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"Robinson Crusoe" als Kinderbuch

Dieter Petzold (1982)

 
 
  Spätestens um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die Mode der Robinsonaden abgeebbt, und auch um das Original war es still geworden. Das heißt nicht, dass es nicht mehr gelesen worden wäre: wie in England, so sind auch in Deutschland immer wieder Neuauflagen erschienen (freilich nicht so viele wie dort); aber Robinson war kein Thema mehr für die Gebildeten und literarisch Interessierten, die höchstens auf das Buch herabsahen als "elende(n) Zeitvertreib [...] vor Handwercks Pursche".
Um so überraschender mag für viele europäische Intellektuelle gewesen sein, dass Jean Jacques Rousseau, geschmähter und umjubelter Avantgardist und enfant terrible des kulturellen Lebens, auf Robinson Crusoe nicht nur wieder aufmerksam machte, sondern das Buch in einem ganz neuen und überaus positiven Lichte sah. Im dritten Buch seines epochemachenden Erziehungsromans Emile ou de l'education (1762) empfiehlt Rousseau als einzige Lektüre seines hypothetischen Zöglings Emile ausgerechnet Robinson Crusoe. [...]
Für Rousseau darf Erziehung nicht bedeuten, das Kind möglichst reibungslos in die bestehende Gesellschaft einzugliedern; Erziehung bedeutet vielmehr Förderung und behutsame Formung der natürlichen Anlagen, den jeweiligen kindlichen Fähigkeiten und Interessen gemäß, und eine schrittweise Hinführung in historisches Bewusstsein, moralisches Verhalten und religiöse Überzeugung als Formen gesellschaftlichen Seins. Die Erfahrung der real gegenständlichen Welt kommt dabei zeitlich vor der moralischen und religiösen Erziehung, und sie geschieht weitgehend im Spiel.
In dieser frühen Phase der "Realitätsbewältigung" setzt Rousseau en pädagogischen Wert des Robinson Crusoe an. Robinson ist vor allem deshalb Anreger und Vorbild, weil er, wie das Kind unter idealen Bedingungen, durch praktische Erfahrungen die Natur zu verstehen und sich nutzbar zu machen lernt. Die Isolation Robinsons fasziniert Rousseau in diesem Zusammenhang als Grundlage einer modellhaften Situation: Aus dem Kontext seiner gesellschaftlichen Bindungen gerissen, scheint Robinson "als Mensch an sich" der Natur gegenüberzustehen einer Natur, die ihm unnachsichtig, aber nicht feindlich gegenübertritt: kurz, als ideale Lehrmeisterin.
Mit Rousseau rücken zwei entscheidende Aspekte in den Mittelpunkt der Robinson Crusoe Rezeption: die Inselepisode wird als das zentrale Robinson Motiv erkannt, und ihr Wert wird als ein primär pädagogischer begriffen. Das hat weitreichende Folgen, die bis zum heutigen Tage wirksam geblieben sind. Rousseaus Verständnis des Robinson Crusoe ist ein schöpferisches Missverständnis; er ignoriert Defoes Intentionen, indem er das Buch kurzerhand zum Kinderbuch erklärt und alle Elemente, die sich dieser Funktion nicht unterordnen wollen, für "tout son fatras", "allen übrigen Schwulst" ansieht, den man getrost beiseite lassen kann. Damit gibt er das Signal für jene zahllosen Jugendbearbeitungen, die das Robinson Verständnis des breiten Lesepublikums für die nächsten zweihundert Jahre bestimmen sollten.
Gewiss war Robinson Crusoe auch vorher schon bearbeitet und gekürzt worden, zumal in England; aber diese Kürzungen wurden ausnahmslos aus kommerziellen Gründen vorgenommen. Und sicherlich wurde die Geschichte des schiffbrüchigen Insulaners auch vor Rousseau schon von Kindern gelesen. Von den englischen Chapbook Versionen darf dies auf jeden Fall angenommen werden. Doch erst Rousseau wies Robinson Crusoe eine feste Funktion in einem elaborierten pädagogischen Konzept zu. [...]
Pädagogische Absichten sind gewiss auch in diesen frühen Jugendbuch Bearbeitungen zu erkennen; doch sie äußern sich nur in der Betonung moralischer Maximen (wie z. B. des Gehorsams gegenüber den Eltern in der Newbery Version) und in der Kürzung oder Abänderung der religiösen Reflexionen. (Obwohl nicht für Kinder bestimmt, enthält ja schon das Original viele didaktische Momente.) Ansonsten setzt man auf den Unterhaltungswert des Abenteuerlichen. In der Tat hätte auch der enorme Einfluss Rousseaus aus Robinson Crusoe wohl kaum ein Kinderbuch machen können, wenn nicht der Stoff selbst für Kinder attraktiv wäre.
Worin besteht nun jenes "Beiwerk", von dem Rousseau das Buch gereinigt sehen wollte, bevor es als Erziehungsmittel für seinen Emile taugte? Liebs hat Rousseaus "hypothetische Bearbeitungsmaßnahmen" folgendermaßen zusammengefasst:
  1. Reduktion auf die Inselepisode
  2. Unterschlagung sämtlicher vorgegebener Werkzeuge
  3. Eliminierung aller religiösen Reflexionen
  4. Bagatellisierung der Freitag Episode

Dies sind in der Tat einschneidende Änderungen, die in Rousseaus theoretischen Überlegungen impliziert sind. Sie erklären sich zunächst einmal aus dem entwicklungspsychologischen Modell, das der Autor des Emile entwickelt hat. Danach ist das Kind im "Robinson Alter" (der Begriff wird erst eineinhalb Jahrhunderte später von Charlotte Bühler geprägt, die Idee aber ist schon bei Rousseau vorgebildet) noch nicht an religiösen Fragen oder zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert, und deshalb stören die religiösen Reflexionen und das Zusammenleben Robinsons mit anderen Menschen nur.

(aus: Petzold, Dieter: "Robinson Crusoe" als Kinderbuch, aus: Petzold, Dieter 1982, S.42-45, gekürzt)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:

   Arbeiten Sie heraus:

  1. Von welchen entwicklungspsychologischen Überlegungen lässt sich Rousseau bei seiner Robinson‑Rezeption leiten?

  2. Wie wirken sich diese Überlegungen hinsichtlich der von Rousseau empfohlenen Stoffbehandlung aus?
     

 
       
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