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Robinsonade

Robinsons Umgang mit der Natur

Joachim Heinrich von Campe (1779)

 
 
 

Dreizehnter Abend.

Am folgenden Abend rief der Vater seine Kleinen etwas früher zusammen, weil er, wie er sagte, erst eine Ratsversammlung mit ihnen halten müsse, bevor er in seiner Erzählung weitergehen könne.

Worüber wollen wir uns denn beratschlagen? riefen die Kleinen, indem sie rund um ihn herum zusammentraten.

Vater. Über eine Sache, die unserem Robinson die ganze Nacht hindurch im Kopfe herumgegangen ist und weswegen er kein Auge hat zutun können.

Alle. Nun?

Vater. Es war die Frage. ob er den alten Brotfruchtbaum, den er gestern gesehen hatte, in der ungewissen Hoffnung, ob er daraus ein Schiff werde machen können, umhauen oder ob er ihn stehen lassen solle.

Johannes. Ich hätte ihn hübsch wollen stehen lassen.

Dietrich. Und ich hätte ihn umgehauen.

Vater. Da sind also zwei entgegengesetzte Meinungen; der eine will den Baum umhauen, der andere will ihn stehen lassen. Lasst doch hören, ihr anderen, was ihr dazu sagt?

Gottlieb. Ich halte es mit Johannes.

Lotte. Ich auch, lieber Vater; der Baum soll stehen bleiben.

Fritzchen. Nein, er soll umgehauen werden, dass der arme Robinson ein Schiff kriegt.

Nikolas. Das sage ich auch.

Vater. Nun, so stellt euch in zwei Parteien und dann wollen wir hören, was jeder für Gründe zu seiner Meinung hat. ‑  So! Nun, Johannes, mache du den Anfang; warum soll der Baum stehen bleiben?

Johannes. I, weil er so schöne Früchte trägt, und weil er vielleicht der Einzige seiner Art auf der ganzen Insel ist.

Dietrich. O, es ist schon ein alter Baum; der wird doch nicht lange mehr Früchte tragen!

Johannes. Woher weißt du das? Er ist ja nur erst ein wenig hohl, und wie viele hohle Bäume gibt es nicht, die noch manches Jahr Früchte tragen!

Nikolas. Robinson darf ja nur recht viele junge Zweige von diesem Baum auf andere Stämme pfropfen; so wird er Brotbäume genug kriegen.

Gottlieb. Ja, aber sind sie denn sogleich groß? Darüber können ja wohl vier Jahre hingehen; ehe die gepfropften Bäume anfangen, Früchte zu tragen.

Fritzchen. Ist es denn nicht besser, dass er ein Schiff kriegt und wieder zu Menschen fährt, als dass er da immer und ewig auf seiner Insel sitzt und Brotfrucht isst?

Johannes. Ja, wenn das Schiff sogleich fertig wäre! Womit will er denn den Baum umhauen, und womit will er ihn aushöhlen, da er nur eine steinerne Axt hat?

Dietrich. O, wenn er nur lange genug daran hauet und nicht ungeduldig wird, so wird er schon damit zu Stande kommen!

Gottlieb. Aber dann, so hatte er ja noch keine Segel! Was will er denn mit dem bloßen Schiffe anfangen?

Nikolas. O, er muss sich mit Rudern helfen!

Lotte. Ja! Das wird schon gehen! Weißt du nicht mehr, da wir bei Travemünde auf der Ostsee waren und dem einen Bootsmanne das Ruder brach, wie es uns da beinahe gegangen wäre? Vater sagte ja, wenn das zerbrochene Ruder nicht noch zu gebrauchen gewesen wäre, so hätte uns der andere Bootsmann allein nicht wieder ans Land bringen können.

Dietrich. O, das war auch ein großer Kahn und waren ja achtzehn Menschen darin! Wenn sich Robinson einen kleinen Kahn und zwei Ruder macht, so wird er ihn schon allein lenken können.

Vater. Nun, Kinder, ihr sehet, die Sache ist gar nicht leicht zu entscheiden. Alles, was ihr da gesagt habt, ging dem guten Robinson die Nacht hindurch auch im Kopfe herum; und das nennt man eine Sache überlegen, wenn man nachdenkt, ob es besser sei, sie zu tun oder nicht zu tun. Seitdem Robinson die traurigen Folgen seiner übereilten Entschließung, in die weite Welt zu reisen, empfunden hatte, befolgte er immer die Regel nie wieder etwas zu tun, ohne erst vorher eine vernünftige Überlegung darüber angestellt zu haben. Das tat er also auch jetzt. Nachdem er nun die Sache lange genug hin und her überlegt hatte, so fand er, dass alles auf die Frage ankomme, ob es klug gehandelt sei, einen kleinen, aber gewissen Vorteil hinzugeben, um einen größeren, aber noch ungewissen Vorteil dadurch zu erlangen? [...]
 

(aus: Joachim Heinrich von Campe, Robinson der Jüngere, Braunschweig: Verlag der Schulbuchhandlung Friedrich Vieweg u. Sohn  1848)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Geben Sie den Inhalt des vorliegenden Textauszuges unter Berücksichtigung der inhaltlichen Gliederung des Gesprächsverlaufs wieder. (Baustein)

  2. Arbeiten Sie die Beziehung zwischen dem (Haus )Vater und den Kindern heraus und belegen Sie Ihre Ergebnisse mit geeigneten Textstellen. (Baustein)

  3. Zeigen und erläutern Sie am Text: Welche Intentionen verfolgt von Campe mit seiner Bearbeitung der Robinson-Geschichte?
     

 
     
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