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books, Ausgabe 1668
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Sexualstrafrecht in der frühen Neuzeit
▪
Ehebruch
▪
Vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr
▪
Vorrücken
der Scham- und Peinlichkeitsschwellen
▪
Die Entwicklung sozial konstruierter Scham
in der frühen Neuzeit und im Barock
▪ Studentenleben
in der Barockzeit
In seinem Roman "Das
Wandelbahre Glück/ in einer angenehmen und wahrhafften Liebes-
und Lebensgeschichte des verkehrten und wieder bekehrten Tychanders
vorgestellet" von
» Hieronymus Dürer (1641-1704). einem Hauslehrer und später
lutherischen Pfarre und Superintendenten, aus dem Jahr 1668 erzählt
der auktoriale Ich-Erzähler Tychander seine Lebensgeschichte. Der
moralisierende Unterhaltungsroman war in seiner Zeit sehr
erfolgreich und wurde mehrfach wieder aufgelegt.
Das 1. Capitel.
Tychander reiset auf die Universität, wird daselbst schlecht
bewillkommet
"Nachdem ich meine Jünglings-Jahr erreichet, und nun gesonnen war,
wiewohl mit noch nicht recht pflücken Federn, höher zu fliegen,
absonderlich den verhaßte Schulzwang mit der Academischen
Freyheit, einmahl zu vertauschen, erhielt ich doch,
wider meiner
Lehrer Rath, durch vielfältiges Anhalten der Mutter, welche gern
bald einen
Juncker aus mir haben wolte, daß mein Vater mich annoch
Bart- und Federlos dahin sandte. Ich reisete fort, gelangte an, und
grüssete so bald bey meiner Ankunfft die Studenten mit einem
gewöhnlichen Pennal-Schmause1; wurde auch mit üblichen Willkommen,
(Ohrfeigen und Nasenstüber meyne ich) von denen alten Pennälen gar
höflich empfangen.
Diese, weil sie gut Geld bey mir wusten,
unterliessen nicht, mich zum öfftern zu beschmausen, wodurch sie
denn meinen Beutel in kurzer Zeit seines Eingeweides ziemlich
entledigten, und um viel Ducaten leichter machten. Ich verbrachte
solches Probe-Jahr nach gewöhnlicher Pennal-Weise,
in lauter wüstem Heydnischen Fastnachts-Leben:
um das Studiren aber kümmerte ich mich
nicht, denn ich hatte genug mit andern Possen zu thun.
Daneben aber
wurde des Buhlens keinesweges vergessen: Denn weil die Pennäle
unverschämt waren, und fein gleich zugiengen,
waren sie bey denen
leichtfertigen Weibs-Personen desto angenehmer, und hatten einen
viel freyern Zutritt und Paß bey ihnen, als einige andre. Wiewohl
mir solches zween klägliche Fälle, die sich zu einer Zeit zutrugen,
billig hätten erleiden sollen,
wenn nicht der Satan meine Sinnen
verblendet, und mein Hertze hätte verstockt gehabt.

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Es hatte einer meiner Landsleute, ein sonst Christlicher und sehr
fleißiger Jüngling, seine Stube undTisch, bey einem Raths-Herren
selbigen Orts. Dieser hatte ein
junges Weib, welche gleich wie sie an Schönheit keiner in der ganzen
Stadt wiche, also war ihr auch an Geilheit keine zu vergleichen.
Selbige hatte auf Filomusen, so hiesse der
Jüngling, eben ein solch Auge geworffen, wie
»Potiphars
Weib auf Joseph: Ob er nun zwar Gottesfürchtig war, und eine
Zeitlang.für ihr flohe, so unterliesse sie doch nicht durch
vielfältige geile Geberden, und
offtmalige
unverschämte Entblössung, ihn solange zu reitzen, bis er sich
endlich sich Fleisch und Blut überwältigen liesse, seinen Begierden
den Zaum verhengte, und schändliche Thaten zum öfftern mit ihr
begienge.
Wie nun dieses unkeusche Weibsstücke sich an einem Buhler nicht
genügen liesse, sondern derselben unterschiedliche, und zwar
theils mit vielen Verehrungen unterhielte, also bekam sie auch
letztlich die schöne Kranckheit, die
bey solchen Huren nicht ungemein zu seyn pfleget,
und machte
selbige nachgehends alle ihre Buhler, sonderlich diesen
unglückseligen Filomusen theilhafftig. Filomusus verwarlosete im
Anfang dieses Übel selber, entweder aus Unverstand, daß er vermeynte,
es hätte nicht viel zu bedeuten; oder aus Schamhafftigkeit, daß er
es keinem Artzney-Verständigen offenbahren mochte, bis es zuletzt
sein gantzes Geblüt ansteckte, und dermassen überhand nahme, daß
keine Hülffe mehr verfangen wolte: Denn er muste sterben, und in
blühender Jugend ein erbärmliches Ende nehmen.
Kläglich war zwar solcher Fall, daß dieser Jüngling ein eintziges
Kind seiner sehr reichen Eltern, welchen sie zum Trost und Stab
ihres Alters erzogen halten, durch Huren-Liebe jämmerlich umkommen
muste! Kläglich, sage ich, war es, aber dennoch endich, zu
verschmerzen, angesehen, er in wahrer Erkänntniß Reu und Leid über
seiner Sünden, mit festem Glauben von der Welt abschiede: Ader viel
elender fuhre mein
damahliger Stuben-Gesell, welchen die
Huren-Liebe gleich zur selbigen Zeit nicht nur um das zeitliche,
sondern auch um das ewige Leben brachte, und plötzlich mit Ach und
Weh zur Höllen stürzte!
Dieser ruchlose Mensch, der sein gantzes Leben in aller
Gottlosigkeit verzehret, hieng an einer
jungen wohlgestalten
Schneider Frau. Die erste Kundschafft wurde in der
Kirchen gemacht, welche leider! heute zu Tage öffters die Stellen
der Kuppel-Häuser vertreten müssen: Die Unterhändler waren die
Augen, mit welchen sie einander ihre
Gemüths-Meynungen solange zu verstehen gaben, dis Asotus vermittelst
eines Kleides, welches er bey ihrem Manne machen ließ, erstmahls
Kundschafft im Hause erlangte, und nachgehends, so
offt der Mann ausserhalb Hauses, dessen Person agirte. Daß
trieben sie eine zeitlang gar heimlich, hernacher aber etwas freyer,
also daß nicht allein das Gesind im Hause solches vermerckte,
sondern die Nachbarn schöpfften auch Argwohn, so wohl daher, daß der
Kerl so offt des Tages vorüber gieng, und so fleißig nach dem
Fenster sähe, und da er sie gewahr wurde, so freundlich grüste; als
auch wegen des vielfältigen Aus- und Eingehens.
Es kam letztlich so weit, daß der Mann von seinen guten
Sauff-Brüdern in der Zeche damit aufgezogen und vor einen Hahnrei
gescholten ward. Wodurch der Mann sich erzürnte, und ihme
vornahm, hierauf genaue Kundschafft zu legen. Der Winter begunte
sich gleich anzumelden, und gebot an statt der grünen May-Bäume gut
Brenn-Holtz in Vorrath zu schaffen, daher nahm der Schneider Ursach
sich zu stellen, als ob er auf diß oder jenes Dorff gehen
wolte, um zu sehen, ob der Edelmann daselbst, der in seiner Schuld
war, ihm wolte etliche Fuder Holtz zuführen lassen. Die Frau war
dieses wohl zufrieden, und thate es dem Asotus alsbald zu wissen,
damit er sich um selbige Zeit bey ihr einfinden, und weil der Mann
nach Feuerholtz aus wäre,
sie so lang erwärmen möchte. Es geschah, er kam, sie giengen zu
Bett: Aber die Freude währte nicht lang: Denn der Mann, welcher
inzwischen nicht gefeyert, hatte, sich des Abends unvermerckt wieder
nach Hause gemacht, und in einen Winckel verborgen. Als er nun, was
vorlieff, sähe,
und seiner
Hörner gar keinen Zweifel mehr trug, kunte er sich nicht so
lange enthalten, bis sie beyde eingeschlaffen wären, sondern lieff
mit seiner Wehr in grimmigen Zorn nach der Kammer zu, fand aber
dieselbige verschlossen. Er säumte nicht lang, sondern hiebe mit dem
Beil, welches er auf solchen Fall zu sich genommen, die Thür auf,
und eilte dem Bette zu.

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Der Ehebrecher auch nicht
faul. sprang geschwind im Hemde zum Bett heraus, unterlieff dem
Schneider den Degen, faste ihn an, warff ihn zu Boden, riß ihm die
Wehr aus der Hand, und nöthigte ihn einen Eyd zu schwören, daß er
diese That weder an ihm, noch an der Frauen rächen, noch auch
einigem Menschen offenbahren wolle. Er sähe sich überwunden, er
muste es eingestehen. Aber als Asotus sich genugsam sicher zu sey
vermeynte, weil der darzu des Schneiders Degen in der Hand hatte,
ergriff der Schneider, so bald er auffkam, das Beil, welches nicht
weit von ihm lag, und versetzte dem Ehebrecher einen solchen Wurff,
dass ihm en Kopff mitten voneinander spaltete, welcher denn, so bald
der Wurff geschehen, dem Schneider seinen eignen Degen durch der
Leib jagte, womit sie beye niederfielen. Inzwischen hatte die
Ehebrecherin die Thür ergriffen, und im Hemde Reisaus genommen, nach
ihrer Mutter Behausung zu, ward aber unterwegens von der Wacht
ergriffen, und mit solchem ungewöhnlichen Habit, daraus sie nichts
gutes muthmasseten, ins Gefängniß gesetzet. Das Gesinde und die
Nachbaren lieffen über solchen Tumult auch zu, und fanden beyde in
ihrem Blut liegen. Sie wurden, so bald es lautbar war, durch die
Gerichte aufgehoben, und weil sie noch beyde lebten, wurden Priester
zu ihnen erfordert, aber Asotus hatte keine Sinnlichkeit mehr, also
daß er kein einzig Zeichen seiner Bekehrung von sich geben kunte,
sondern lag nur und sperrete die Augen auf, bis er wenig Stunden
hernach seine unqlückhaffte Seele von sich schickte, und sein Leben
beschloß, wie er bisher geführet hatte. Der Schneider lebte noch
etliche Tage, da starb er auch, und
das Weib
wurde zuletzt mit dem Schwerdt gerichtet.
Billig, sagte ich,
hätte mich solches zweyfach-gedoppelte Unglück von meinem sündlichen
Leben abmahnen, und zur Busse reihen sollen; Ich nahme auch
solche klägliche Fälle Anfangs sehr zu Herhen, also daß ch GOtt
meine Sünden abbate, und mir ernstlich vornahm, und hinführo ein
christlich Leben zu führen. Aber als nur die erste Bestürtzung sich
ein wenig geleget hatte, und die Furcht durch die Zeit verringert
wurde, ließ ich mich (leider,) abermahl verführen, daß ichs wieder
anfienge, wo ichs gelassen, und mir die betrügliche Hoffnung machte,
daß, ob gleich solches Unglück jenen widerfahren wäre, so würde es
doch eben mich nicht treffen, angesehen der gröste Hauffe es gleich
also machte, und doch nur selten einmahl ein solcher Fall sich
begäbe.«
(aus: »Hieronymus
Dürer (1641-1704,"Das Wandelbahre Glück: in einer angenehmen und wahrhafften
Liebes- und Lebens-Geschichte des verkehrten und wieder
bekehrten Tychanders, vorgestellet", Braunschweig, S.7-12 -
gemeinfrei
Worterklärungen:
1
Pennal-Schmause: Nach der Aufnahme in eine Universität mit ▪
Immatrikulation und ▪
Deposition galten die Neulinge an der Universität in ihren
Landsmannschaften etwas mehr als ein Jahr lang als Pennäler, die
noch nicht als vollständige Studenten von den älteren Studenten, den
Schoristen, angesehen wurden; Pennäler mussten diesen auf
vielfältige Weise zu Diensten sein, wurden schikaniert und immer
wieder ausgenutzt, ehe sie per Absolution "freigesprochen" wurden
und selbst Schoristen sein durften. Eine der üblichen Rituale war,
die anderen Mitglieder der Landsmannschaft mit einem Essen
(Pennalschmaus) freizuhalten, was ganz schön ins Geld gehen
konnte,Dieses System wird auch als ▪
Pennalismus
bezeichnet.
▪
Sexualstrafrecht in der frühen Neuzeit
▪
Ehebruch
▪
Vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr
▪
Vorrücken
der Scham- und Peinlichkeitsschwellen
▪
Die Entwicklung sozial konstruierter Scham
in der frühen Neuzeit und im Barock
▪ Studentenleben
in der Barockzeit
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
23.12.2023