Barock 1600 - 1720

Liebe als Textfigur

Ingo Stöckmann (2003)


Wer der barocken Liebeslyrik im Zeichen ... erlebnishermeneutischer Kategorien begegnet, wird die irritierende Erfahrung machen, sich historisch nachhaltig verzettelt zu haben. Liebe ist in der Lyrik des 17. Jahrhunderts kein Gefühl. [...] Anders als in den lyrischen Texten späterer Jahrhunderte offenbart sich Lesern in den barocken Textexempeln [...] kein Versprechen, einer unmittelbaren Erlebnisfülle begegnen zu können. [...] Barocke Literatur ist rhetorisches Sprechen, also generalisierte und auf Generalisierung zielende, repräsentierende Rede, zu deren kunstvoll produzierten, affektiven Bewegungen eine authentische Individualität sich ebenso störend wie missverständlich verhalten würde. [...] Als lyrischer Text ist Liebe keine emotionale Grundbefindlichkeit menschlicher Existenz, sondern ein regelhaftes Ausdrucksverhalten, das (nicht allein) im 17. Jahrhundert von kulturellen Codes gesteuert wird. Liebe ist, anders formuliert, [...] eine Textfigur, die die Art und Weise der Sinnproduktion und Bedeutungserzeugung im Text festlegt. [...] Weil Poeten immer in die Gefahr verstrickt sind, keine Einfälle zu haben und damit der „Blödigkeit“ ausgeliefert sind, benötigt das Barock spezifische Verstärkungen der poetischen Erfindung. Die „Liebessachen“ (Opitz) bilden hierauf die prominenteste Antwort des Barock.“

(aus: Stöckmann 2003, S. 23f.)

 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Erläutern Sie die These Stöckmanns, wonach Liebe in der Lyrik des 17. Jahrhunderts kein Gefühl sei.
  2. Zeigen Sie dies auch an ausgewählten Beispielen aus der Barocklyrik auf.
     
 
                      
       

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