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Barock 1600 - 1720

Das verdeckte Motiv der Barocklyrik

Günter Busse (1981)


Hier wird die für die ganze Barock-Lyrik maßgebliche Unvereinbarkeit und Unvergleichbarkeit zweier Ordnungen der Welt sichtbar: der Ordnung der hinfällig-sündeverfallenen Natur und der Ordnung der Übernatur, der Gnade; beide sind insofern unvereinbar und unvergleichbar, weil die Wirklichkeit der einen die der anderen aufhebt; die Vereinigung beider Ordnungen ist nicht möglich.
Wir sehen in dieser Unvereinbarkeit und Unvergleichbarkeit der beiden Ordnungen das aller Barock-Lyrik eignende verdeckte Motiv. Die Welt ist der bleibende Widerspruch zur Überwelt. [...]
Das verdeckte Motiv ist also nie nur ein einzelnes, durch ein einzelnes Wort zu bezeichnendes Motiv, sondern der Motivationsgrund, der die Auswahl der einzelnen Motive bestimmt und ihre Komposition zu einem Ganzen reguliert.
Das verdeckte Motiv zeigt uns, wie das welthafte Ich zur Welt und zu Gott steht, nämlich zwiespältig; es erleidet seine Welt-Lust, es erwartet seine Erlösung; aber es selbst kann seine Welt-Lust weder überwinden noch seine Erlösung erzwingen. [...]
Das verdeckte Motiv enthält immer Hinweise auf die in einer Epoche vorherrschende Interpretation der Weltbezogenheit des Ichs. [...] Wer die verdeckten Motive zu entdecken lernt, entdeckt immer Verhältnisse und Beziehungen der Weltbezogenheit des Ichs – letztlich auch sich selbst.
Im Barock ist das welthafte Ich oft nur in Bezug darauf gesehen, welche allgemeinen, für das Welt-Leben aller Menschen typischen Eigenschaften es hat; es ist, obzwar als einzelnes, durch das charakterisiert, was alle Menschen betrifft.

(aus: Busse, Günter 1981 S.64)
 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Merkmale des von Günter Busse dargestellten verdeckten Motivs der Barocklyrik heraus.
  2. Zeigen Sie am Beispiel des Gedichts »Thränen in schwerer Krankheit« von Andreas Gryphius die Bedeutung dieses verdeckten Motivs auf.
     
 
                      
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