Die französische
Literaturwissenschaftlerin und Schülerin Jaques Derridas »Julia
Kristeva (geb. 1941), die den Begriff der Intertextualität im
Jahr 1967 in die französische Literaturwissenschaft eingebracht hat, hat
die nachfolgende vielzierte Aussage gemacht, die die
»poststrukturalistische Auffassung von Intertextualität verdeutlicht:
"Jeder Text baut
sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und
Transformation eines anderen Textes.
An die Stelle des Begriffs der
Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die
poetische Sprache lässt sich zumindest als eine doppelte
lesen." (Kristeva
1972, S.337)
Wenn Kristeva vom Text
als double (Doppelzeichen) spricht, drückt sie aus, dass ein Text
"neben dem manifesten immer noch einen latenten Text umfaßt."
(Lachmann/Schahadat
1995, S.678)
Das
einzelne Werk wird damit quasi als ein "offener" Text (Prinzip unendlicher
Intertextualität) verstanden, der auf der lokalen Textebene weder eine feste
Bedeutung besitzt noch einen Schlüssel zu seinem Verständnis liefert.Die Bedeutung eines literarischen Textes lässt sich von daher nur als
"eine jeweils intertextuell fundierte Bedeutung" mit einer "unbegrenzten
Auslegungsvielfalt" (Steinmetz
1995, S.478) denken.
Nach
Köppe/Winko (2008, 7.4 Intertextualitätstheorien, Kindle-Version)
werden in dem "Mosaik"-Zitat drei charakteristische Züge der
poststrukturaliistischen Intertextualitätstheorie erkennbar:
Universalität, ›Tod des Autors‹ und Mehrdeutigkeit. So sage es
aus, dass jeder Text in intertextuellen Bezügen zu anderen Texten stehe,
Intertextualität ein universales Prinzip der Textkonstitution und keine
Sache des bewussten Aufgreifens oder Zitierens eines Quellentextes sei.
(Universalität). Kristevas Aussage, wonach "Intertextualität" an die
Stelle von "Intersubjektivität" trete, lasse sich ganz wörtlich
verstehen, denn für Texte sei es unwesentlich, dass sie zwischen
Subjekten (z. B. Autor und Leser) kommuniziert werden. Wesentlich sei
dagegen, dass sie "zwischen weiteren Texten stehen". Die
Intertextualitätstheorie sei damit eine konsequente Erweiterung der
These vom »"Tod
des Autors", einem literaturtheoretischen Konzept, das ursprünglich
auf einen Aufsatz von Roland Barthes zurückgeht. Sie zieht die
klassische Idee der vollständigen Kontrolle des Schriftstellers über
seine eigene Schöpfung nicht nur in Zweifel, sondern erklärt die Suche
nach der mutmaßlichen Intention des Autors für irrelevant. Zugleich
betont sie, dass Texte den "eigentlichen" Absichten eines Autors sogar
widersprechen können. Schließlich unterstreiche Kristeva, so Köppe/Winko
weiter, dass die poetische Sprache aufgrund ihres Verweisungscharakters
mehrdeutig (bzw., in Kristevas Terminologie, eine »doppelte«) sei.
Indem dem Text damit eine eigenständige "bedeutungsproduzierende
Selbständigkeit" (Martinez
1996/82008, S.442) konzeptionell zugestanden wird, löst
er sich auch "von der Instanz einer künstlerischen Gestaltungsabsicht
des Autors, dem Konzept eines geschlossenen Werkes und der Idee einer
dialogischen Kommunikation zwischen Subjekten" (ebd.)
ab. Dies verändert nicht nur die Rolle des Autors, der jetzt nicht mehr
das klassische "Schöpfergenie" repräsentiert, sondern nur noch den
"Schnittpunkt von Diskursen" (ebd.)
darstellt. Sein mit bestimmten Intentionen geschaffenes Werk wird zu
einem "ambivalenten Text" (ebd.).
Zu weiteren
grundlegenden Elementen der poststrukturalistischen
Intertextualitätstheorie zählen für
Köppe/Winko (2008, ebd.): die Ausweitung des
Textbegriffs, zeichentheoretische
Konsequenzen und ideologische
Implikationen.
So gehe Kristeva im
Anschluss an
»Michail Michailowitsch Bachtins (1895-1975)
Theorie der
Dialogizität von einem
weiten Textbegriff aus, "demzufolge
auch »Geschichte und Gesellschaft« Texte sind, die gelesen werden können
(Kristeva
1996, S. 335)." Das bedeutet, dass nicht nur "alles Geschriebene
einbezogen und zugrunde gelegt werden kann" (Paefgen
2006a, S.279), sondern "schlicht alles, zu dem man in ein Verhältnis
des Verstehens treten kann" (Köppe/Winko
2008,
ebd.) Intertextuelle Bezüge werden damit nicht auf sprachliche Texte
i. e. S. beschränkt, sondern bestünden zwischen semiotisch
beschreibbaren Gegenständen unterschiedlichsten Typs. Sie können auf auf
der Basis eines um Verstehen und Wahrnehmen erweiterten Begriffs ebenso
"gelesen" werden wie herkömmliche Texte.
Dieses "Konzept einer
totalen Intertextualität" (Jahraus
2004, S.330), bei dem "die gesamte Erfahrungswirklichkeit der
Menschen nichts anderes ist als ein einziger riesiger Text, der sich
beständig selbst transformiert und sich selbst reproduziert" (ebd.),
hat für
Jahraus (2004) allerdings nur noch wenig mit den konkreten
literarischen Ausprägungen von Intertextualität zu tun. Denn: "Wenn
jeder Text auf jeden anderen Text verweist und jedes Element der
Erfahrungswirklichkeit Text sein kann, ein Buch selbstverständlich
genauso wie beispielsweise ein Auto, ein natürliches wie ein künstliches
Objekt, dann wird die Welt zum prinzipiell unendlichen Text." (ebd.)
Zeichentheoretisch setzt sich Kristeva
von den klassischen Binäroppositionen ( z. B. wahr/falsch:
Signifikant/Signifikat)
ab, wie sie der strukturalistische literaturwissenschaftliche Ansatz im
Anschluss an •
Ferdinand de Saussures (1857-1913) Zeichentheorie vertrete.
Stattdessen oszilliere in ihrem Ansatz die poetische Sprache zwischen
verschiedenen Bedeutungen, Referenzen und Wahrheitswerten (vgl.
Kristeva
1996, S. 342)
Kristeva stellt, so
Köppe/Winko (2008, ebd.), das postrukturalistische Intertextualitätskonzept
als progressiv, subtil und subversiv dar, während "die klaren Oppositionen
der strukturalistischen Tradition [...] als politisch aufgeladen
(erscheinen) und (...) für Konservatismus und Rigidität (stehen)." Mit
diesen ideologischen Implikationen
verortet sie ihre Theorie auch in anderen gesellschaftlichen Diskursen.
So gesehen fällt das (vermeintliche) Weltbild des hermeneutischen
Deutungsansatzes und seiner Praxis mit seinem Glauben an das "Gespenst
der so genannten richtigen Interpretation" (Steinmetz 1995,
S.476) gegenüber der Progressivität des poststrukturalistischen
Intertextualitätskonzepts natürlich ab. Denn, so betrachtet, passt
dieses auch nicht mehr zur Welterfahrung heutiger Leserinnen und
Leser. Während diese sich in einer multipolaren, in unterschiedlichster
Weise miteinander vernetzten, auf wechselnden Identitäten und globaler
Sinnhaftigkeit entbehrenden Welt zurechtfinden müssen, gaukelt die
hermeneutische Interpretation nämlich "die Vorstellung einer sinnvollen Ordnung"
(Förster 2002,
S.237) vor, die sich zwischen den Polen Autor, Werk und Leser
konstituiert.
Allerdings teilen nicht alle, die akzeptieren, dass Intertextualität ein
wesentlicher Faktor der Textbedeutung und Sinnkonstruktion darstellt,
diese Auffassung und sind auch nicht bereit, Kategorien wie den "Autor",
das "Werk" oder den "Leser" aufzugeben.
Dementsprechend hat sich neben dem postrukturalistischen Konzept von
Intertextualität auch eine Richtung etabliert, die ein •
deskriptives hermeneutisch und strukturalistisch
Intertextualitätskonzept vertritt.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
17.02.2025