Leerstellen

Überblick


Als eine Variante des Unbestimmtheitskonzepts Roman Ingardens (1893-1970) hat Wolfgang Iser bei seiner Konstanzer Antrittsvorstellung im Jahre 1969 die Kategorie der »Unbestimmtheit« zum »Umschaltelement zwischen Text und Leser« (Iser) gemacht.

Iser unterscheidet Unbestimmtheitsstellen im engeren Sinne und Leerstellen und Negationen.
 

Unbestimmtheits-
stellen
Leerstellen Negationen
  • ergeben sich aus den "schematisierten Ansichten" bzw. der Aspekthaftigkeit und daraus folgenden Unbestimmtheit der dargestellten Objekte

  • zeigen dem Leser eine »Komplettierungs-
    notwendigkeit« (Iser) an

  • »unformulierte Beziehungen« (Iser)

  • den Textstrategien zuzuordnen

  • zeigen dem Leser »Kombinationsnot-
    wendigkeit« an

  • Stelle zwischen Textelementen, deren Beziehung zueinander durch Hypothesenbildung geklärt werden muss

  • dem Textrepertoire zuzuordnen

  • Bekanntes wird aufgerufen und quasi "durchgestrichen"

  • bewirkt  Modifizierung der Einstellungen des Lesers durch »gezielte Teilnegationen« »eingekapselter Normen« (Iser)


Der wirkungästhetische Ansatz Wolfgang Isers weist dem Leser die Aufgabe zu, die Sinnkonstituierung vorzunehmen. Er tut dies, indem er dem im Text enthaltenen und an ihn  herangetragenen Appell nachkommt. Dabei können die Leerstellen als eine Art vorgegebener Provokation des Urteilsvermögens durch den Autor angesehen werden. (vgl. Turk 1976, S.47f.)

Nach Turk (1976, S.47f.) kann man zwei verschiedene Arten von Leerstellen unterscheiden:

  1. Aussparung einer eindeutigen Bewertung des Geschehens mit einer Reihe von möglichen Erfüllungsvariablen für die daraus entstehenden Leerstellen

  2. Angebot von Bewertungen (impliziter Leser) gegen die beliebige Ausfüllung von Leerstellen

Katalog von textlichen Bedingungen für Leerstellen

  • Technik des harten Schnittes (vgl. Kuleschow-Effekt im Film)

    • Abbrechen einer Erzählsequenz

    • unvermittelte Neueinführung von Figuren

    • Beginn neuer Handlungsstränge (z.B. bei Kapitelgrenzen)

  • Nicht auktorial-verbindliche Erzählerkommentare, die selbst nur Hypothesen entwerfen; müssen vom Leser koordiniert bzw. als Anspielung oder Ironie usw. erkannt werden.

  • Strategien literarischer Camouflage 

  • Verfremdungstechnik

(vgl. Richter 1996, S.528f.)

Eine detaillierte und mit vielen Beispielen versehene Auflistung von Leerstellentypen stammt von Michael Titzmann (1977).

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Gestaltendes Erschließen literarischer Texte

     
 

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