Von den
verschiedenen Theorien und Ansätzen der Semiotik und des
Strukturalismus bzw. Poststrukturalismus haben trotz zahlreicher,
auch literaturdidaktischer Kontroversen über ihre Bedeutung für
einen Literaturunterricht auf der Höhe der Zeit, nur einzelne
methodische Verfahren Eingang in den ▪ Literaturunterricht gefunden.
Ihr prinzipiell
▪
antihermeneutischer Ansatz
hat offenbar auch im
▪ Kompetenzorientierten Deutschunterricht
schlechte Karten. Dafür gibt es etliche Gründe.
Einer der
wichtigsten Gründe dürften die Bastionen des
"hermeneutischen Basistheorems", die sich ihm
entgegenstellen. Sie sollen verhindern, dass an der
grundlegenden These, dass "die primäre Leseerfahrung
nicht die Vieldeutigkeiten und Brüche, sondern den Sinn des
ästhetischen Textes sucht" (Kammler
2000, S. VII), nicht wirklich gerüttelt werden darf. Der
entgegengesetzte Theoriesansatz, der von
der These ausgeht, "dass Verstehen nicht nur unwahrscheinlich,
sondern prinzipiell unmöglich sei und jede Sinnfixierung ein
autoritärer Akt" (Hurrelmann
1998, S. 32, zit. n.
ebd.)
führt so weiterhin ein Schattendasein.
Natürlich gibt es
für die Bevorzugung ▪
hermeneutischer Modelle des Textverstehens zahlreiche
Gründe, auch wenn die •
Kritiker nicht verstummen, die das ihnen zugrunde liegende "kulturtragende
Bild der Literatur als Sinnangebot und sein theoretisches
Fundament, die Hermeneutik und deren Fixpunkte - Botschaft der
Literatur, Autorität des Autors, Wirklichkeitsbezug des Themas,
Perspektive der Darstellung" grundsätzlich in Frage stellen. (Förster 2002,
S.232)
Lehrkräfte
agieren jedenfalls, einmal abgesehen von dem umfassenden •
Handlungsfeld Literatur, in einem
Spannungsfeld von drei
Welten, wenn sie Literatur zum Gegenstand unterrichtlicher
Lehr-/Lernprozesse machen: die Welt der Literatur, der Welt der
akademischen Literaturwissenschaft an den Universitäten und der
schulischen Welt. Die Beziehungen dieser Welten zueinander sind
dabe sehr vielgestaltig, stehen aber, so Förster weiter, oft in
Konkurrenz zu einander und
stoßen sich gegenseitig (voneinander) ab. (vgl. ebd.)
Das Lehrkräfte,
die sich bemühen, Literatur für schulische Lehr- und
Lernprozesse fruchtbar zu machen, geraten zwischen diesen Welten
immer wieder in • "Turbulenzen"
(ebd.). Das
liegt natürlich auch daran, dass ihnen •
weder die Literaturwissenschaft, noch die Literaturdidaktik
verlässliche Rahmen liefert. Daher müssen sie trotz der
institutionellen Vorgaben der Bildungsstandards mit diesem Spannungsfeld
zurechtkommen und ihren eigenen Weg zwischen der Welt der
Literatur, der Welt der akademischen Literaturwissenschaft an
den Universitäten und der schulischen Welt finden und gehen. Die davon erzeugte
Heterogenität literaturdidaktischen Handelns in der Schule ist
systembedingt und entspricht insoweit auch dem (Methoden-)Pluralismus
einer offenen Gesellschaft.
Zu den Gründen,
die die Befürworter ▪
hermeneutischer Modelle des Textverstehens vorbringen,
gehören auch neuere Ergebnisse der die literarischen
Sozialisationsforschung, die die Bedeutung der
primären Leseerfahrung herausgestellt hat. Danach "(liegt) dem Lesen
ein Begehren nach Sinnhaftigkeit zugrunde, das bereits in seinen
entwicklungsgeschichtlichen Vorgängern wie dem Vorgelesen-Bekommen,
dem Erzählt-Bekommen, den ganz frühen Wort und Lautspielen,
vielleicht
sogar in dem elementaren Lesen aus des Gesicht des
anderen wirksam ist und sich entfaltet." (Rosebrock
1999, S.64)
Und auch die ▪
konstruktivistisch fundierte kognitionspsychologische Theorie
des Textverstehens (CI-Modell) hat die •
Bedeutung
von Verstehensprozessen, die nach dem Muster des sog. •
Hermeneutischen Zirkels verlaufen, im Prinzip betont. Sie
sieht in der sich "immer wieder erneut wiederholten
Rückkoppelungsschleife zwischen dem Verstehen von Textteilen und
Textganzem, zwischen Erwartungen an den Text bzw. Veränderungen
dieser Erwartungen durch den Text" (Christmann/Groeben
1999/2001, S.147) ein typisches Beispiel dafür, wie
Informationen aus einem literarischen Text kognitiv verarbeitet
werden und wie ein Leser bzw. eine Leserin in diesem Prozess ▪
Sinn konstruiert.
Dabei erfolgt
die neuronale und kognitive Verarbeitung immer als ein
verschränkter Prozess "von textgeleiteten, 'aufsteigenden' Prozessen (bottom
up: von der Textinformation zum rezipierten Wissen) und andererseits
konzept- bzw. erwartungsgeleiteten, 'absteigenden' Prozessen (top down:
vom Vorwissen zum konkreten Textverständnis)"
(Christmann/Groeben 1999/2001, S.146).
Insgesamt
gesehen geht es dabei stets auch um die Positionierung der
Literaturdidaktik im Spannungsfeld der oben genannten
drei Welten. In der Kontroverse und Konkurrenz von "Literaturwissenschaftsdidaktik"
(Köster 2015,
S.60 unter Bezugnahme auf
Pflugmacher
2014, S. 157f.) einerseits und
"Literaturdidaktik" (ebd.)
andererseits geht es weiterhin um die Frage, "ob es der Literaturdidaktik in erster Linie um
die Vermittlung poetologischer und literarhistorischer Kenntnisse
und Fähigkeiten gehen soll - gleichsam in der Hoffnung, dass
literarästhetische Kompetenz auch Motivation schafft - oder um die
Etablierung und Stabilisierung der Motivation und Gewohnheit zu
lesen - gleichsam als Basis aller individuellen literarischen
Aktivitäten" (Rosebrock
1999, S.62)
Solange es freilich "eine wirkliche neue, eine
leserorientierte Didaktik" (ebd.) (noch) nicht gibt, die sich auf belastbare, systematisch
empirische Forschungsergebnisse zum Verhältnis von
Literaturunterricht und dem Verlauf der literarischen Sozialisation
stützen kann, werden es wohl neuere Literaturtheorien im Unterricht
weiterhin schwer haben, "wenn man sich nicht mit
weltanschaulichen Einstellungen oder einer – an sich durchaus
legitimen – Theoriefaszination zufrieden geben will". (ebd.)
Nicht selten liegt
dies aber auch auch daran, wie
Clemens Kammler
(2005, S.188) im Anschluss an
Spinner (1987,
S.18) betont, dass gerade neuere literaturwissenschaftliche Ansätze "ihre Deutungen oft 'monologisch-autoritativ' vortragen" und in der Regel nur von der "wissenschaftlichen Interpretationsgemeinschaft"
entsprechend eingeordnet werden. Zudem "bewegen sie sich zunehmend auf einem
gedanklichen und begrifflichen Abstraktionsniveau, das jeglicher
unterrichtlichen Vermittlung, auch der universitären, abträglich sind."
Der schulische
Literaturunterricht verfolgt zudem, selbst wenn "eine exakte
Begrifflichkeit wünschenswert ist" (ISB
2010, Bd. 2, S.384), noch andere Ziele, die mit dem "modischen"
Anschluss an die oft verwirrende, kontrovers beurteilte, mitunter völlig
abgehoben erscheinenden Terminologie der modernen Erzähltheorie, leicht
in den Hintergrund gedrängt werden könnten. Und dazu gehört auch "das
Bedürfnis Jugendlicher, sich mit Problemen, Fragestellungen,
literarischen Gestalten auseinanderzusetzen, sich zu orientieren" (ebd.),
statt sich im Dunstkreis der "Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen
Modell- und Theoriebildung" (Lahn/Meister
2013, S.79) zu verheddern.
Stattdessen
empfiehlt sich wohl der
von
Kammler
(2005, S.188, 198, Hervorh. d. Verf.) für sich reklamierte "pragmatische, instrumentalisierenden Umgang mit Theorien",
der weder bei einem "subjektiven Erlebnisausdruck" stehen bleibt,
noch in "postmoderner Beliebigkeit" aufgeht.
Dementsprechend darf sich auch der
Literaturunterricht "einige elementare strukturalistische
Vorgehensweisen" (Spinner 2010,
S.208, 32019, S. 235) zu eigen machen, ohne dass er
sich auf das ganze Theoriegebäude einlässt oder gar der Versuchung
erliegt, dieses mit eigenen ▪
Reformulierungsversuchen "herunterzubrechen" zu können.
Dazu zählen z. B.
das Herausarbeiten von strukturbildenden Oppositionen in einem Text,
Räume (geschlossene vs. offene Räume, Stadt/Natur o. ä.),
Dingsymbole, Sprachrhythmus, aber auch Skizzen zum Aufbau, zur ▪
Figurenkonstellation in
dramatischen oder ▪
erzählenden Texten.
Auch zur Analyse der ▪
Figurenkonzeption in
dramatischen oder ▪
erzählenden Texten
können solche Oppositionen gut herausgearbeitet werden und dann für
die weitere ▪ Charakterisierung von Figuren im Drama und ▪
im Erzähltext
und ihre Interpretation verwendet werden. Gute Dienste leisten auch
Skizzen, die die
Themenentfaltung
in einem Text mit verschiedenen
▪
Prinzipdarstellungen
(▪
Textgrafiken,
▪ Textbilder, ▪
Strukturbilder)
▪ visualisieren.
Insbesondere im
Bereich der (didaktischen) Erzähltextanalyse kommen inzwischen
auch Kategorien der
neueren
Erzähltheorie im Unterricht zum Einsatz, die sich an der
strukturalistisch orientierten Narratologie, vor allem an der
von »Gérard
Genette (1930-2018) (1972,
dt. 1994)
orientieren.
So haben
Leubner/Saupe (2006, S.133) und
Leubner/Saupe/Richter (2016, S.133f,) ein ▪
vereinfachtes Modell von Genette vorgeschlagen, um auf der
Ebene der
Darstellung (Diegesis)
die besonders wichtigen Aspekte ▪
Perspektivierung und ▪
Erzähler sowie andere Aspekte analysieren.
Vereinzelt
findet man, vor allem im Zusammenhang mit den ▪
Perspektiven beim Erzählen
auch Kategorien, die auf die Narratologie von »Wolf
Schmid (geb. 1944)
(2005)
zurückgehen. So können seine •
Parameter der Perspektive,
für die er auch •
Leitfragen für ein vereinfachtes Verfahren entwickelt hat,
auch im Literaturunterricht in der Sekundarstufe II ein
brauchbares Instrument sein,