschränkt sein. So kann man zur Modifizierung seiner Äußerung oder sogar zum Verzicht darauf genötigt sein, wenn diese Äußerung den Kontrahenten kränken, beleidigen oder herabsetzen soll. Andernfalls würde man seine Redefreiheit missbrauchen, wie dies z. B. beim genetischen Fehlschluss (s. Abb.) der Fall ist. In diesem Beispiel geht der Lehrer eben nicht auf die Aussage des Schülers ein (Begründungszusammenhang), sondern versucht dessen Argumente beiseite zu schieben, indem er auf dem Weg der Unterstellung bestimmte Motive für dessen Argumentation anführt (Entdeckungszusammenhang).

Vernünftiges Argumentieren sollte mit der für eine argumentative Auseinandersetzung unverzichtbaren Redefreiheit also verantwortungsvoll umgehen. Dazu gehört

  • dass man miteinander klärt, welche Fakten und Werte als unstrittig angesehen werden und wirklich von allen akzeptiert werden

  • dass man Aussagen, die den anderen verletzen oder herabsetzen können, vermeidet oder so "einfärbt", dass sie eine solche Wirkung vermeiden.

(vgl.  Kienpointner 1996, S.26)

» Zuhören
» Nichtpartnerschaftliches Argumentieren: Sieg-Niederlage-Modell
» Ruth Cohn, Regeln und Richtlinien für die Gruppeninteraktion
» Anforderungen für vernünftiges Argumentieren (Kritische Argumentation)

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 26.07.2015
 

      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Was halten Sie von dieser Regel?

  2. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Problem der Redefreiheit gemacht?

  3. Redefreiheit und das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung - Erläutern Sie die Unterschiede.
     

 

 

  

 

 

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