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Robinsonade

Seenot auf der Reise nach London

Joachim Heinrich von Campe (1779)

 
 
 

(Während der Fahrt nach London gerät das Schiff auf dem Krusoe angeheuert hat, in Seenot)

Vater. lndess hatte ein anderes Schiff die Notschüsse gehört und schickte ein Boot ab um die Leute, wo möglich, zu retten. Aber das Boot konnte nicht herankommen, weil die Wellen gar zu hoch gingen. Diese warfen es so gewaltsam hin und her, dass es in augenscheinlicher Gefahr war, umgestülpt zu werden. Dennoch wollten die menschenfreundlichen Leute lieber ihr eigenes Leben daran wagen, als ihre Nebenmenschen ohne Hülfe lassen.

Nikolas. Das waren wohl hamburgische Leute?

Vater. Woraus vermutest du das?

Nikolas. Ja, weil sie gegen das hamburgische Schiff so dienstfertig waren und sich deswegen sogar in Lebensgefahr begaben.

Vater. Muss man denn bloß gegen seine Landsleute dienstfertig sein? Das wolltest du gewiss nicht zu verstehen geben, lieber Nikolas! Oder, wenn da jetzt gleich ein Mensch aus Amerika hier in unsern Teich fiele, würden wir erst fragen, woher er wäre? Würden wir nicht vielmehr alle den Augenblick aufspringen, um ihn zu retten?  Nun, eben so menschlich dachten die Leute in dem Bote auch, ungeachtet sie keine Hamburger, keine Europäer, keine Christen sondern ‑ Türken waren, und zwar Türken aus der Stadt Smirna, die in Asien liegt.

Johannes. Das hätte ich doch nicht gedacht, dass die Türken so gute Menschen wären!

Vater. Lieber Johannes, du wirst immer mehr erfahren, dass es unter allen Völkern, in allen Ländern gute Leute gibt; so wie es unter allen Völkern. in allen Ländern und zu alten Zeiten auch hin und wieder Taugenichtse gegeben hat.[...]

 

(Nach der Ankunft in London gesteht Robinson Krusoe dem Schiffer, dass er ohne Erlaubnis seiner Eltern mitgekommen ist. Daraufhin rät ihm dieser eindringlich, nach Hause zurückzukehren.)

 

Vater. Bald fiel's ihm ein, er wolle noch nicht abreisen, bald dachte er wieder daran, was der Schiffer ihm gesagt hatte, dass es ihm nicht wohlgehen könne, wenn er nicht zu seinen Eltern zurückkehre. Er wusste lange nicht, was er tun solle; endlich aber ging er doch hin nach dem Hafen.

Aber zu seinem Vergnügen musste er hören, dass jetzt kein Schiff da war, welches die Fahrt nach Hamburg machen wollte. Der Mann, der ihm diese Nachricht gab, war ein Guineafahrer.

Fritzchen. Was ist ein Guineafahrer?

Vater. Das lass dir von Dietrich erzählen. der's wohl schon wissen wird.

Dietrich. Weißt du noch wohl, dass es ein Land gibt, das Afrika heißt? Nun, die eine Küste davon ‑

Fritzchen. Küste.

Dietrich. Ja, oder das Land, das dicht am Meere liegt  sieh, ich habe meinen kleinen Atlas eben bei mir! ‑ dieser Strich Landes hier, der da so krumm hinuntergeht, der wird die Küste von Guinea genannt.

Vater. Und die Schiffer, die dahin fahren, um etwas daselbst einzuhandeln, heißt man Guineafahrer. Der Mann also, mit dem unser Robinson redete, war ein solcher Guineafahrer, oder der Führer eines Schiffes, welches nach Guinea fahren wollte.

Dieser Schiffsführer oder Kapitän fand Vergnügen daran, sich weiter mit ihm zu unterreden, und nötigte ihn daher, mit an Bord zu gehen, um in seiner Kajüte eine Tasse Tee mit ihm zu trinken; und Robinson willigte ein.

Johannes. Konnte der Mann denn Deutsch sprechen?

Vater. Ich habe vergessen, zu sagen, dass Robinson schon in Hamburg Gelegenheit gehabt hatte, ein wenig Englisch zu lernen, welches ihm jetzt, da er im Lande der Engländer war, sehr wohl zu Statten kam.

Da der Kapitän von ihm hörte, dass er so große Lust zu reisen habe, und dass es ihm so Leid tue, schon jetzt wieder nach Hamburg zurückkehren zu müssen, so tat er ihm den Vorschlag, mit nach Guinea zu segeln. Robinson erschrak anfangs vor diesem Gedanken. Aber da ihm jener versicherte, dass die Reise sehr angenehm sein werde, dass er ihn, um einen Gesellschafter zu haben, umsonst mitnehmen und freihalten wolle, so stieg ihm plötzlich das Blut zu Kopfe und die Begierde zu reisen, ward wieder so lebendig in ihm, dass er auf einmal vergaß, was ihm der ehrliche hamburgische Schiffer geraten hatte, und was er kurz vorher tun wollte. [...]

Robinson konnte sich nun nicht länger mehr halten. Er vergaß Eltern, Freunde und Vaterland, und rief freudig aus: Ich fahre mit, Herr Kapitän! ‑ Topp! antwortete dieser; und so schlugen sie einander in die Hände, und die Reise war beschlossen.

Johannes. Na, nun will ich auch gar kein Mitleid mehr haben mit dem dummen Robinson, und wenn's ihm auch noch so unglücklich geht!

Vater. Kein Mitleid, Johannes?

Johannes. Nein, Vater; warum ist er so dumm und vergisst schon wieder, was er seinen Eltern schuldig ist? Dafür muss ja wohl der liebe Gott es ihm wieder schlimm gehen lassen!

Vater. Und scheint dir ein so unglücklicher Mensch, der seine Eltern vergessen kann und dem der liebe Gott erst durch Strafen bessern muss, kein Mitleid zu verdienen? Freilich ist er selbst schuld an allem, was ihm nun begegnen wird; aber ist er nicht um desto unglücklicher? O, mein Sohn, Gott bewahre dich und alle vor dem schrecklichsten unter allen Leiden, welches darin besteht, dass man fühlt, man habe sich selbst elend gemacht! Aber wo wir von einem solchen Unglücklichen hören, da wollen wir bedenken, dass er unser Bruder, unser armer, verirrter Bruder ist, seine Schuld vergessen und ihm auch helfen, auf den Weg des Rechttuns und der Glückseligkeit zurückzukehren.

Alle schwiegen einige Augenblicke; dann fuhr der Vater folgendermaßen fort.

Robinson eilte nun mit seinen neun Guineen in die Stadt, kaufte dafür ein, was der Schiffer ihm geraten hatte und ließ es an Bord bringen.

Nach einigen Tagen, da ein guter Wind sich erhob, ließ der Schiffer die Anker lichten und so gingen sie unter Segel.

 

(aus: Joachim Heinrich von Campe, Robinson der Jüngere, Braunschweig: Verlag der Schulbuchhandlung Friedrich Vieweg u. Sohn  1848)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Untersuchen Sie die Strukturen des Erzähltextes und erläutern Sie diese.

  2. Worin unterscheidet sich diese Erzählstruktur von der Daniel Defoes?

  3. Untersuchen Sie, welche Erziehungsziele von Campe mit seiner Bearbeitung der Robinson Geschichte verfolgt und vergleichen Sie diese mit den Auffassungen von Rousseau.
     

 
     
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