Das •
Motiv des
lüsternen Alten lässt sich in seinen Ursprüngen bis zur •
biblischen
Erzählung "Susanna
im Bade" zurückverfolgen. Ein weiterer Strang der
Motiventwicklung entsteht aber auch dadurch, dass das Motiv in der
Bildenden Kunst der frühen
Neuzeit (1300-1800) (▪
Renaissance und Humanismus, ▪
Barock)
in zahlreichen Gemälden mit
der Altersungleichheit •
ungewöhnlicher Paare in dieser Zeit in Zusammenhang gebracht
wird.
Generell ist das Thema "Ungleiche Paare" ein Longseller in allen Medien, über alle Zeiten
hinweg: in »Malerei; »Musik, »Literatur
und »Film
Die Bilder der
frühen Neuzeit (1300-1800)
zeigen häufig eine Konstellation, in der sich eine junge Frau in
Gesellschaft zweier Männer befindet, die um ihre Gunst buhlen oder
Besitzansprüche auf sie erheben.
Dabei hat sie allerdings,
wie es immer wieder scheint, oft selbst zu entscheiden, ob sie dem jungen oder dem alten Mann
den Vorzug geben will.
Ein Beispiel dafür ist das
Gemälde "Das ungleiche Paar" (ca.1520-15245) von »Cornelis
van Haarlem (1562-1638). Die allein auf
ihre körperliche Attraktivität reduzierte junge Frau mit den
entblößten Brüsten ist für den alten Mann eine käufliche Ware, die
ihren Preis hat, auch wenn er sich klar
darüber sein muss, dass er dem jungen Mann als Liebhaber, der die Hand
an die Brust der jungen Frau legt/legen darf, keine Konkurrenz machen
kann.

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In vielen anderen
Fällen wird das Motiv in der Konstellation von einer jungen Frau und •
einem lüsternen alten
Mann gestaltet. Aber es gibt durchaus auch die gendermäßig umgekehrte Variante.
Solche Gemälde
beleuchten die Altersungleichheit •
ungewöhnlicher Paare äußerst kritisch.
In der Literatur
dieser Zeit, z. B. bei
▪
Emblemen, ist das Thema immer wieder präsent.
Eine
Variante des Motivs stellt auch das in dieser Zeit überaus populäre
•
Motiv des »Hahnreis,
des gehörnten, d. h. betrogenen alten (Ehe-)Mannes durch seine
jüngere Frau dar. Besonders häufig ist es in Komödien vom Mittelalter bis in
die Frühe Neuzeit (wie der »Commedia
dell'arte) zu finden, in denen sich der Spott über den
verliebten Alten bzw. des Alten ergießt, "der von seiner Frau betrogen wird,
dieses Faktum aber nicht abstellt oder ahndet, so daß der Betrug zum
Dauerzustand wird" (Frenzel
41992, S.311).
Dabei war der Hahnrei in der älteren Zeit "vor allem deswegen
verächtlich und komisch, weil er von dem ihm zustehenden Recht der
Bestrafung des Ehebruchs keinen Gebrauch machte, ihm also sein
häuslicher Friede, seine Bequemlichkeit und Sicherheit wichtiger
waren als die Intaktheit seiner privaten Sphäre." (ebd.
41992, S.312)
Aber auch in der Lyrik
der frühen Neuzeit taucht das •
Motiv des
lüsternen Alten immer wieder auf.
Lieder aus dem
Barock wie z.B. ▪
Eine junge Witwe zu einem Lüstren Greisen (Nr.140) (1656)
aus der Liedsammlung des ▪
Venus-Gärtlein (1656)
machen aus ihrem Spott über die lüsternen Alten keinen Hehl.
In späterer Zeit finden sich
weitere literarische Beispiele, die
sich des Themas in irgendeiner Weise annehmen und das Motiv aufgreifen.
So spielt das •
Motiv des lüsternen Alten
in •
Heinrich von Kleist (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ bei der Gestaltung des Dorfrichters •
Adam, der
die junge •
Eve Rull
sexuell erpresst, eine
•
große Rolle.
In der Bildenden Kunst sind es meistens Gemälde, Kupferstiche oder sonstige Grafiken, die einen erheblich älteren Mann mit
(s)einer jungen Frau darstellen.
Aber das Thema wird auch in der umgekehrten Variante gestaltet, wenn
eine alte Frau um einen erheblich jüngeren Mann buhlt.
Wo immer sich in solchen Bildern ein alter Mann oder eine alte Frau einen
andersgeschlechtlichen erheblich jüngeren Partner (sexuell)
dienstbar machen, ist Geld im Spiel. Es handelt sich um also um eine
Art von Prostitution,
die allerdings nicht darauf befragt wird, aus welchen Gründen sich
die so erheblich Jüngeren auf die Alten einlassen.
Und: spätestens hier bricht sich der patriarchalische Blick der
männlichen Maler seine Bahn – erscheinen die lüsternen alten Männer dabei
sogar noch, das ist das Mantra des Spotts über sie, als die
ausgenutzten Opfer. Mit der Motivverschiebung hin zum Motiv des
betrogenen alten (Ehe-)Manns (»Hahnrei)
tendieren solche Darstellungen immer wieder zu einer
Täter-Opfer-Umkehr, wenngleich es der gehörnte Ehemann ist, der zum
unmissverständlichen Ziel des Spotts gemacht wird.
Die Tendenz zur
Täter-Opfer-Umkehr, die in solchen Malereien der frühen Neuzeit
erkennbar ist, konnte aber durchaus auch in einem umgekehrten
Geschlechterverhältnis thematisiert werden, wie
andere Bilder zeigen (z. B. •
Die verliebte Alte (1540), •
Die mannstolle Witwe (16.
Jh.),
In einer Zeit, in der es gesellschaftlich durchaus üblich und
akzeptiert war, dass vor allem jüngere Frauen eine Ehe mit einem
erheblich älteren Manne eingingen, der Altersunterschied gut und
gerne auch mal mehr als 30 Jahre sein konnte, erstaunt es allerdingd, mit
welchem Spott flämische, italienische, aber auch deutsche Künstler
solche Beziehungen betrachtet haben.

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In der Regel verspotten die Bilder den
auf seine Lüsternheit reduzierten Mann, der offenbar nichts anderes
im Sinn hat, als seine sexuelle Befriedigung. Lag diese Lüsternheit
in den Augen der Zeit wohl in der männlichen Natur begründet und
konnte gezügelt werden, war dies bei Frauen nicht der Fall. Über sie
wurde
in einem solchen Fall der Stab moralisch und gesellschaftliche
endgültig gebrochen.
Für Mann und Frau gab es, und das wurde
in dieser Zeit weitgehend stillschweigend hingenommen, zweierlei
Maß. Dabei waren es die männlichen Stadtbewohner der frühen Neuzeit,
die eine "Idealgestalt der Frau (zeichneten) [...]: eine keusche
Ehefrau, fruchtbar, aber den Annäherungsversuchen anderer Männer
verschlossen, hingebungsvolle und opferbereite Nährmutter ihrer
Familie." (Muchembled
2008, S.77)
Diesem Idealmodell stellten sie als negativen
Gegenentwurf die Teufelin entgegen, die sich allen Lastern der
weiblichen Natur, insbesondere dem unersättlichen sexuellen
Verlangen hingibt, kaum dass sie nicht fest von einem Mann geführt
wird." (ebd.)
Dass dabei vor allem älteren Frauen nachgesagt wurde, sie hätten
einen noch zügelloseren sexuellen Appetit als die jüngeren [...],
wenn eine männliche Hand fehle, die sie vom Weg in die Sünde
abhalten könne" (ebd.,
S.78), ist nur die logische Konsequenz dieser durch und durch
patriarchalischen Sicht.
Kein Wunder also, dass die »"Buolschafft"
einer älteren Frau mit einem jüngeren Mann auch in »Sebastian
Brants (1457-1521) "»Narrenschiff"
(1494), dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch vor der
Reformation, als besonders schändlich und moralisch
verwerflich gegeißelt wurde:
"Die bůlschafft ist eym yeden stand
Gantz spötlich / närrisch / vnd eyn schand
Doch vil schäntlicher ist sie dann
So bůlen důnt allt wib vnd mann /
Der ist eyn narr / der bůlen will
Vnd meynt doch haltten maß vnd zil /"
Zu deutschen Malern der Renaissance, die sich des Thema •
ungewöhnlicher Paare angenommen und das •
Motiv des
lüsternen Alten gestaltet haben, gehören u. a. »Albrecht
Dürer (1471-1528), »Lukas
Cranach der Ältere (1472-1533) oder auch »Hans
Baldung (1484-1545). Dazu kommen aber noch zahlreiche ▪
Embleme der Zeit, wie z. B. die von »Theodor
de Bry (1528-1598).