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Auswahl zeitgenössischer Liederbücher (externe Links)
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Barock (1600-1720)
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Lyrik des Barock
In den Niederlanden entwickelte
sich Anfang des 17. Jahrhunderts eine besonders ausgeprägte
Liederbuchkultur, die Teil der dort entstehenden Jugendkultur der
Zeit geworden ist. Neben den Liederbüchern waren auch ▪
Emblembücher besonders
beliebt.
Eines dieser Liederbücher, das sich großer Beliebtheit auch in Deutschland
erfreute und vor allem ein bevorzugtes Geschenk an junge bürgerliche
oder adlige Damen war, war die Anfang des 17. Jahrhunderts
erschienene niederländische Liedsammlung »Den
Bloem-Hof Van de Nederlantsche
Ieught« (1608, = Der Blumengarten der niederländischen Jugend)
Die Sammlung geht wohl
auf den Amsterdamer Kreis der »Rederijker« zurück und verbindet die ältere
Sangart, auf die auch Opitz häufig zurückgegriffen hat (vgl.
Garber 2018,
S.441), mit der neuen Renaissance-Kunst. Der Bloem-Hof, in dem
Gedichte von bekannten Dichtern wie Heinsius, Hooft oder Bredero
enthalten waren, hat auch auf Deutschland eingewirkt, zumal der
Verleger des Liederbuchs, Dirck Pietersz Pers, "darin nicht nur
Lieder (veröffentlichte), sondern (...) sich darum (bemühte), den
Stand der modernen Poesie anhand einiger neuer Formen, wie dem
Sonett oder Elegie zu illustrieren." (Konst
2006, S.100)
In der Liedsammlung sind zahlreiche
Sonette,
Elegien und Lieder zu
verschiedenen Gelegenheiten wie z. B. Hochzeit, Geburt oder Tod, aber auch
etliche Liebeslieder enthalten. Eine solche Liedsammlung stellte allerdings
"keine esoterische 'Kunst'" dar, sondern war "ein
Kultbuch der Jugend,
das man als modebewusster junger Mensch der Zeit kennen musste und in dem "man heimlich
las und das man unter den Gebetbüchlein versteckte, wenn die Eltern das
Zimmer betraten." (Wels 2018,
S.322f.)
Neben dem
Bloem-Hof
waren aber auch andere, der meist aufwändig gestalteten und illustrierten
Liederbücher aus den städtischen Zentren der Niederlande in Deutschland
bekannt und haben etliche Barockdichter beeinflusst. (vgl.
Bornemann 1976)
Sie dürften wohl auch Martin Opitz bekannt gewesen sein.
Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Liederbücher von »Gerbrand
Adriaenszoon Bredero (1585-1618) (Boertig,
amoureus, end aendachtigh groot lied-book, 1622, posthum =
Burleskes, amouröses und kontemplatives großer Liederbuch) und »Jan Janszoon Starter
(1593-1626), die wohl auch ▪
Martin Opitz
(1597-1639)
bekannt gewesen sein dürften. Die in Brederos Liederbuch enthaltenen Lieder,
Liebeslieder und geistliche Lieder boten in ihrer Auswahl und
Zusammenstellung wenig Neues, aber mit der Orientierung der
darin enthaltenen Liebesdichtung, suchte Bredero den Anschluss an neuere
Entwicklungen wie den ▪ Petrarkismus. (vgl.
Konst 2006,
S.100)
Neben dem
Bloem-Hof und
Brederos
Boertig, amoureus, end aendachtigh groot lied-book (1622,
postum erschienen)
stand der »"Friesche
Lusthof" (= Der Friesische Lustgarten, 1621; auch: »Google
Books) von »Jan Jansz. Starter
(1593-1626) in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts bei den
Jugendlichen besonders hoch im Kurs und avancierte zu dem beliebtesten
Liederbuch der 1620er Jahre und des 17. Jahrhunderts. Es enthielt
Embleme,
Verse unterschiedlicher Art, Hochzeitsgedichte und Trinklieder und drehte
sich thematisch um Fragen und Probleme bei der Geschlechterannäherung und
Partnerwahl. Es richtete sich an junge Leute, die gerne sangen, tanzten und
musizierten. Dazu bot das Liederbuch auch "Notationen, weil viele Lieder auf
neue vom Leeuwarder Musiker Jaques Vredemann komponierte Melodien
geschrieben wurden." (Konst
2006. S.100)

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Die ersten Ausgaben, die von diesem Liederbuch veröffentlicht
wurden, waren so luxuriös und aufwändig gestaltet, dass es sich wohl nur
Wohlhabende leisten konnten. (vgl.
Roberts
2012. S. 210)
Dass diese Lektüre nicht von allen erwachsenden Moralaposteln gern gesehen
wurde, versteht sich. So hat sich Mitte des 17. Jahrhunderts ein
Rotterdamer
Prediger darüber aufgeregt, das er bei seinen Besuchen im Hause junger Damen
neben Puderdöschen, dem Rouge, dem Lippenstift auch eine Reihe weltlicher
Liederbücher mit ihren verwerflichen Liebesliedern vorgefunden habe, aber
von einer Bibel und oder einem geistlichen Gesangbuch im ganzen Zimmer
nichts zu sehen sei. (vgl. Wels 2018,
S.323)
Unter Umständen hat der
Prediger dabei aber auch schon auf den Trend der Lieder und Liederbücher des
mittleren 17. Jahrhunderts reagiert, die sich durch eine Stilmischung
auszeichneten, "bei der gelehrte Topoi, unter anderem aus dem Motivarsenal
des ▪ Petrarkismus und der antiken Mythologie, mit grobianischer 'Deftigkeit',
also den Ausdrucksmitteln der älteren autochthonen Tradionen, kombiniert
werden." ( Dröse 2014 S.229) Diese Stilmischung kennzeichneten z. B. die
Liederbücher von Gabriel Voigtländer (Oden), Jacob Schwieger (Liebes=Grillen
1654-56 und Flüchtige Feld=Rosen 1655), Kaspar Stielers Geharnschte Venus
(1660) oder die Sammĺungen Gottfried Finckelthaus Deutsche Oden oder Gesänge
(1638ff.)
Die Themen, die in
den Liederbüchern dargeboten wurden wie das gemeinsame Bootsfahrten,
Ausfahrten in einem Freizeitwagen, Feiern am Strand und das Singen und
Spielen auf Gartenpartys waen genau das, was die jungen Leute interessierte.
(vgl. Roberts 2012 S. 211)
Die Freizeitaktivitäten und -handlungen, die in
solchen Liederbüchern beschrieben und besungen wurden, schufen damit ein gemeinsames Lebens-
und Wir-Gefühl von (wohlhabenden) Jugendlichen in unterschiedlichen Städten,
das in den Niederlanden besonders ausgeprägt gewesen ist.
Die jungen Songwriter wie Bredero und Starter waren, durchaus ähnlich wie heute in der
populären jugendlichen Musikszene Popstars. Wenn sie auf den Straßen von
Amsterdam oder sonstwo auftraten, kamen die jungen Leute zusammen, tanzten
und sangen mit ihren Idolen ihre Songs und Schlager gemeinsam, nicht anders
wie es heute oftmals auf einem großen Popkonzert passiert.
Wenn es
Brautpaaren gelang, einen wie Starter für ihre private Hochzeitsfeier zu
engagieren oder als Ehrengast begrüßen zu können, wurde die Feier zu einem
zeitgenössischen "Pop-Event", auch wenn dem Sänger der Ruf eines Bohemian
vorausging und ein durch und durch chaotischer Lebensstil nachgesagt wurde.
(vgl. ebd. S. 209ff.)
Der Liederbuch-Boom in den Niederlanden war jedoch um 1640 zu Ende und die
Zahl der neu veröffentlichten Liederbücher brach nach und nach ein. Junge
Männer interessierten sich mehr und mehr für Jahrmarktsthemen und
Trinkgelage und wandten von solchen "unschuldigen" Darstellungen der
Geschlechterannäherung ab und versorgten sich auf dem illegalen Markt mit
pornographischen Romanen, die ihre Fantasie beflügelten.