teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


deu.jpg (1524 Byte)

 

Intertextualität

Der Text als Mosaik von Zitaten (Julia Kristeva)

Grundlagen der Textanalyse und InterpretationAntihermeneutische Modelle

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
LiteraturAutorinnen und Autoren Literarische Gattungen Literaturgeschichte Motive der Literatur Grundlagen der Textanalyse und Interpretation Überblick Hermeneutische Modelle Antihermeneutische Modelle Überblick Dekonstruktivistisches Modell [ Intertextualität Überblick  • Literaturdidaktische Bedeutung Der Text als Mosaik von Zitaten (Julia Kristeva)Texte als Knotenpunkte im Netz verschiedener Diskurse (Michel Foucault) Intertextualität und kulturelles Gedächtnis ] Kontextuelles Modell • Sonstige Modelle Literatur und Stil Textauswahl Literaturunterricht Schreibformen  Operatoren im Fach Deutsch
 

 

Grundlagen der Textanalyse und Interpretation
Überblick
Hermeneutische Modelle
Überblick
Werkinterpretation
Rezeptionsästhetisches Modell
Intertextualität
Überblick
Literaturdidaktische Bedeutung
Markierungen und Referenzsignale
Aspekte einer systematischen Beschreibung

Textvergleich
Intertextuelle Lektüre
Intertextuelles Schreiben

 ▪ Zugänge zu literarischen Texten
Überblick
Kognitiv-analytische Zugänge
 
Überblick
Gattungswissen
Textanalysewissen
Literaturgeschichtliches Wissen
Autorenwissen
Intertextuelles Wissen

Theoriegeschichtlich ist der Intertextualititätsbegriff mit der • Theorie der Dekonstruktion verbunden, die »Jacques Derrida (1930-2004) in seiner "Grammatologie" (1967/51994) entwickelt hat. Danach ist im Gegensatz zu den Annahmen »Ferdinand de Saussures (1857-1913) und des sprachwissenschaftlichen »Strukturalismus ein »Signifkant nicht mit einem eindeutigen »Signifikat verknüpft, sondern die Sprache und der Sinn werden durch das Spiel der Signifikanten bestimmt. Sinn entsteht dabei erst durch die Bewegung in der Zeichenkette, in Verschiebungen und durch Differenzen (vgl. Welsch 1996, S. 255), durch ein Netz von textlichen Verweisen auf andere Texte (vgl. Derrida 1986a, S. 77) (vgl. Vögel 1998)

Die französische Literaturwissenschaftlerin und Schülerin Jaques Derridas »Julia Kristeva (geb. 1941), die den Begriff der Intertextualität im Jahr 1967 in die französische Literaturwissenschaft eingebracht hat, hat die nachfolgende vielzierte Aussage gemacht, die die »poststrukturalistische Auffassung von Intertextualität verdeutlicht:

"Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die poetische Sprache lässt sich zumindest als eine doppelte lesen." (Kristeva 1972, S.337)

Wenn Kristeva vom Text als double (Doppelzeichen) spricht, drückt sie aus, dass ein Text "neben dem manifesten immer noch einen latenten Text umfaßt." (Lachmann/Schahadat 1995, S.678)

Das einzelne Werk wird damit quasi als ein "offener" Text (Prinzip unendlicher Intertextualität) verstanden, der auf der lokalen Textebene weder eine feste Bedeutung besitzt noch einen Schlüssel zu seinem Verständnis liefert.Die Bedeutung eines literarischen Textes lässt sich von daher nur als "eine jeweils intertextuell fundierte Bedeutung" mit einer "unbegrenzten Auslegungsvielfalt" (Steinmetz 1995, S.478) denken.

Nach Köppe/Winko (2008, 7.4 Intertextualitätstheorien, Kindle-Version) werden in dem "Mosaik"-Zitat drei charakteristische Züge der poststrukturaliistischen Intertextualitätstheorie erkennbar: Universalität, ›Tod des Autors‹ und  Mehrdeutigkeit. So sage es aus, dass jeder Text in intertextuellen Bezügen zu anderen Texten stehe, Intertextualität ein universales Prinzip der Textkonstitution und keine Sache des bewussten Aufgreifens oder Zitierens eines Quellentextes sei. (Universalität). Kristevas Aussage, wonach "Intertextualität" an die Stelle von "Intersubjektivität" trete, lasse sich ganz wörtlich verstehen, denn für Texte sei es unwesentlich, dass sie zwischen Subjekten (z. B. Autor und Leser) kommuniziert werden. Wesentlich sei dagegen, dass sie "zwischen weiteren Texten stehen". Die Intertextualitätstheorie sei damit eine konsequente Erweiterung der These vom »"Tod des Autors", einem literaturtheoretischen Konzept, das ursprünglich auf einen Aufsatz von Roland Barthes zurückgeht. Sie zieht die klassische Idee der vollständigen Kontrolle des Schriftstellers über seine eigene Schöpfung nicht nur in Zweifel, sondern erklärt die Suche nach der mutmaßlichen Intention des Autors für irrelevant. Zugleich betont sie, dass Texte den "eigentlichen" Absichten eines Autors sogar widersprechen können. Schließlich unterstreiche Kristeva, so Köppe/Winko weiter, dass die poetische Sprache aufgrund ihres Verweisungscharakters mehrdeutig (bzw., in Kristevas Terminologie, eine »doppelte«) sei.

Indem dem Text damit eine eigenständige "bedeutungsproduzierende Selbständigkeit" (Martinez 1996/82008, S.442) konzeptionell zugestanden wird, löst er sich auch "von der Instanz einer künstlerischen Gestaltungsabsicht des Autors, dem Konzept eines geschlossenen Werkes und der Idee einer dialogischen Kommunikation zwischen Subjekten" (ebd.) ab. Dies verändert nicht nur die Rolle des Autors, der jetzt nicht mehr das klassische "Schöpfergenie" repräsentiert, sondern nur noch den "Schnittpunkt von Diskursen" (ebd.) darstellt. Sein mit bestimmten Intentionen geschaffenes Werk wird zu einem "ambivalenten Text" (ebd.).

Zu weiteren grundlegenden Elementen der poststrukturalistischen Intertextualitätstheorie zählen für Köppe/Winko (2008, ebd.): die Ausweitung des Textbegriffs, zeichentheoretische Konsequenzen und ideologische Implikationen.

So gehe Kristeva im Anschluss an »Michail Michailowitsch Bachtins (1895-1975) Theorie der Dialogizität von einem weiten Textbegriff aus, "demzufolge auch »Geschichte und Gesellschaft« Texte sind, die gelesen werden können (Kristeva 1996, S. 335)." Das bedeutet, dass nicht nur "alles Geschriebene einbezogen und zugrunde gelegt werden kann" (Paefgen 2006a, S.279), sondern "schlicht alles, zu dem man in ein Verhältnis des Verstehens treten kann" (Köppe/Winko 2008, ebd.) Intertextuelle Bezüge werden damit nicht auf sprachliche Texte i. e. S. beschränkt, sondern bestünden zwischen semiotisch beschreibbaren Gegenständen unterschiedlichsten Typs. Sie können auf auf der Basis eines um Verstehen und Wahrnehmen erweiterten Begriffs ebenso "gelesen" werden wie herkömmliche Texte.

Dieses "Konzept einer totalen Intertextualität" (Jahraus 2004, S.330), bei dem "die gesamte Erfahrungswirklichkeit der Menschen nichts anderes ist als ein einziger riesiger Text, der sich beständig selbst transformiert und sich selbst reproduziert" (ebd.), hat für Jahraus (2004) allerdings nur noch wenig mit den konkreten literarischen Ausprägungen von Intertextualität zu tun. Denn: "Wenn jeder Text auf jeden anderen Text verweist und jedes Element der Erfahrungswirklichkeit Text sein kann, ein Buch selbstverständlich genauso wie beispielsweise ein Auto, ein natürliches wie ein künstliches Objekt, dann wird die Welt zum prinzipiell unendlichen Text." (ebd.)

Zeichentheoretisch setzt sich Kristeva von den klassischen Binäroppositionen ( z. B. wahr/falsch: Signifikant/Signifikat)  ab, wie sie der strukturalistische literaturwissenschaftliche Ansatz im Anschluss an • Ferdinand de Saussures (1857-1913) Zeichentheorie vertrete. Stattdessen oszilliere in ihrem Ansatz die poetische Sprache zwischen verschiedenen Bedeutungen, Referenzen und Wahrheitswerten (vgl. Kristeva 1996, S. 342)

Kristeva stellt, so Köppe/Winko (2008, ebd.), das postrukturalistische Intertextualitätskonzept als progressiv, subtil und subversiv dar, während "die klaren Oppositionen der strukturalistischen Tradition [...] als politisch aufgeladen (erscheinen) und (...) für Konservatismus und Rigidität (stehen)." Mit diesen ideologischen Implikationen verortet sie ihre Theorie auch in anderen gesellschaftlichen Diskursen. So gesehen fällt das (vermeintliche) Weltbild des hermeneutischen Deutungsansatzes und seiner Praxis mit seinem Glauben an das "Gespenst der so genannten richtigen Interpretation" (Steinmetz 1995, S.476)  gegenüber der Progressivität des poststrukturalistischen Intertextualitätskonzepts natürlich ab. Denn, so betrachtet, passt dieses auch nicht mehr zur Welterfahrung heutiger Leserinnen und Leser. Während diese sich in einer multipolaren, in unterschiedlichster Weise miteinander vernetzten, auf wechselnden Identitäten und globaler Sinnhaftigkeit entbehrenden Welt zurechtfinden müssen, gaukelt die hermeneutische Interpretation nämlich "die Vorstellung einer sinnvollen Ordnung" (Förster 2002, S.237) vor, die sich zwischen den Polen Autor, Werk und Leser konstituiert.

Allerdings teilen nicht alle, die akzeptieren, dass Intertextualität ein wesentlicher Faktor der Textbedeutung und Sinnkonstruktion darstellt, diese Auffassung und sind auch nicht bereit, Kategorien wie den "Autor", das "Werk" oder den "Leser" aufzugeben. Dementsprechend hat sich neben dem postrukturalistischen Konzept von Intertextualität auch eine Richtung etabliert, die ein • deskriptives hermeneutisch und strukturalistisch Intertextualitätskonzept vertritt.

 

Grundlagen der Textanalyse und Interpretation
Überblick
Hermeneutische Modelle
Überblick
Werkinterpretation
Rezeptionsästhetisches Modell
Intertextualität
Überblick
Literaturdidaktische Bedeutung
Markierungen und Referenzsignale
Aspekte einer systematischen Beschreibung

Textvergleich
Intertextuelle Lektüre
Intertextuelles Schreiben

 ▪ Zugänge zu literarischen Texten
Überblick
Kognitiv-analytische Zugänge
 
Überblick
Gattungswissen
Textanalysewissen
Literaturgeschichtliches Wissen
Autorenwissen
Intertextuelles Wissen

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.02.2025

    
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und Zeitmanagement Kreative Arbeitstechniken Teamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche Kommunikation Visualisieren PräsentationArbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 

 
  Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz