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Robinsonade

Krusoe heuert an

Joachim Heinrich von Campe

 
 
 

Es war einmal eine zahlreiche Familie, die aus kleinen und großen Leuten bestand. Diese waren teils durch die Bande der Natur, teils durch wechselseitige Liebe genau vereiniget. Der Hausvater und die Hausmutter liebten alle wie ihre eigenen  Kinder, ungeachtet nur Lotte, die kleinste von allen ihre leibliche Tochter war; und zwei Freunde des Hauses, R** und B**, taten dasselbe. Ihr Aufenthalt war auf dem Lande, nahe vor den Toren von Hamburg.

Der Wahlspruch dieser Familie war: bete und arbeite! und Kleine und Große kannten kein anderes Glück des Lebens, als welches die Erfüllung dieser Vorschrift gewährt. Aber während der Arbeit und nach vollendetem Tagewerke wünschte dann jeder von ihnen auch etwas zu hören, das ihn verständiger, weiser und besser machen könnte. Da erzählte ihnen nun der Vater bald von diesem, bald von jenem. Und die kleinen Leute alle hörten ihm gern und aufmerksam zu.

Eine von solchen Abenderzählungen ist die folgende Geschichte des jüngern Robinson.

Es war einmal ein Mann in der Stadt Hamburg, der hieß Robinson. Dieser hatte drei Söhne. Der älteste davon hatte Lust zum Soldatenstande, ließ sich anwerben und wurde erschossen in einer Schlacht gegen die Franzosen.

Der zweite, der ein Gelehrter werden sollte, hatte einmal einen Trunk getan, da er eben erhitzt war, bekam die Schwindsucht und starb.

Nun war also nur noch der kleinste übrig, den man Krusoe nannte, ich weiß nicht warum. Auf den setzten nun der Herr Robinson und die Frau Robinson ihre ganze Hoffnung, weil er jetzt ihr Einziger war. Sie hatten ihn so lieb wie ihren Augapfel: aber sie liebten ihn mit Unverstand.

Gottlieb. Was heißt das, Vater?

Vater. Wirst es gleich hören. Wir lieben euch auch. wie ihr wisst; aber deswegen halten wir euch zur Arbeit an und lehren euch viele angenehme und nützliche Dinge, weil wir wissen, dass euch das gut und glücklich machen wird. Krusoe's Eltern machten es nicht so. Sie ließen ihrem lieben Söhnchen in allem seinen eigenen Willen, und weil nun das liebe Söhnchen lieber spielen als arbeiten und etwas lernen mochte. so ließen sie es meist den ganzen Tag müßig umherlaufen oder spielen und so lernte es denn wenig oder gar nichts. Das nennen wir andern Leute eine unvernünftige Liebe.

Gottlieb. Haha!

Vater. Der junge Robinson wuchs also heran, ohne dass man wusste, was aus ihm werden würde. Sein Vater wünschte, dass er die Handlung lernen möchte,: aber dazu hatte er keine Lust. Er sagte, er wolle lieber in die weite Welt reisen um alle Tage recht viel Neues zu hören und zu sehen.

Das war nun aber sehr unverständig gesprochen von dem jungen Menschen. Ja. wenn er schon etwas rechts gelernt hätte gehabt! Aber was wollte ein so unwissender Bursche, als dieser Krusoe war, in der weiten Welt machen? Wenn man in fremden Ländern ein Glück machen will, so muss man sich erst viele Geschicklichkeiten erworben haben. Und daran hatte er bisher noch nicht gedacht.

Er war nun siebzehn Jahr alt und hatte seine meiste Zeit mit Umherlaufen zugebracht. Täglich quälte er seinen Vater, dass er ihn doch möchte reisen lassen: sein Vater aber antwortete: er sei wohl nicht recht gescheit; und wollte nichts davon hören. "Söhnchen! Söhnchen!", rief ihm dann die Mutter zu, "bleibe im Lande und nähre dich redlich!"

Vater. Eines Tages, als er, seiner Gewohnheit nach, bei dem Hafen umherlief, sah er einen seiner Gespielen, der eines Schiffers Sohn war und der eben mit seinem Vater nach London abfahren wollte.

Fritzchen. In der Kutsche?

Dietrich. Nein, Fritzchen, nach London muss man zu Schiffe fahren über ein großes, großes Wasser, das die Nordsee heißt. Nun?

Vater. Der Sohn des Schiffers fragte ihn, ob er mitreisen wolle. "Gern", antwortete Krusoe, "aber meine Eltern werden es nicht haben wollen!" "I", sagte der andere wieder, "mache einmal den Spaß und reise so mit! In drei Wochen sind wir wieder hier und deinen Eltern kannst du ja sagen lassen, wo du geblieben bist."

"Aber ich habe kein Geld!", sagte Krusoe. ‑ "Schad't nichts", antwortete der andere: "ich will dich schon frei halten unterwegs." Der junge Robinson bedachte sich noch ein paar Augenblicke; dann schlug er jenem auf einmal in die Hand und rief aus: "Topp, ich fahre mit dir, Bruder! Nur gleich zu Schiffe!" Darauf bestellte er,  dass nach einigen Stunden jemand zu seinem Vater gehen und ihm sagen solle: er sei nur ein bisschen nach England gefahren und werde bald wieder kommen. Dann gingen die beiden Freunde an Bord.

Johannes. Fi! Den Robinson mag ich nicht leiden.

Nikolas. Ich auch nicht!

Freund G. Warum denn nicht?

Johannes. Ja, weil er das tun kann, dass er so von seinen Eltern weggeht, ohne dass sie's ihm erlaubt haben! (...)

Vater. Es war ein angenehmer Tag und der Wind blies so günstig, dass sie in kurzer Zeit die Stadt Hamburg aus den Augen verloren. Am folgenden Tage kamen sie schon bei Ritzebüttel an, wo die Elbe sich ins Meer ergießt. Und nun ging's hinaus in die offene See!

Was für Augen der Robinson nun machte als er vor sich nichts als Luft und Wasser sah! Das Land, wo er hergekommen war, verschwand schon nach und nach auch aus seinen Augen. Jetzt konnte er nur noch den großen Leuchtturm sehen, den die Hamburger auf der Insel Heiligenland oder Helgoland unterhalten. Jetzt verschwand auch dieser und nun sah er über sich nichts als Himmel und um sich her nichts als Wasser.

Gottlieb. Das mag aussehen!

Freund R. Kannst es vielleicht bald einmal zu sehen kriegen!

Gottlieb. O, wollen wir hingehen?

Freund R. Wenn ihr recht aufmerksam seid, indem wir euch die Erdbeschreibung lehren, dass ihr lernt, wo man hingehen muss, um von einem Orte zum andern zu kommen.

Vater. Ja. und wenn ihr durch Aufmerksamkeit und Mäßigkeit im Essen und Trinken euch täglich abhärtet, dass ihr so eine Reise aushalten könnt, so machen wir schon einmal einen kleinen Ausflug nach Travemünde, wo die Ostsee angeht.

Alle. Oh! oh! (…)

 

(aus: Joachim Heinrich von Campe, Robinson der Jüngere, Braunschweig 1848)
 

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Untersuchen Sie die Figurenkonstellation in der Rahmenerzählung.

  2. Markieren Sie die Textpassagen, die zur Rahmenerzählung gehören.

  3. Arbeiten Sie heraus, wies sich die Figuren der Rahmenerzählung verhalten.

  4. Was lässt sich daraus auf die Beziehung von Vater und Kindern schließen?

  5. Für von Campe steht die außerordentlich große pädagogische Bedeutung der Robinson Geschichte außer Zweifel.

  6. Untersuchen Sie, welche Erziehungsziele von Campe verfolgt und vergleichen Sie diese mit denen Rousseaus und seiner Rezeption der Robinson Geschichte.
     

 
     
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