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Höfische, literarische und Sprachgesellschaften

Überblick

« Barock (1600-1720)  – « Gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen Sonstige sozialgeschichtliche Aspekte


FAChbereich Deutsch
Glossar
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In der Frühen Neuzeit machten sich bestimmte Vereinigungen von Adeligen, bürgerlichen Gelehrten und Dichtern daran, zur Pflege, Verbesserung und Vereinheitlichung der deutschen Sprache beizutragen. Diese Vereinigungen sind ein wesentlicher Teil der ▪ gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen der ▪ Literaturepoche des ▪ Barock (1600-1720).

In diesen Gesellschaften (literarischen Gesellschaften und Sprachgesellschaften) ging es u. a. darum, Regeln für Grammatik und Stil zu entwickeln, Fremdwörter einzuschränken und die deutsche Sprache als Kultur- und Bildungssprache zu stärken.

Literarische Gesellschaften und Sprachgesellschaften konnten einen unterschiedlichen Fokus auf die deutsche Sprache richten, unterschieden sich aber in der frühen Neuzeit oft nicht immer klar voneinander, zumal einige dieser Gesellschaften den Fokus sowohl auf die Literatur als auch die Weiterentwicklung und Pflege der deutschen Sprache richteten.

Pegnesischer Blumenorden (ab 1644)

Der »Pegnesische Blumenorden ist eine der bekanntesten literarischen Gesellschaften in der Frühen Neuzeit und existiert bis heute. Seine Name bezieht sich auf den »Nürnberg durchziehenden Fluss »Pegnitz.  Er wurde 1644 in Nürnberg von »Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658) und »Johann Klaj (1616-1656) gegründet und entstand während des 17. Jahrhunderts, also in der Zeit des ▪ Barock (1600-1720)

Das Ziel des Blumenordens war die Förderung der deutschen Sprache und Literatur. Im Mittelpunkt standen vor allem die Dichtung und die Pflege poetischer Ausdrucksformen. Die Mitglieder wollten zeigen, dass die deutsche Sprache ebenso kunstvoll und ausdrucksstark sein konnte wie Latein, Italienisch oder Französisch. Gleichzeitig versuchten sie, die deutsche Sprache weiterzuentwickeln und literarisch aufzuwerten.

Wie viele Gesellschaften der Frühen Neuzeit hatte auch der Pegnesische Blumenorden symbolische Elemente: Die Mitglieder erhielten Schäfernamen und orientierten sich an einer idealisierten Schäferwelt, die in der Barockliteratur sehr beliebt war. Solche Schäferspiele und Naturdarstellungen sollten eine harmonische Gegenwelt zu den politischen und gesellschaftlichen Krisen der Zeit – insbesondere zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648)
 – darstellen.

Der Pegnesische Blumenorden unterschied sich von anderen Sprachgesellschaften dadurch, dass er stärker literarisch ausgerichtet war. Während etwa die Fruchtbringende Gesellschaft vor allem die sprachliche Vereinheitlichung und Sprachpflege verfolgte, lag beim Blumenorden der Schwerpunkt stärker auf Dichtung und Literatur.

Literarische Gesellschaften, so könnte man sagen, beschäftigten sich stärker mit Dichtung und Literatur. Sie förderten das Schreiben, Vortragen und Diskutieren literarischer Werke und dienten oft als Zusammenschluss von Dichtern und Schriftstellern. Hier stand nicht die Sprache als System im Mittelpunkt, sondern die künstlerische Gestaltung und Literaturproduktion.

Fruchtbringende Gesellschaft

Sprachgesellschaften konzentrierten sich vor allem auf die Pflege, Verbesserung und Vereinheitlichung der Sprache. Ihr Ziel war es, Regeln für Grammatik und Stil zu entwickeln, Fremdwörter einzuschränken und die deutsche Sprache als Kultur- und Bildungssprache zu stärken. Sie beschäftigten sich also in erster Linie mit der Sprache selbst.

Sprachgesellschaften, wie die Fruchtbringende Gesellschaft waren Vereinigungen von Gelehrten, Dichtern und Adligen, die im 16. und besonders im 17. Jahrhundert in Deutschland entstanden. Ihr Ziel war es, die deutsche Sprache zu fördern, zu vereinheitlichen und zu verbessern.

Hintergrund ihrer Entstehung war die zunehmende Bedeutung der deutschen Sprache durch die Reformation und die Renaissance. Zwar hatte die Bibelübersetzung von Martin Luther die Entwicklung einer einheitlicheren Schriftsprache gefördert, dennoch blieb Latein weiterhin die wichtigste Sprache der Wissenschaft und Bildung. Gleichzeitig galten Französisch und Italienisch an den europäischen Höfen als besonders angesehen. Außerdem gab es viele regionale Dialekte, sodass keine einheitliche deutsche Standardsprache existierte.

Die Sprachgesellschaften wollten daher die deutsche Sprache pflegen, Fremdwörter reduzieren und Regeln für Grammatik, Stil und Ausdruck schaffen. Dabei orientierten sie sich häufig an italienischen Sprachakademien.

Die bedeutendste Gesellschaft war die Fruchtbringende Gesellschaft, die 1617 von Ludwig I. von Anhalt-Köthen gegründet wurde. Sie setzte sich für die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Sprache ein und hatte großen Einfluss auf Literatur und Sprachentwicklung.

Weitere wichtige Gesellschaften waren der Pegnesische Blumenorden und die Deutschgesinnte Genossenschaft. Besonders die Deutschgesinnte Genossenschaft versuchte, Fremdwörter durch deutsche Begriffe zu ersetzen. Einige der damals entstandenen Wörter, wie "Leidenschaft" oder "Anschrift", werden bis heute verwendet.

Die Sprachgesellschaften leisteten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache und Literatur. Sie förderten die Entstehung einer einheitlicheren Schriftsprache und beeinflussten die spätere Entwicklung des heutigen Hochdeutsch. Zwar konnten sie die vielen Dialekte nicht sofort überwinden, dennoch trugen sie wesentlich dazu bei, die deutsche Sprache als Kultur- und Literatursprache zu stärken.

 

 

Die Arbeit der literarischen Gesellschaften kann auch unter dem ▪Aspekt der Sozialdisziplinierung im 16. und 17. Jahrhundert betrachtet werden. Den sie "(verband), so unterschiedlich sie in Aufgabenstellung, Wirksamkeit und Produktion sie auch gewesen sein mögen, (...) neben anderem die gemeinsame Aufgabe der Vereinheitlichung, Reglementierung und damit Disziplinierung der Rechtsschreibung." Dabei habe, das erwachende Interesse  erwachende Interesse an der deutschen Muttersprache allerdings "nicht direkt" auf ihre Disziplinierung hingezielt. Stattdessen habe sich vielmehr "ein nationales, nationalstaatliches Bewusstsein des nationalen Erbes" angenommen, zu dem eben auch die Sprache gehörte. Indem sie "gehegt und gepflegt" worden sei, sei sie auch "diszipliniert" worden.( Schulze 1987, S.290f.)

 

 

Zu Beginn des 17. Jahrhundert ist die deutsche Literatur von zwei ganz verschiedenen poetischen Traditionen geprägt.

Da ist auf der einen Seite die neulateinische Gelehrtendichtung und auf der anderen Seite die volkssprachliche Dichtung, manchmal auch Volkspoesie genannt. Wenn man - wofür einiges spricht - "die nationalistischen Implikationen der Volksbegriffe  des 19. Jahrhunderts" vermeiden will, kann sie mit Willems (2012, Bd. I, S.72) .man auch "Popularliteratur" (ebd.) nennen.

Die neulateinische Gelehrtendichtung

Was die neulateinische Gelehrtendichtung zustande brachte, waren hoch artifizielle Werke, die sich durchaus mit dem messen konnte, was in dieser Sprache ansonsten in Europa gedichtet wurde. Was sie schrieben, richtete sich ausschließlich an das gelehrte Publikum und erreichte "nur die eng umschränkten, esoterischen Zirkel der lateinkundigen Humanisten." (Willems 2012, Bd. I, S.70). Was die Humanisten in der Literatur bewegten, spielte sich in Neu-Latein ab, der internationalen Sprache dieser auf vielfältige Weise miteinander vernetzten Schicht. Das gedankliche und  sprachliche Anspruchsniveau war dementsprechend auch am (gelehrten) Horizont dieser Leser orientiert und ihre neulateinischen Texte konnten  daher auch "mehr mit gelehrten Kenntnissen und kenntnisreichen Anspielungen, kühnen Bildern und gewagten Formulierungen arbeiten als Werke, die auf den »gemeinen Mann« zielten."  (ebd., S.71). Dichtung, die einen "intellektuellen Anspruch erhebt" (Wels 2018, S.166f.) findet also in lateinischer Sprache statt. Sie ist insofern auch "ein ausschließlich akademisches Phänomen" (ebd.)

Das zeigt sich beim neulateinischen Schultheater, setzt sich "in der  der gesamten Versdichtung fort, die als Schulübung im Grammatikunterricht mit der Lektüre der antiken Dichtung beginnt und in eine Nachahmung dieser antiken Dichtung mündet."  (ebd., S.166f.)

Die deutschsprachige Popularliteratur

Auf der anderen Seite gibt es eine deutschsprachige Dichtung, die Popularliteratur, die sich an Nicht-Gelehrte richtete, an die wenigen, die zu dieser Zeit lesen konnten und sich Lesestoffe leisten konnten, oder mittelbar durch Vorgelesenes mit literarischen Stoffen in Berührung kamen. Zur Popularliteratur zählen z. B. der Meistergesang, aber auch Bibeldramen, Prosarome und die deutschsprachige Lieddichtung. Allen diesen Werken hat man im Hinblick auf die humanistische Entwicklung der Zeit eine Bildungsferne attestiert und vor allem immer wieder betont, dass ihr ein "besonderer Stilwille oder überhaupt eine Sensibilität für stilistische Fragen"  (Wels 2018, S.166f.) abgeht.

Da sie vom humanistischen Diskurs weitgehend abgekoppelt war, blieb die deutschsprachige Popularliteratur "insgesamt stärker und länger dem mittelalterlichen Erbe verhaftet" (Willems 2012, Bd. I, S.70) und wurde von neuen Entwicklungen meistens nur indirekt, "mit einer gewissen Verzögerung und in abgeschwächter, wenn nicht abgefälschter Form" (ebd.) berührt.

Dass es im deutschsprachigen Raum bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts keine intellektuell anspruchsvolle deutschsprachige Dichtung gab, ist, wenn man dies mit dem europäischen Ausland vergleicht, zumindest ungewöhnlich. So entwickelte sich in verschiedenen Stadtstaaten Italiens und an einigen Fürstenhöfen dort eine volkssprachige Dichtung, in Frankreich im 16. Jahrhundert am Königshof und in England am Hofe von Elisabeth I. ebenso. In deutscher Sprache anspruchsvoll zu dichten, war ein No-Go für alle, im In- und Ausland, die auf die "barbarische" deutsche Sprache mit Verachtung herabsahen.

Martin Opitz und Gründungslegende der deutschen Literatur

Es gehört zu den lange Zeit gepflegten Urteilen, im "Dichtervater" ▪ Martin Opitz (1597-1639) den Begründer und mit seiner ▪ Literaturreform den dominierenden Faktor für die Entwicklung der (gehobenen) deutschsprachigen Literatur zu sehen. Nicht nur dass man damit "das taktisch geprägte Traditionsverhalten" (Niefanger 2012, S.18) weitgehend ignoriert, man sitzt damit auch einer von Opitz und seinen Epigonen sorgfältig gestrickten "Gründungslegende der deutschen Literatur" (ebd.) auf, die sich auch in den zahlreichen Gedichten auf Martin Opitz nach dessen Tod widerspiegeln. So hat Quirinus Kuhlmann (1651-1689) in einem dem humanistischen Dichterlob verpflichteten Epigramm Opitz den »Homer Schlesiens genannt und ihn damit "zum Vater und Inbegriff der deutschen Dichtung erklärt" (Willems 2012, Bd. I, S.133, Verlinkung d. Verf.) und auch ▪ Hofmannswaldau (1618-1679) sagt von ihm, "er habe »Venus, die Göttin der Liebe, deutsch reden gelehrt" (Verlinkung d. Verf.), womit nicht weniger gemeint ist, als dass Opitz "als erster die deutsche Sprache dahin gebracht habe, auf angemessene, poetisch vollgültige Weise von der Liebe zu reden, dass er der Vater des deutschen Liebesgedichts sei."(ebd.)

und damit die Literatur vor ihm abzuwerten und für defizitär zu erklären. Erst mit ihm komme es zu einer Kunstliteratur bzw. Kunstdichtung.

Diese "Gründungslegende der deutschen Literatur" (Niefanger 2012, S.18, Hervorh. d. Verf.) ist aus etlichen Gründen mehr als fraglich, so dass es angebracht zu sein scheint, "von einem sukzessiven Erneuerungsprozess zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu sprechen" (ebd.) in dessen Verlauf Opitz vor allem im Bereich der Vers- und Stillehre Akzente setzen konnte, die zu einer Neubesetzung des literarischen Feldes in der Auseinandersetzung mit vor allem der neulateinischen Gelehrtendichtung führte.

 

 

 

 ▪ Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)
Überblick
Zeittafel
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Alltag zwischen Krieg und Frieden
Der Westfälische Friede 1648
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

 
 

 
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