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Literaturepochen

Die Epochengliederung der Literaturgeschichte

Gerhard Kaiser (1976)


Die Gliederung der Literaturgeschichte in Epochen ist problematisch. Wie alle geschichtlichen Verläufe besitzt auch die Literaturgeschichte keine scharfen Einschnitte; Übergänge vollziehen sich fließen, ja, die Geschichte ist zumeist eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Lessings Nathan der Weise, eine Summe der Aufklärung, ist etwa acht Jahre jünger als die Urfassung des Götz von Berlichingen, des wichtigsten Dramas des Sturm und Drang. Klopstock und Wieland sind Zeitgenossen nicht nur der Klassik Goethes und Schillers, sondern auch der Romantik Tiecks, Novalis' und der Brüder Schlegel, die weithin gleichzeitig mit der Klassik verläuft. Novalis ist zwei Jahre vor Klopstock, 31 Jahre vor Goethe gestorben. Schlüsselgestalten der Literaturgeschichte wie Jean Paul, Hölderlin, Kleist lassen sich keiner der großen literarischen Strömungen zurechnen. Schließlich sind die Künste untereinander ungleichzeitig, und ihr Verhältnis zur allgemeinen Geschichte ist das einer komplizierten Eigenständigkeit und doch Verflechtung. Der Barock in der Musik und in der bildenden Kunst reicht bis zur Höhe der literarischen und philosophischen Aufklärung. Die Französische Revolution hat in der deutschen Literatur tiefe Spuren hinterlassen; trotzdem ist sie in ihr nicht derartig epochebildend wie in der allgemeinen Geschichte, Goethes Klassik beginnt früher, die Romantik später. Es gibt, zu Recht, literaturgeschichtliche Sammelbegriffe, die in den anderen Künsten, aber auch in der allgemeinen Geschichte kein Anwendungsfeld und keine Entsprechung haben: so etwa der Begriff des Sturm und Drang, der Tendenzen einer Literaturrevolution im politisch nicht revolutionären Deutschland bezeichnet.
Die Literatur ist also mehr und anderes als ein Kommentar oder eine Illustration zur allgemeinen Geschichte. Die allgemeine Geschichte ist aber auch mehr und anderes als eine Veranstaltung zum Zwecke der Entstehung von Literatur, selbst wenn die spezielle Perspektive der Literaturgeschichte zu diesem Eindruck verführen will.

(aus: Gerhard Kaiser 1976b, S.11)
 

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche Probleme bestehen nach Ansicht Kaisers bei der Einteilung der Literaturgeschichte in Epochen?
  2. Wie sieht er das Verhältnis von allgemeiner Geschichte und Literaturgeschichte? - Erläutern Sie den Gedankengang.

  

 

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