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Leerstellen

Leerstellentypen


Nach Michael Titzmann (1977) lassen sich Leerstellen als das "Fehlen von etwas" auffassen, das bei der Realisation eines literarischen Textes ausgefüllt werden muss, um den Textsinn individuell zu konstituieren. Als Leerstellentypen kommen dabei für Titzmann u. a. in Frage:
   
Leerstellentyp Beispiele
Grammatische Aussparungen
  • Anakoluth:
    »Als aber nachmittags der Zeiger auf dem großen Turm auf halb fünf stand [...] - und plötzlich geschah ein Knall.« (Hebel, Unglück der Stadt Leiden)

  • Aposiopese:
    » - John Vliet Lindsay ist ein ...: sagt Marie.[...] - John Vliet Lindsay ist ein...: sagt D.E. und übertrumpft sie noch im bösen Leumund.« (Johnson, Jahrestage)

Metrische Aussparungen
  • fehlender Schlussreim:
    in Heines »Lass die heil'gen Parabolen«

Aussparungen in der Handlungsdarstellung
  • in Texten des 19. Jahrhunderts gibt es keinen sexuellen Verkehr

»Unformulierte Beziehungen« (Iser)
  • bei Unterbrechungen einer kontinuierlichen Handlungsführung

  • Aneinanderstoßen von Erzählelementen in Form des harten Schnitts

  • Montagetexte

Gezielte Verletzungen einer (literarischen) Norm
  • »Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen« (Hofmannsthal, Ballade des äußeren Lebens; unzulässiger Beginn!)

  • Verzicht auf syntaktische Strukturen in dadaistischer Lyrik um 1920

  • beabsichtigte Verstöße gegen geltende Interpretationen von Wirklichkeit (z.B. Gregor Samsas real behauptete Verwandlung in ein Insekt in Kafkas, Die Verwandlung)

  • fehlende Bestätigung einer moralischen Norm (Selbstmord wird in Goethes Werther nicht verurteilt)

(vgl. Richter 1996, S.532)

       
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