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Naturalismus (1880-1910)

Überblick


 

Der Naturalismus als gesamteuropäische Literaturepoche fällt in den Zeitraum zwischen 1880 und 1910.
Allgemein bezeichnet der Begriff "jede künstlerische Richtung, die sich um die unmittelbare Nachahmung bemüht und bestimmte Ausschnitte der natürlichen oder gesellschaftlichen Wirklichkeit mit den je eigenen literarischen, bildnerischen oder musikalischen Mitteln »naturgetreu« wiedergeben will." (Helmut Hofacker, Was ist Naturalismus?, in: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart 1989/1992, S. 309)

1. Naturalismus und bürgerlicher Realismus

Der Naturalismus entwickelt sich aus dem (bürgerlichen) Realismus. Wie diesem geht es dem  Naturalismus um eine möglichst objektive Wirklichkeitsdarstellung. Während der  Realismus allerdings seine kritische Beschreibung existentieller Möglichkeiten des Menschen relativ weit spannt, spitzt der Naturalismus solche Fragen auf die Wirklichkeitswahrnehmung zu. Damit verengt er die realistischen Ziele auf die Darstellung des moralischen und wirtschaftlichen Elends, das Pathologischen des Alltags, des Niedrigen, Hässlichen und Triebhaften. Aus diesem Grunde hat man den Naturalismus. auch als „Realismus in Angriffsstellung“ (Hermand) bezeichnet und seine Vertreter haben sich bis Gerhart Hauptmann dementsprechend auch selbst als „Neu-Realisten“ betrachtet.

Der Naturalismus macht thematisch die bis dahin auf der Bühne ausgegrenzten Bereiche des sozialen Milieus von Kleinbürgertum und Industrieproletariat literaturfähig. Seine Themen enthalten eine klare Kritik am Bürgertum. Diesem wird vorgehalten, dass sein Fortschrittsoptimismus angesichts der Probleme der sich entwickelnden Industriegesellschaft (soziale Frage) fehl am Platz sei und zu Doppelmoral, Gleichgültigkeit und mangelndem Mitgefühl mit den sozial Ausgestoßenen geführt habe. Wegen dieser relativ klaren Zielsetzung lässt sich der Naturalismus im Gegensatz zum Realismus als literarische Epoche jedoch leichter beschreiben.

2. Der wissenschaftlich-philosophische Hintergrund des Naturalismus

Von der jungen Generation als künstlerische "Moderne" und als "Revolution" von Kunst und Literatur aufgefasst, orientierte sich der Naturalismus an philosophischen und anthropologischen Erkenntnissen des Positivismus, insbesondere an den Theorien des französischen Soziologen Hippolyte Adolphe Taine (1828-1893), der einen Plan zur Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden auf die Untersuchung des Wesens und der Geschichte der Menschheit entwickelte.

Der Positivismus lehnte jede idealistische Spekulation entschieden ab und zielte auf eine rein empirische Naturerkenntnis. Sein Menschenbild beruhte auf einem anthropologischen Determinismus, der besagte, dass "im Verhalten des einzelnen wie der Gesellschaft, bestimmte voraussagbare Gesetzmäßigkeiten, Ursachen und Wirkungen, Kausalitäten zu erkennen" sind. (ebd.. S. 311)

Der Einzelne, das Individuelle, war unter diesem Blickwinkel von drei Faktoren bestimmt:

  • der Herkunft ("race")

  • dem Milieu ("milieu") und

  • den Zeitumständen ("temps")

Weil die literarische Strömung des Naturalismus diesen anthropologischen Determinismus weitgehend unverändert auf die Kunst- und Literaturtheorie übertragen hat, konnte sie zwar bei der Darstellung des sozialen Elends eine bis dahin nicht gekannte Wirklichkeitsnähe entfalten. Eine Perspektive für die soziale Veränderung ließ sich daraus allein jedoch nicht entwickeln.

3. Der Naturalismus als gesamteuropäische Bewegung

Der deutsche Naturalismus konnte auf zahlreiche europäische Vorbilder stützen. Dazu zählten u. a. die folgenden Schriftsteller und Künstler

  • »Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij (1821'-'1881)
    russischer Schriftsteller;  Vertreter des Realismus innerhalb der russischen Literatur, der vor allem mit seiner neuartigen psychologischen Erzählweise und der philosophischen Komplexität seines Romanwerkes Bedeutung erlangt hat

  • »Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoj (1828'-'1910)
    russischer Schriftsteller  der mit seinen episch breiten Gesellschaftsromanen Krieg und Frieden und Anna Karenina wie Dostojewskij zu den großen Realisten der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts gezählt wird;

  • Henrik Ibsen  (1828'-'1906)
    norwegischer Dramatiker; gilt als Begründer des modernen, psychologisch und sozial differenzierten Gesellschaftsdramas;

  • »Guy de Maupassant (1850'-'1893)
    französischer Schriftsteller; seine umfangreiches Schaffen zeichnet sich u. a. durch einen klaren Stil und realistische Darstellung aus;  verzichtet auf moralisierende und psychologisierende Elemente;  im Unterschied zu den Naturalisten zielt der Detailreichtum seiner Darstellung aber nicht auf eine naturgetreue Wiedergabe der Realität, sondern auf eine poetische „Wahrheit” der Geschichte im Sinn ihrer möglichen Wahrscheinlichkeit;

  • »Émile Zola (1840'-'1902)
    französischer Schriftsteller; gilt als eigentlicher Begründer des europäischen Naturalismus; unter dem Einfluss des französischer Philosophen »Isidore Marie Auguste François Xavier Comtes (1798'-'1857), dem Hauptvertreter des klassischen Positivismus, der Evolutionstheorie des britischen Naturforschers »Charles Robert Darwins (1809-1882, der Milieutheorie »Hippolyte Adolphe Taines (1828'-'1893) und der Experimentalmedizin »Claude Bernards (1813'-'1878) entwickelt Zola die Vorstellung von einem wissenschaftlich fundierten Roman, in dem die Auswirkungen von Vererbung und sozialem Milieu im Mittelpunkt stehen; sein literarisches Schaffen zielt auf eine möglichst umfassende Darstellung aller Bereiche der menschlichen Existenz und die Darlegung politisch-sozialer Missstände.

  • »August Strindberg (1849'-'1912)
    schwedischer Schriftsteller; beeinflusst mit seinen sozialkritischen Theaterstücken und seiner innovativen Stationentechnik die Literatur des Naturalismus und Expressionismus; (vgl. Strindbergs Theorie des naturalistischen Dramas)

4. Der deutsche Naturalismus

Der deutsche Naturalismus entwickelt sich in zwei Phasen und besitzt zwei verschiedene Zentren.

  • Die erste Phase (ca.1880'-'86) ist gekennzeichnet von programmatischen Diskussionen in mehr oder weniger kurzlebigen Zirkeln in München und Berlin, die in zahlreichen Pamphleten, Programmen und Manifesten ihren Niederschlag gefunden haben.

  • Die zweite Phase (1886'-'1895) stellt die produktive Hauptphase dar. Diese Phase ist bestimmt durch das dramatische Werk »Gerhart Hauptmanns (1862'-'1942).

Auf den deutschen Naturalisten Arno Holz (1863'-'1929) (vgl. Erzählung " Ein Tod") geht dabei einer der programmatischen Sätze zur ästhetischen Theorie des Naturalismus zurück:

"Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein." Formelhaft ausgedrückt: "Kunst = Natur - x." (zit. n. Hofacker 1989/1992, S. 311)

Die Eckpunkte für die literarische Praxis waren damit gesteckt. Es galt fortan "die Erscheinungen der Wirklichkeit möglichst deckungsgleich wiederzugeben, wobei jener Faktor x, die künstlerische Subjektivität und die Unvollkommenheit der künstlerischen Mittel, möglichst klein zu halten war, um die Differenzen zwischen Realität und Abbild auszuschalten. Präzision in der Erfassung der Wirklichkeit, die zu schildern war, so lautete das oberste Gebot für die schriftstellerische Technik." (Hofacker 1989/1992, S. 311)

Die ästhetische Theorie des Naturalismus zieht aus der Forderung nach Wirklichkeitsnachahmung eine Reihe von Konsequenzen. Dazu gehören u. a.:

  • wissenschaftsähnliche Beobachtung der Realität

  • Orientierung an Tatsachenmaterial

  • Bevorzugung der Umgangssprache und des Dialekts

  • Normalität als Maßstab für literarische Figuren bis hin zur Darstellung des Hässlichen, Abseitigen und Niederen als Ausdruck der Realität

  • untere soziale Schichten, Randgruppen wie Dirnen, Alkoholiker, Geisteskranke als Handlungsträger (vgl. (Hofacker 1989/1992, S. 311)

In politisch-gesellschaftlicher Hinsicht wollte sich der Naturalismus zunächst einmal klar und deutlich von der bürgerlichen Welt abheben. Wirklichkeitsgetreue Nachahmung der Realität mit den Mitteln der Kunst zielte dabei darauf ab, über die sozialen Verhältnisse der Gesellschaft aufzuklären und wenn möglich die schlechte Wirklichkeit zu verändern.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

 
       
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