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Barock 1600 - 1720

Gelegenheitsgedicht und Bildungshuberei

Urs Herzog (1979)


Barocke Lyrik ist Gelegenheitsdichtung in einem Maße, wie es heute nicht leicht vorzustellen ist. Sie ist an alle wichtigeren Anlässe des öffentlichen wie privaten Lebens gebunden. An die Gelegenheit gebunden, wird sie in Auftrag gegeben und, bald schlechter, bald besser honoriert. [...]
Gelegenheitsdichtung entspricht [...] einem Bedürfnis des bürgerlichen Alltags („dutzendweise“ wird sie hergestellt). Wer sie schreibt, kann sich an Regeln und Muster halten. Gelegenheitsdichtung dieser Art ist somit lernbar, obschon ein „guter Kopf“ allein noch nicht genügt. [...]
Das Gelegenheitsgedicht (hat), wie alle Kasualdichtung, im 17. Jahrhundert Hochkonjunktur. Aber eben darin liegt auch der geschichtliche Grund seiner Verachtung durch die Folgezeit. Seine Massenhaftigkeit und eine entsprechend zweifelhafte Qualität mussten das barocke Gelegenheitsgedicht rasch in Misskredit bringen. Eine Massenhaftigkeit und eine damit sich ausbreitende geist- und reizlose Handwerklichkeit ist es, dass bereits im 17. Jahrhundert darin nicht mehr vorbeizusehen war.[...] Opitz und mit ihm das ganze Zeitalter hat sich nicht gescheut, dem Dichter Regeln und Beispiele, an deren er Maß zu nehmen hätte, vorzuschreiben. Die barocke Poetik ist Regelpoetik. [...] Über die Poetiken der Renaissance lebt die antike Vorstellung vom göttlich inspirierten Dichter fort. Doch wird das Motiv, da man es jetzt nicht eigentlich zu denken und zu praktizieren weiß, nur als ein veräußerlichtes tradiert. Wenn im Barock von den Musen und ihren Gaben, wenn in den Poetiken vom furor poeticus die Rede ist, bleibt das allermeist auf der Stufe des unverbindlich Dekorativen, ist angelesen und angelernt, im Grunde bloße Bildungshuberei. [...]
Wer Gelegenheitsgedicht abfasst, hat im 17. Jahrhundert Hilfsmittel zur Verfügung: Reimlexika, die so genannten Schatzkammern und vor allem die Poetiken, in denen Punkt für Punkt geregelt wird, wie zu einem bestimmten Anlass das passende Gedicht zu machen ist. [...]
Dass die ganze Bildlichkeit sowohl als die Technik der Verknüpfungen dem Hörer geläufig ist. Dass das konventionelle Bild- und Formmaterial in je neuer Anwendung erscheine, vertraut und zugleich verfremdet, das ist die barocke Lesererwartung [...].

(aus: Herzog 1979, S.39-52, gekürzt)
 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, wie die beiden Aspekte Gelegenheit und Regelpoetik in der Barocklyrik zusammenwirken.
  2. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus der vom Autor dargestellten barocken Lesererwartung für die Produktion von Gedicht im Barock?
  3. Das barocke Gelegenheitsgedicht ist nichtzuletzt auch "Bildungshuberei",  betont Urs Herzog. Erläutern Sie, was damit gemeint ist.
     
 
                      
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