Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Jakobinismus (1789-1796)

Der Aristokratenkatechismus

Andreas Josef Hofmann (1792)


F. Man hört jetzt so viel von Demokraten und Aristokraten sprechen, was von beiden sind Sie denn eigentlich, gnädiger Herr?
A. Ich habe die Ehre, ein Aristokrat zu sein.
F. Was sind dies denn für Leute, die Aristokraten?
A. Diese sind weit bessere und vortrefflichere Menschen als die gemeinen Bürgers- und Bauernkanaillen.
F. Wie kömmt dieses, stammen denn die Aristokraten nicht von dem nämlichen Adam her wie die andern Menschen?
A. Das wäre schön! Nein, der Adam des Bürger- und Bauernvolks war nur ein gemeiner schlechter Kerl, aber der unsrige war ein vortrefflicher Mann und hieß auch nicht so schlechtweg - Adam - sondern Herr von und zu Adam.
F. Es steht aber doch kein Wort von einem Herrn von und zu Adam in der Heiligen Schrift?
A. Was geht uns die Heilige Schrift an? Dieses Buch ist nur für die dummen Ochsen und Esel, für die bürgerlichen und bäurischen Strohköpf gemacht worden, um sie dadurch im Gehorsam zu erhalten.
F Da Ihr Herr von und zu Adam ein besserer Mensch war als der gemeine Adam, so wird ihn der liebe Gott auch nicht wie diesen aus schlechtem Leimen, sondern wohl gar aus Pfeifenerde gemacht haben?
A. Nein, sondern aus Dresdner oder Meißener Porzellanerde.
F. Wie vielerlei Aristokraten gibt es?
A. Es gibt mehrerlei Aristokraten, als da sind: Aristokraten von Geburt von Geburt, Aristokraten aus Eigennutz, Aristokraten aus Dummheit und so weiter; aber gewöhnlich teilt man sie in adelige Aristokraten und bürgerliche Aristokraten.
F. Sind denn die bürgerlichen Aristokraten auch vom Herrn von und zu Adam entsprossen? Oder sind diese auch bessere Menschen als die gemeinen Leute?
A. Ha, ha, ha, ha! Da muss ich doch lachen! Wie kann das sein? Ha, ha. ha! Das wär charmant! Nein, nein, die bürgerlichen Aristokraten sind gemeine Kerls wie die übrige Kanaillen auch und kommen auch ebenso wie diese von dem gemeinen Adam her.
F. Warum mögen aber wohl diese bürgerlichen gemeinen Leute Aristokraten sein?
A. Dieses hat mehrere Ursachen; so werden zum Beispiel einige dafür bezahlt; andere sind es aus Dummheit oder aus einem dummen, eselhaften Hochmut, weil sie sich einbilden, dass sie, wenn sie Aristokraten sind, mehr wären und besser seien als die andern gemeinen Leute; und wieder andere sind deswegen Aristokraten, weil sie bei adeligen Aristokraten in Diensten stehen oder weil sie sch eine Ehre daraus machen, wenn sie unsere Sklaven sein und die Brocken fressen dürfen, die wir nicht mögen, oder auch, weil sie sich dadurch bei den Fürsten und Adeligen beliebt machen und die besten Bedienungen erhalten; und so gibt’s noch 1000 Ursachen, wovon immer eine niederträchtiger ist als die andere.
F. Da aber, wie Sie mir hier selbst sagen, größtenteils Dummheit, niederträchtiger Hochmut, Sklaverei, Speichelleckerei und Eigennutz die Ursachen sind, warum es Aristokraten unter den gemeinen Bürgern und Bauern gibt, warum dulden Sie, gnädige Herrn, es denn, dass diese schlechten Menschen den ehrenvollen Titel Aristokraten tragen?
A. Je nun, warum sollten wir denn nicht? Wir haben ja den größten Nutzen davon. Wir lassen diesen Strohköpfen den Spaß und lachen uns heimlich in die Faust. Denn sehen Sie, wenn wir keine solchen dummen Teufel unter dem gemeinen Haufen hätten, dann wäre uns das bürgerliche und bäurische Lumpenpack schon längstens über die Köpf gewachsen und lebte weit glücklicher als wir, die wir sodann Gras und Heu fressen könnten.
F. Also glauben Sie selbst, dass das gemeine Volk glücklicher leben würde, wenn es keine Fürsten und Adeligen mehr in der Welt gibt?
A. Ja freilich glaube ich das. Denn solange es noch Fürsten und Adelige in der Welt gibt, so lange muss sie das gemeine Volk ernähren, weil diese nichts arbeiten wollen und nichts arbeiten können, aber doch gern gut leben. Das Geld, welches uns der gemeine Mann für unseren Müßiggang gibt, könnte er sodann selbst behalten, und anstatt er jetzt oft Hunger leidet oder nur alle Sonntag einmal ein Stückchen Fleisch essen darf oder in einem schäbigen, in allen Ecken geflickten Rock herumgehen muss – sich mehrmals in der Woche einen guten Tag antun oder vielmehr alle Tage gut und zufrieden leben, auch sich einmal einen neuen, saubern und warmen Wammes machen lassen. - Aber ich bitte Sie, dass Sie das nur geheim halten, was ich Ihnen soeben gesagt habe, solche Dinge darf man nicht jedem auf die Nas hängen.
F. Mich wundert nur, dass dieses die gemeinen Leute nicht auch schon eingesehen haben. Ich kann beinah gar nicht begreifen, wie der gemeine Mann so dumm sein kann, sich von Fürsten und Adeligen hudeln und schinden zu lassen, da doch dieselben das Recht nicht dazu haben und die Bibel uns so deutlich sagt, dass wir alle einander gleich sind und dass wir alle von einem Vater herstammen?
A. Dass dieses, was Sie soeben gesagt haben, in der Bibel steht, ist, leider, nur zu wahr und ein entsetzlicher Bock, den ich gern aus der Bibel wüsste und den alle Fürsten und Adeligen mit mir herauswünschen. Weil aber doch das nun nicht mehr zu ändern ist, so lassen wir die gemeinen Kerls weismachen, das wäre nur von den Bürgern und Bauern zu verstehen und ging uns Adelige nichts an. Sie glauben’s auch. Und warum sollen’ die Strohköpf nicht glauben? Es steht ja auch nichts von Kanonikaten, Domherrn, Prälaten, Kapuzinern in der Bibel; es steht auch nicht drin, dass die Geistlichen unverheiratet sein müssen, da im Gegenteil beinah alle Priester bei den ersten Christen und sogar mehrere heilige Apostel Weiber gehabt haben; es steht auch nicht darin, dass die Erzbischöf, Bischöf, Domherrn und Geistlichen stolze, aufgeblasene, wollüstige und verschwenderische Menschen sein sollen, [...] und doch geben sich die Schafsköpf mit allem zufrieden und hängen wie Ketten daran und glauben, es müsste so sein. [...] Und dann bedenken Sie doch nur die vielen und kräftigen Mittel, die wir in den Händen hatten, den Stadt- und Landpöbel in seiner viehischen Dummheit zu erhalten.
F. Worin bestehen diese Mittel?
A. Darin: Wir haben ersten immer gesucht, die Schulen und Kirchenämter mit dummen oder schlechten Menschen zu besetzen, die das Volk in seiner Dummheit erhalten mussten. [...] Wer nicht von einem solchen Dienst gejagt sein und verhungern wollte, der musste den Leuten weismachen, was wir verlangten und was uns Nutzen brachte. Zweitens gaben wir genau Acht, oder vielmehr ließen Acht geben, dass keine solchen Bücher unter die Leute kamen, welche sie hätten belehren können. Dem gemeinen Mann gehört nichts als der Kalender und die Hauspostill. Zum Überfluss ließen wir noch selbst allerlei Bücher machen, die alle guten Sachen verdrehen und unsere Rechte und Freiheiten so darstellen mussten, dass niemand getrauen durfte, sie zu kränken. Drittens beluden wir die Holzböck so mit Abgaben, Zehnden, Fronden und dergleichen, dass sie den ganzen Tag wie Vieh arbeiten mussten, wenn sie nur ihr Leben durchbringen wollten, dadurch blieb ihnen dann weder Geld zum Bücherkaufen noch Zeit zum Lesen und Nachdenken übrig. Las oder dachte doch einer oder der andre vom Bürger- und Bauernpack und sprach ein wenig frei, so klopften wir ihm gleich auf den Schnabel, nannten ihn einen Verführen, einen Rebellen, schickten ihn auf die Schanz oder ins Zuchthaus, und hatte er ein paar Kreuzer Geld, so nahmen wir’s ihm ab, und dadurch verhinderten wir herrlich, dass dieses gemeine Zeug nicht aufgeklärt wurde und hinter unsere Schliche kommen konnte. [...]
F. Welches sind denn eigentlich die Pflichten eines wahren adeligen Aristokraten oder besser der Fürsten, Grafen, Baronen und so weiter?
A. Wir kennen keine anderen Pflichten als: dass wir die gemeinen Leute so hart drücken und plagen, als wir können; [...] dass wir die gemeinen Leute für Dreck achten; [...] dass wir den gemeinen Leuten ihre Weiber und Töchter verführen; [...] dass wir vom Schweiß der armen Leute schwelgen, fressen, saufen, huren, spielen, den Großhans machen; [...]
F. Sind dies aber nicht lauter Verbrechen gegen die Rechte der Menschheit und die christliche Religion?
A. [...] Was gehen den Fürsten und Adel Rechte der Menschheit und die christliche Religion an? Ha, ha, ha, ha! Was wir tun, ist Recht, und da scheren wir uns um Gott und die Welt nichts. Die christliche Religion ist nur für den Bürger und Bauern, die geht den hohen Adel nichts an. Ein wahrer Fürst oder Adeliger schert sich einen Teufel um die Religion, die betrachten wir nur für ein Kinderspiel oder einen Wauwau fürs gemeine Volk.

(zit. n.: Jost Hermand (Hg.) 1968, Bd. II, S. 75-80, dort zit. n.: Andreas Hofmann, Der Aristokratenkatechismus. Ein wunderschönes Büchlein, gar erbaulich zu lesen für Junge und Alte , in: Politische Katechismen, hg. v. K. M. Michel, Frankfurt/M. 1966, S.118-122)

 


   Arbeitsanregungen: 

Der Mainzer Professor der Philosophie Andreas Joseph Hofmann gehörte zu den führenden Vertretern der Mainzer Republik (1792/93) Sein »Aristokraten-Katechismus« zählt zu den am meisten kritischen Schriften gegen das alte Regime. "Eine Hauptabsicht des in der Schrift den Aristokraten ausfragenden Demokraten besteht darin, diesen mit dialektischen Kniffen zu überführen, dass er selbst der These zustimme, das gemeine Volk werde glücklicher leben, wenn es keine Fürsten und Adelige mehr in der Welt gebe." (Mathy 1993, S.88)

  1. Fassen Sie den Inhalt des Gesprächs zusammen.
  2. Zeigen Sie, welche Position der Aristokrat gegenüber dem Bürgertum und den Bauern einnimmt.
  3. Untersuchen Sie, welche Absicht der Autor mit seinem Text verfolgt?
  4. Welche aufklärerischen Grundpositionen können Sie im Text wiederfinden?
  5. Diskutieren Sie einzelne Aussagen und stellen Sie fest, inwieweit sie sich auf unser heutiges politisches und gesellschaftliches System übertragen lassen.

  

     
Center-Map ] Überblick ] Jakobinerbegriff ] Jakobinische Praxis ] Plattformen ] Textauswahl ] Bausteine ]
  

 


          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de