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Barock 1600 - 1720

Die Aktualität des barocken Lebensgefühls

Joachim Kronsbein u. a. (2004)


Der protestantische schlesische Pfarrerssohn Gryphius steht für die barocke Vergänglichkeitsklage "Es ist alles eitel" - unter diesem programmatischen Titel dichtete er Hammerzeilen wie: "Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein." Der katholische Patrizierspross Rubens dagegen ist ein Prahlhans sinnlicher Prachtentfaltung - schnaubende, steigende Rösser, üppige, hinschmelzende Weiberleiber, wimmelndes Schlachtengetümmel, Löwenjagd, Festschmaus, Frauenraub,  Venusgier, dargeboten im Stil eines phantastisch bewegten Illusionismus vor theatralischen Landschafts- oder Palastprospekten, oft mit dynamisch verwirbelten Spiral- oder dramatisch kippenden Diagonalkompositionen.
Beide Gesichter der barocken Kultur muten erstaunlich gegenwärtig an: Auch wir kennen die angstvolle Ahnung weltumspannender Nichtigkeit und Flüchtigkeit, grundiert von akuter Wirtschaftskrise, nicht enden wollenden Selbstmordattentaten, religiösen Zweifeln, drohenden Klimakatastrophen und den durch zahlreiche Publikationen aktualisierten Erinnerungen an die tödlichen Materialschlachten des 20. Jahrhunderts; und zugleich ist uns jene - auch medienbedingte - Ich-Schwäche vertraut, die hektisch Zuflucht sucht bei der penetrantesten Schönheits- und Körperobsession aller möglichen Porno-, Sex- und Wellness-Varianten.
Der Glanz und der Tod, das große Festmahl mit Musik und Tanz und darüber die alles Irdische zermalmende Ewigkeit - gewiss kein Gegensatzpaar, das im 17. Jahrhundert erfunden worden wäre. Aber die unvermittelte, heftige, jähe Art zu erleben, in der dieses Widerspiel von Schönheit und Vergänglichkeit immer wieder ein paradoxes, extremes Lebensbild der Zerrissenheit inszeniert, etwa in jeder zweiten Tageszeitung - das verbindet durchaus unsere Tage mit dem Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges und des höfischen "Larvenspiels" (Johann Christian Günther) und öffnet selbst die film- und fernsehstrapazierten Augen unserer Zeitgenossen barockem Zeitempfinden. Jedenfalls wurden die Bilder, Verse und Klänge des 17. und frühen 18. Jahrhunderts lange nicht mehr so begierig wahrgenommen wie in jüngster Zeit.

(aus: Joachim Kronsbein, Johannes Saltzwedel u. Mathias Schreiber, Der Glanz und der Tod, in: Der Spiegel, 11/2004, S. 168f.)

Abb.: Peter Paul Rubens: Die Heilige Magdalena
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   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, worauf die gesteigerte Wahrnehmung für den Barock nach Ansicht der Autoren zurückzuführen ist.
  2. Nehmen Sie zu den Thesen der Autoren Stellung.
     
 
                      
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