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Barocke Liebeslyrik

Überblick


 

Die barocke Lyrik bevorzugt bei der Gestaltung von Liebesgedichten jene Wort-, Satz-, Gedanken- und Klangfiguren,  die auch Gedichte mit anderen Themen verwenden. Zugleich greift sie auf besondere Muster und einen Bildstil zurück, die sie aus der Nachahmung literarischer Vorbilder gewinnt.
Die ambitionierte Dichterelite (Gelehrte und einzelne Adelige) produziert jedenfalls eine, eigenem Verständnis nach, "kunstvoll 'gemachte' Gesellschaftslyrik" (Braak 1979,  Teil IIb, S.14) und will sich dabei ganz und gar von der Volkspoesie in deutscher Sprache abheben.  Als beamtete Hofdichter stehen ihre Verfasser an den absolutistischen barocken Fürstenhöfen immer wieder und jederzeit zur Verfügung, wenn es die Repräsentationsbedürfnisse des Hofes bei Hoffesten, Feiertagen, Friedensschlüssen o. ä. erfordern. Daraus resultiert auch die theatralische Gebärde barocker Lyrik, die um der öffentlichen Anerkennung und Bewunderung willen jedes Gedicht bzw. dessen Vortrag zu einem Auftritt macht. (vgl. ebd., S.14)  Die Repräsentationsbedürfnisse einer Kultur der fürstlichen Höfe, die darin in einer geographisch weiträumigen Konkurrenz zueinander stehen, fordert Sprache und Bildern der Dichtung Objektivität statt Gefühlsausdruck ab. Sie erreicht dies, wie auch »Martin Opitz (1597-1639) meint, dann am besten, wenn die Dichtung sich den grundlegenden Kategorien der Rhetorik, nämlich Überredung, Belehrung und Unterhaltung (lat. persuadere, docere und delectare - überreden, belehren, unterhalten) gleichermaßen verpflichtet sieht. Für Opitz wie die anderen gelehrten Dichter steht dabei unzweifelhaft fest, dass die Dichtkunst Teil der Redekunst ist. Nicht umsonst folgen die maßgeblichen Poetiken der Zeit in ihrem Aufbau dem der bekannten rhetorischen Lehrbücher: Inventio, Dispositio und Elocutio. Schon die Inventio, die Erfindung, besser: "Findung, Auffindung des Stoffes und der Argumente" (Meid 2000, S. 32) verlangt nach dem Gelehrten als Dichter (poetus doctus), denn gefragt ist dabei nicht einfach Phantasie oder ein zündender Gedanke, sondern eine möglichst umfangreiche und fundierte Sachkenntnis in möglichst zahlreichen Wissenschaften, die es dem Dichter letztlich ermöglicht, die einem Gegenstand bzw. Sachverhalt innewohnenden Möglichkeiten mit Hilfe der ihm bekannten Topik überhaupt zu erkennen und in einer vielseitigen und kombinationssicheren Weise sprachlich zu arrangieren und zu präsentieren. Dass die Verskunst logisch der letzte Teil der Rhetorik sein muss, die Form ohne Gedanke nicht denkbar, macht »Georg Friedrich Harsdörffer (1607-1658) klar:

"Wann ich einen Brief schreiben will/ muß ich erstlich wissen / was desselben Inhalt seyn soll / und bedencken den Anfang / das Mittel / das End /und wie ich besagten Inhalt aufeinander ordnen möge / daß jedes an seinem Ort sich wolgesetzet / füge: Also muß auch der Inhalt / oder die Erfindung deß Gedichts erstlich untersucht / und in den Gedanken verfasset werden / bevor solcher in gebundener Rede zu Papier fliesse. Daher jener recht gesagt: Mein Gedicht ist fertig / biß auf die Wort." (zit. n.Meid 2000, S. 31)

Dichten ist diesem Verständnis nach "lehr- und lernbar. Nicht subjektiver Gefühlsausdruck, Originalität im modernen Sinne machen Wert und Qualität eines Gedichts aus, sondern der Grad der Fähigkeit, aus vorgegebenem Material mit größtem Kunstverstand und oft geradezu raffiniertem Geschick neue Gedichte zu kombinieren." (Braak 1979,  Teil IIb, S.13) Folgerichtig sind es auch häufig literarische Vorbilder, die von barocken Dichtern nachgeahmt werden, wenn man nach dem Ursprung eines barocken Gedichts fragt (vgl. Wehrli 1962, S.2003, zit. bei Braak 1979,  Teil IIb, S.13). Gerade für die neue Kunstdichtung des 17. Jahrhunderts ist es kennzeichnend, dass sich barocke Autoren mit der Nachahmung (Imitatio), z. B. von Werken Petrarcas, nicht nur einfach fremder Inhalte und Formen bedienen, sondern auch erproben, ob und inwieweit sich diese auch in deutscher Sprache gestalten lassen. (vgl. Niefanger 2006, S.109) Dazu sieht man im Nachgeahmten ohnehin kein Plagiat, sondern ist der Überzeugung "dass die Imitatio nachahmungswürdiger Werke der Vergangenheit und Gegenwart letztlich zu etwas Neuem, Eigenem führt, »das zwar das Alte nicht verleugnet, aber doch den Wert einer künstlerischen Neuschöpfung hat« (Conrady 1962, S.48)" (Meid 2000, S. 30)
Nachgeahmt wurde von den italienischen Dichtern vor allem das Werk von »Francesco Petrarca (1304-1374), der mit seinen volkssprachlichen Gedichten besonders der europäischen Liebeslyrik, für lange Zeit seinen Stempel aufdrücken kann. Aber auch in anderen Formen zeigt sich das nach dem Italiener Petrarkismus genannte System der Bildsprache in Deutschland. Die vier Formen sind:

Auch wenn die Rezeption Petrarcas der Komplexität seiner Werke nicht unbedingt gerecht wird, lassen sich aus ihnen feste klischeeartige Vorstellungen, Bilder und Motive gewinnen, die besonders in die barocke Liebeslyrik Eingang gefunden haben. Stereotype Vorstellungen über das Äußere von Frauen gehören ebenso dazu wie Vorstellungen "von der Liebe als Kampf, Feuer, Leben und Tod." (ebd., S.28) Aber auch das italienische Sonett, das durch Petrarca seine klassische Form mit einem Sinneinschnitt zwischen den Quartetten und Terzetten erhält, hat als Gattungsform eine nachhaltige Wirkung auf die europäische Liebeslyrik, zumal diese Gedichtform den einander widerstrebenden Kräften der Liebesthematik in besonderer Weise Gestalt zu geben vermag. Im Sonett lassen sie sich bei den Figuren, dem hin- und hergerissenen Liebhaber und der unnahbaren Geliebten, ebenso wie zur Darstellung der Unlösbarkeit ihres Konflikts, besonders gut in Antithesen formen, die barocke Gedichte mit Vorliebe gestalten. (vgl. ebd., S.28) So zählen auch Antithesen nach dem Muster Lust und Leid, Flammen und Tränen zum Arsenal petrarkistischer Gestaltung, die dazu Vorlieben für Oxymoron, Hyperbel, Paradoxon und Chiasmus zeigt, so wie auch Petrarca selbst seine zum Vorbild gewordenen 366 Gedichte des an seine Geliebte Madonna Laura gerichteten »Canzoniere« (1356ff.) gestaltet hat.

Gert Egle. 29.09.2013

Petrarkismus und barocke Liebesauffassung

 
               
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