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Jakobinismus (1789-1796)

Zerbrecht das Joch, zerreißt die Ketten

Anonymer Verfasser


1
Zerbrecht das Joch, zerreißt die Ketten,
Befreit das Volk aus der Gefahr.
Jetzt ist es Zeit, euch zu erretten
Aus aller Sklaverei sogar,
Zur Freiheit hat uns Gott geschaffen.
Sie sei auf ewig unser Glück,
Allein die Fürsten und die Pfaffen
Erzogen uns am Sklavenstrick;

2
Belegten uns mit schwerer Bürde
Und machten glauben uns dabei,
Dass dieses unsrer Menschenwürde
Vollkommen angemessen sei.
Jetzt wissen wir: es ist erlogen,
Sie haben uns tyrannisiert,
Und bei der Nas herumgezogen
Und unsre Rechte usurpiert.

3
Auch wissen wir: der Ordnung wegen,
Um zu erhalten Glück und Ruh,
Muss die Justiz die Rechte pflegen;
Den Satz,. den geben wir gern zu.
Doch können wir unmöglich glauben,
Den Fürsten sei das Recht verliehn,
Uns Kinder, Hab und Gut zu rauben
Und übers Ohr das Fell zu ziehn.

4
Denn wenn wir nach der Ursach fragen,
Wodurch die Monarchie entstand,
So wird uns die Vernunft gleich sagen,
Dass sie die Unvernunft erfand.
Der erste König ward vor Zeiten
Vom Volk erwählt aus ihrer Zahl,
Und daraus ist der Schluss zu leiten,
Dass er nur war ein Volksvasall.

5
Das Volk sprach nicht: Wir sind nur Knechte,
Und du ein König, unumschränkt,
Nein; sondern unsere Menschenrechte
Sollst du uns lassen ungekränkt.
Wir wollen deine Rechte schützen,
Jedoch wird unser Recht verletzt,
So kannst du uns nicht weiter nützen,
Und du wirst wieder abgesetzt.

6
Den Fürsten hat das Volk erkoren,
Das Volk gab ihm die Existenz,
Zur Zeit, da niemand hochgeboren,
Und niemand hieß noch Exzellenz.
Da gabs noch keine Majestäten,
Da gabs noch keinen Kavalier,
Noch keine Füchs und Hofpoeten
Und auch kein geistlich Murmeltier.

7
Allein, seitdem der Königstitel
Stieg bis zum allerhöchsten Ziel,
Stieg Falschheit, Pracht - und Lebensmittel,
Und Völkerrecht und Freiheit fiel.
Da endlich stiegen Glanz und Freuden,
Der Fürst nahm Müßiggänger an,
Und machte sie zu Edelleuten,
Zu Sklaven sie - den Untertan.

8
So nach und nach ist dann entstanden
Die Despotie, der Freiheit Grab,
Und Teufels Hofgeschmeiß erfanden
Den Marschall- und den Bettelstab.
Am Hof verschwenden tausend Stutzer
Des Landes Fett, den besten Wein,
Und wollen bis zum Stiefelputzer
Halbgötter, keine Menschen sein.

9
Und wenn den Fürsten Habsucht plaget,
Muss jedermann, gleich auf sein Wort,
Weil ihm des Nachbarn Land behaget,
Für ihn ins Feld auf Raub und Mord.
Da lässt man in den Kirchen bitten
- Die Pfaffen beten hoffnungsvoll,
Sie beten so, wie Räuber bitten -
Dass Gott den Raub doch segnen soll.

10
O! Merkt ihr denn, ihr Menschenscharen,
Nicht diesen schändlichen Betrug,
Und seid ihr, nach so vielen Jahren,
Noch nicht durch euren Schaden klug?
Wollt ihr für den Tyrannen schwitzen,
Der nur im Bett der Wollust liegt,
Und euer Blut für ihn verspritzen,
Wenn ihn Erobrungslust besiegt?

11
Wollt auf die Unschuld Feuer geben,
Und kämpfen gegen die Natur?
Nein! Opfern wir doch unser Leben
Für Vaterland und Freiheit nur!
Wollt ihr für den Despoten fechten
Und seiner Habsucht Knechte sein?
Ihm eine Lorbeerkrone flechten
Und schnitzen euch ein hölzern Bein?

12
Nein, Brüder! Wenn wir kämpfen müssen,
So soll nur unser warmes Blut
Für Völkerrecht und Freiheit fließen,
Nicht für den Fürstenübermut!
Wir haben schon seit vielen Jahren,
Nicht bloß seit diesem Saeculo,
Gebeugt das Sklavenjoch getragen
Und wurden nie des Lebens froh.

13
Jetzt, da die Freiheitsfackel lodert,
Ist unser Vaterland in Not,
Und seine Hilfe, die es fordert,
Heißt, Brüder: Freiheit oder Tod!
Drum lasst die Freiheitsfahne schwingen
Trotz Adel und der Klerisei,
So stürzt der Stolz, die Pfaffen singen
Vor Angst und Not die Litanei.

14
Dann endlich sprenget Kett und Bande,
Die Menschheit fühlet ihre Kraft,
Tyrannen bebt, und fühlt die Schande,
Und zittre, falsche Priesterschaft!
Umstrahlt von tausend Freudenfackeln
Sind wir voll Mut, ein Volk des Lichts,
Tyrannen bebt, die Thronen wackeln
Und fallen in ein ewig Nichts.

(in: Walter Grab (Hg.), Freyheit oder Mordt und Todt, 1979, S.82f.)
 


Dieses Gedicht wurde in weiten Teilen des deutschen Sprachraums, vom Rheinland bis nach Sachsen, von Hamburg bis Wien, handschriftlich kopiert, weitergereicht und vom einfachen Volk mündlich verbreitet. Aus diesem Grund gibt es davon mehrere Versionen und manchmal fehlt die eine oder andere Strophe. In leicht veränderter Fassung kursierte das Gedicht sogar noch in der Revolution von 1848. (Vgl. Walter Grab (Hg.), Freyheit oder Mordt und Todt, 1979, S.82f.)


   Arbeitsanregungen: 

Interpretieren Sie das Gedicht.

  1. Fassen Sie den Inhalt des Gedichts zusammen. Arbeiten Sie dabei heraus, welche Gedanken der philosophischen Aufklärung (Hobbes, Locke, Rousseau etc.) in das Gedicht eingegangen sind.
  2. Beschreiben Sie die äußere Form des Gedichtes.
  3. Arbeiten Sie heraus, welche Aussage das Gedicht gestaltet.
  4. Ordnen Sie das Gedicht in die Literaturepoche des Jakobinismus ein.

  

     
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