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Barock 1600 - 1720

Überblick


Die Literaturepoche des Barock stellt eine vergleichsweise einheitlich beschreibbare Epoche dar, die zwischen dem ganz und gar weltanschaulich-konfessionell geprägten Reformationszeitalter und der mehr von der Philosophie herkommenden Aufklärung liegt.

Während es in manchen süd- und westeuropäischen Ländern an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert schon lange eine anspruchsvolle Dichtung in der jeweiligen Volkssprache gibt, orientiert man sich dort, wo Deutsch gesprochen wird, noch ausschließlich an der lateinischen Sprache. Im 14. Jahrhundert schon hatten sich in Italien, verbunden mit den Dichtern »Dante Alighieri (1265-1321), »Francesco Petrarca (1304-1374) und »Giovanni Boccacio (1313-1374), nationalhumanistische Bestrebungen durchgesetzt, die zur Veröffentlichung von literarischen Werken in italienischer Volkssprache geführt hatten. Und auch in anderen Ländern wie Spanien, England oder Holland war man diesem Beispiel gefolgt. In Deutschland freilich bleiben Versuche, bedeutende Texte der italienischen Renaissance ins Deutsche zu übersetzen, schon früh auf der Strecke. Die geistige Elite der Zeit, die Schicht der humanistisch gebildeten, der lateinischen Sprache in Wort und Schrift mächtigen Gelehrten grenzt sich mit ihrer neulateinischen Dichtung bewusst ab von der in "barbarischem" Deutsch verfassten "ungelehrten" Volkspoesie. Was sie in Latein zustande bringen, hat zwar europäischen Rang (vgl. Meid 31989, S.93, Meid 2000, S. 3), ist aber eigentlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Allerdings erhalten sie bei ihrer Abwertung der deutschen Muttersprache auch Rückenwind von Humanisten anderer Länder, denen der Klang des Deutschen wohl so missfällt, dass sie dieser "barbarischen" Sprache keinerlei Chancen einräumen, einer nationalhumanistischen Erneuerung der "gelehrten" Dichtung als Vehikel zu dienen.
Anfang des 17. Jahrhunderts jedoch setzt sich allmählich, allerdings keineswegs überall in deutschen Landen, eine "Erneuerungsprozess" (Niefanger 2006, S.17), man spricht auch von einer Literaturreform, durch, die eine neue, gelehrte Kunstdichtung in deutscher Sprache auf den Weg bringt. Die Reform stößt dabei auf regionale und konfessionelle Grenzen: in katholischen Territorien im Süden und Westen Deutschlands hält man noch lange an eigenen, lateinischen und deutschen Traditionen fest. In den anderen Territorien verschmelzen  die schon ehedem vorhandene muttersprachliche Volkspoesie und die neue deutsche Kunstdichtung aber keineswegs miteinander. Allem "kulturpatriotischem Enthusiasmus" zum Trotz, mit dem die neue Kunstdichtung in der Folgezeit propagiert wird, die Kluft zwischen beiden wird dadurch nicht geringer. (vgl. Meid 31989, S.93) Wo vorher verschiedene Sprachen die soziale Abgrenzung signalisieren, geht jetzt ein Graben durch die gemeinsame Sprache, die auch zur elitären Selbstverständigung eines um Sicherung seiner sozialen Stellung in den neuen gesellschaftlichen Hierarchien der Zeit bemühten Gelehrtenstandes beitragen muss. Weil zudem die rhetorischen und poetologischen Grundlagen der neuen Dichtung die gleichen sind, wie die, welche für die neulateinische Dichtung lange Zeit gegolten hatten, bleibt die neue Kunstdichtung "weiterhin Reservat einer elitären Schicht" (Meid 2000, S. 4), die auf der Basis einer außerordentlichen "intellektuellen Bewusstheit" sich "der Freude am Experiment der Form, an virtuoser Sprachkunst, an geregelten Vorschriften, an gedanklichen bizarren Spielereien" (Martini121963, S.138) hingibt. Zugleich schreibt sie in ihren Regelwerken (Poetiken), orientiert an der antiken Stillehre fest, welche Stilhöhe den verschiedenen Ständen der ständisch gegliederten Gesellschaft angemessen ist. Während hoher Stil, mit dem Alexandriner als bevorzugtem Versmaß, vornehmlich geistlich-biblischer Thematik (z.B. im Lobgedicht) und der Hof-Repräsentation vorbehalten sein soll, ist der mittlere Stil mit den Gedichtformen Sonett, Ode, Elegie, Gelegenheitsgedicht u. a. für höfische und galante Themen sowie den bürgerlich-gelehrten Bereich vorgesehen. Der niedere Stil schließlich , der sozial-ständisch den Bauern, Hirten und Bedienten zugeordnet wird, bleibt für jede x-beliebige Gelegenheitsthematik die in Epigrammen, Satiren und Parodien gestaltet wird. Soweit zumindest die Theorie. In Wirklichkeit sind Mischformen durchaus üblich. (vgl. (Braak 1979,  Teil IIb, S.43)
Trotz dieser Entwicklung geht auch die deutsche Volkspoesie neben der neuen gelehrten Kunstdichtung nicht unter. Sie wird, meistens mündlich, weiterverbreitet, aller Orten werden Lieder gesungen und mitunter, wie in der Sammlung das "Venusgärtlein" aus dem Jahre 1656, auch schriftlich fixiert. Dazu sind noch zahlreiche Flugblätter (Einblattdrucke) im Umlauf, die sich mit ihren zum Teil in Reimforn gehaltenen Kommentaren zum Zeitgeschehen nicht an das halten, was die Regelpoetik der gelehrten Dichtung vorschreibt. Und selbst, wenn dies sowie das vereinzelte Fortbestehen der "Meistersingerkunst" von den Gelehrtendichtern "als Musterbeispiele dichterischer Rückständigkeit und Stümperei" (vgl. Meid 31989, S.95, Meid 2000, S. 5) verachtet werden, leben diese Traditionen weiter fort, auch wenn sie auf die Entwicklung der deutschen Literatur im 17. Jahrhundert "ohne Einfluss" bleiben. (vgl. Meid 2000, S. 5)
Die Kontinuität der rhetorischen und poetologischen Grundlagen der neuen Kunstdichtung lässt sich auch in dem "»Buch von der Deutschen Poeterey" (1602) erkennen, die der oft als Begründer der gelehrten Literaturreform in Deutschland geltende »Martin Opitz (1597-1639)  veröffentlicht. Dieser selbst trägt dabei ordentlich dazu bei, dass er gemeinhin zum "Dichtervater" der neuen deutschen Kunstdichtung erklärt worden ist, denn in seiner Poetik erscheint alle deutschsprachige Literatur vor ihm als defizitär, eine Bewertung, die die Fakten im Lichte betrachtet, freilich nicht standhalten. So wird diese "Gründungslegende der deutschen Literatur" (Niefanger 2006, S.17, Hervorh. d. Verf.) mit gewichtigen Argumenten in Zweifel gezogen. Dazu zählen u. a. Hinweise auf "die bahnbrechende Etablierung der Muttersprache im kirchlichen Bereich (Luthers Bibelübertragung, Kirchenlieder), [...] den zum Teil deutschsprachigen Humanismus (»Brant, »Frischlin) sowie die recht lebhafte muttersprachliche Kultur niedrigeren Anspruchs, [...] die so genannten »Volksbücher« wie Faust und die Meistersinger-Kultur." (ebd.), ganz zu schweigen von der Theaterkultur der Jesuiten und auf den zahlreichen Wanderbühnen, dem deutschsprachigen Kirchenlied und der deutschsprachigen Lyrik »Georg Rodolf Weckherlins (1584-1653) und des Jesuiten »Friedrich Spee 1591-1635, die sich schon in der Zeit vor und völlig unbeeinflusst von Opitz etabliert. (vgl. ebd.)

Gert Egle. 29.09.2013

  
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