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Jakobinismus (1789-1796)

Arznei ohne Zutrauen bewirkt nichts

F. H. Nettekoven (1789)


In seinem Text nimmt der Oberkellermeister F. H. Nettekoven aus Bonn zum Plan der dortigen Lesegesellschaft Stellung, eine Zeitung herauszubringen, die aufklärerisches Gedankengut verbreiten sollte.

Der Zweck des im beigehenden Aufsatze vorgeschlagenen Journals ist zu erhaben, als dass es einem Mitgliede jener Gesellschaft, die Aufklärung, und zwar allgemeine Aufklärung, [...] zum Hauptzweck ihrer Verbrüderung sich machte, einfallen könnte, denselben zu tadeln.
Der Pfarrer und Beamte wären freilich die besten Maschinen hierzu*, wenn nur der Landmann das notwendige Zutrauen zu diesen hätte, denn so wie Arznei ohne Zutrauen auf den Arzt, der sie uns reicht, wenig oder gar nichts wirkt, so wenig oder minder noch wirkt Unterricht auf uns, wenn Zutrauen auf den Lehrer nicht vorausgeht; doch dieses ist selten auf dem Lande, weder für Pfarrer, denn das beweist an jedem Festtage der vollgepfropfte Beichtstuhl [...] des nahen Klosters, indes dem Pfarrer seiner leer steht und als wäre er ohne Kraft geflohen wird, obgleich dieser ohne Gewinnsucht der wenigen Beichtkinder Herz mit Troste heilet, während jener manchen Gulden aus seinem Beichtstuhl davonträgt. Ob Neid über des Pfarrers bessere Küche oder den jährlichen Zehnten hiervon Schuld ist oder ein sonsten ein Drittes, wäre vielleicht einer tieferen Forschung wert. Der Beamte wird auf dem Lande selten für einen Mann angesehen, den [die] Obrigkeit zu ihrer [der Bevölkerung] Hilfe, ihrem Schutze hingesetzt, denn da fast täglich Auftritte vorkommen, wo er teils durch den ihm anvertrauten Empfang der herrschenden Einkünfte, teils auch durch die ihm anvertraute Rechtsverwaltung bald diesem, bald jenem zu hart scheint, so wird er von vielen gehasst, von allen gefürchtet, von wenigen geliebt.
Könnte nicht vielleicht, wo obige Umstände eintreten, auf jenen Dörfern, die neugebildeten, klüger gewordenen Normalschulmeister den Kindern zur glücklichen Stunde das besser einprägen, was Pfarrer und Beamter den alten weder durch Wort noch Tat einreden würden [...]
Doch wie dies geschehen könnte oder sollte, das überlasse ich größeren und erfahreneren Kräften.

* Der ursprüngliche Plan hatte vorgesehen, dass sich das Journal vorzugsweise an die gebildete Schicht auf dem Lande (also meist Pfarrer und Beamte) richten sollte, die dadurch zu Vermittlern der Aufklärung des Volkes vorgesehen waren.

(zit. n.  Geisinger 1980, S.137)
 


   Arbeitsanregungen: 

  1. Arbeiten Sie heraus, was Geissinger an dem ursprünglichen Plan der bürgerlichen Lesegesellschaft kritisiert und wie er seine Kritik begründet.
    Ziehen Sie dazu auch die folgende Äußerung von Inge Stephan  heran:

"Die Literatur erhielt die Aufgabe, Einsicht in die Ungerechtigkeit der Sozial- und Gesellschaftsordnung zu vermitteln, das Bewusstsein der Bevölkerung zu entwickeln und die Bereitschaft für revolutionäre Aktionen zu wecken. Erreicht werden konnte dies nach jakobinischem Selbstverständnis [...] durch eine Literatur, die inhaltlich wie formal am Bewusstseinsstand der Adressaten anknüpfte."
(Stephan, Kunstepoche, (1992, S.159) )

  1. Inwiefern geht er mit seinen Vorstellungen dabei über die Gedanken des aufgeklärten Absolutismus hinaus?

  

     
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