Sonett und vierfacher Schriftsinn
Winfried Freund (1990)

  Der Aufbau der Sonettform in zwei Quartette und zwei Terzette kommt der argumentativen Gedankenführung nach dem vierfachen Schriftsinn wie keine andere lyrische Dichtart entgegen. Streng verteilt sind die einzelnen hermeneutischen Schritte auf jeweils eine Sonetteinheit: der Wortsinn auf das erste Quartett, der allegorische Sinn auf das folgende und der moralische Sinn auf das erste Terzett, gefolgt im abschließenden Terzett vom heilsgeschichtlich-anagogischen Sinn. Die Zäsur zwischen den Vier- und Dreizeilern entspricht im wesentlichen der wachsenden Distanzierung vom Vordergründig-Irdischen. Entwickelt sich der allegorische Sinn noch ganz aus dem Wortsinn, so hebt der moralische Sinn schon von der Bindung an das Weltliche ab und bereitet die Transzendierung als Ziel des Argumentationsprozesses vor.
Dem klaren, stringente Gedankenführung ermöglichenden Aufbau des Sonetts entspricht seine prosodische und klangliche Organisation. Der breit ausladende Alexandriner, mit seinen zwölf Silben ungewöhnlich lang für eine Gedichtzeile, ist das angemessene Medium gedanklicher Auseinanderfaltung. Die identischen Reimpositionen und die streng durchgeführte Zweireimigkeit in den Quartetten verweisen auf den Zusammenhang von Wortsinn und allegorischer Auslegung, auf die irdische Verknüpfung von Erscheinung und Wesen.

(aus: Freund 1990, S.15f.)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, inwiefern der Aufbau des Sonett der gedanklich-hermeneutischen Struktur der Lehre vom vierfachen Schriftsinn entspricht. (Allegorese)
  2. Zeigen Sie diese Struktur als Kompositionsprinzip an verschiedenen Sonetten aus der Literaturepoche Barock auf.
    z.B. Sonette von Andreas Gryphius: Abend, Ebenbild unseres Lebens, Es ist alles eitel, Tränen des Vaterlands

Winfried Freund, Das Abendgedicht von Andreas Gryphius in der Allegorese - Allegorese (Diagramm)

  

 
                 
   
         


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