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Die Geschichte des Robinsonmotivs

Elisabeth Frenzel (1976)

 
 
 

Die Geschichte Robinson Crusoes, ein nach Kapitän Rogers’ Bericht über den fünfjährigen Aufenthalt des schottischen Matrosen Selkirk auf einer Insel des Juan-Fernandez-Archipels von Daniel Defoe frei ausgesponnener Roman (The Life and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner 1719), ist die berühmteste Formung eines alten Themas, das allerdings erst in ausgesprochenen Zivilisationsepochen bewegend werden konnte: die freiwillige oder erzwungene Rückversetzung des zivilisierten Menschen in einen Naturzustand durch Weltflucht, Einsiedelei, Schiffbruch, Aussetzung. Die zu Beginn des   aufgeklärten Jahrhunderts erschienene Geschichte eines Menschen, der nüchtern und überlegen Schritt für Schritt über die Wildnis siegt und sich ein geregeltes, sinnvolles Leben schafft, auch die Freundschaft eines Wilden, Freitag, und diesen der europäischen Kultur und Humanität gewinnt, kam den rationalistischen wie sentimental Rousseauischen Strömungen der Zeit entgegen, wurde von Rousseau selbst als »Grundbuch aller Erziehung« angesehen und fand durch Umarbeitung des Pädagogen J. H. Campe in  ein Gespräch zwischen Erziehern und Kindern (Robinson der Jüngere,1779) Eingang in die Jugendliteratur, zu deren Grundbestand es, von der dozierenden Form Campes allerdings wieder befreit, noch heute gehört.

Verbreitung und Wirkung des Robinson-Stoffes geschah jedoch nicht in Form einer Stoffentwicklung, sondern wie bei manchem anderen, vom Zeitgeschmack besonders bestimmten Erfolgsbuch (ö Don Quijote,  Werther) in Form der Nachahmung, durch  die so genannten Robinsonaden (vor allem: J. G. Schnabel, Die Insel Felsenburg 1731-43; J. R. Wyss, Der schweizerische Robinson, 1812-13). Die Robinsonade ist nicht eine Neuinterpretation des Robinson-Stoffes, entzündet sich nicht an der spezifischen Robinson-Fabel, am Plot, sondern ist Wiederholung einer gleichen Grundsituation -  Inseldasein eines Schiffbrüchigen - an ganz anderen Personen; noch in G. Hauptmanns Insel der großen Mutter (1924) klingt das Robinson-Motiv nach. Überträgt man den Begriff auf Werke ähnlicher Thematik früherer Zeit, so kann man sogar von »vordefoeschen« Robinsonaden sprechen (z. B. Grimmelshausen, Continuatio des abenteuerlichen Simplicissimi 1669). Eine Geschichte der Robinsonaden ist Gattungs- oder auch Motiv-, aber nicht Stoffgeschichte.

Defoe selbst gab mit seinen Fortsetzungen des Romans, The Farther Adventures of Robinson Crusoe (1719), die den erneuten Besuch Robinsons und Freitags auf der Insel, den Kampf mit Eingeborenen und Freitags Tod erzählen, und The Serious Reflections… of Robinson Crusoe (1720) mit seiner Vision der Welt der Engel, Ansätze zu einer Stoffgeschichte. Das Theater hat, abgesehen davon, » dass es, wie der Roman, die Robinson-Situation auf andere Personen übertrug (K. v. Holtei Staberl als Robinson 1845; L. Feldmann / Bertram  Der neue Robinson oder das goldene Deutschland 1852; L. Fulda, Robinsons Eiland 1895), die farbige, aber ausgesprochen epische Handlung für Ballette, Pantomimen, Maskenzüge und Opern verwandt (L.A. Piccini, Melodram; H. Schmidt / M. Hoguet, Pantomimisches Ballett 1837; F. Fortiscue, Operatic Drama 1822; M. M. Cormon / H. Cremieux  / J. Offenbach 1867). Dramatiker haben das Thema mehrfach umspielt, so etwa A. G. Oehlenschläger in Robinson i  England (1819), einem Lustspiel, das die Auseinandersetzung des heimgekehrten Selkirk mit Defoe wegen dessen vermeintlicher Unterschlagung des Tagebuches behandelt, F. Forster (Robinson soll nicht  sterben, 1932), der eine Revolte der Jugend gegen den Tod ihres unsterblichen Helden in Szene setzte, und S.Supervielle (1949), in dessen Märchen der junge Robinson aus Verzweiflung über die vermeintliche Untreue eines Mädchens die Heimat verlässt und bei der Rückkehr deren Tochter gewinnt. Zu den Weiter- und Umdichtungen der ursprünglichen Handlung gehört auch die Dichtung des Saint-John Perses, Images à Crusoe (1909), die einen in , die Großstadt zurückgekehrten. in einer Dachstube hausenden Robinson vorführt, der viel verlassener ist als auf seiner Insel; dort war er mit Gott allein, hier gibt es keinen Gott mehr.  H. v. Hofmannsthal  ließ seinen Filmentwurf Defoe  in der Begegnung Defoes mit Robinson, in dem er sich selbst wieder zu erkennen glaubt, und in der Niederschrift von Robinsons Erzählungen ausklingen (postum 1935). Der Franzose M. Tournier (Vendredi, on Limbes du Pacifique, R.,1967) wiederholte das Robinson-Abenteuer an einem hundert Jahre später stattfindenden Schiffbruch und an einem wesentlich modernen Menschen, einem Typ des Massenzeitalters, der sich erstaunlich gut anpasst, sich schnell wandelt und der Schwierigkeiten sowohl denkerisch als auch organisatorisch Herr wird. […]

 

(aus: Elisabeth Frenzel 1976, S.637ff., gekürzt)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Auf welche Quelle geht das Robinson-Motiv zurück?

  2. Was ist das Thema der Robinsonaden?

  3. Was versteht man unter Robinsonaden?

  4. Erläutern Sie E. Frenzels These: "Eine Geschichte der Robinsonaden ist Gattungs- oder auch Motiv-, aber nicht Stoffgeschichte."

  5. Welchen Sinn geben Rousseau (1712-1778) und von Campe (1748-1818) der Robinsonade?

  6. Wie gestalten Saint-John Perses (1909) und M. Tournier das Robinsonmotiv?
     

 
     
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