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Sonett

Überblick


  Die lyrische Form des Sonetts (ital. sonetto = kleiner Tonsatz von lat. sonare = klingen) ist ein Reimgedicht mit einer bestimmten Strophenform.
  • Das Sonett stellt eine italienische Schöpfung dar und findet mit Petrarca (1304-1374) in der Renaissance ihren ersten Höhepunkt.
  • Es besteht aus zwei Quartetten (zwei vierzeilige Strophen) und zwei Terzetten (zwei dreizeilige Strophen).
  • Durch die vorhandene Zäsur zwischen den Quartetten und Terzetten eignet sich das Sonett besonders gut  für die Gedankendichtung mit ihren Strukturen wie Satz (These) und Gegensatz (Antithese), Frage und Antwort, Problem und Lösung, Erlebnis und allgemeine Anwendung, Gedankenspiel und Fazit (vgl. Bantel 1963, S.84)

Nach Walter Mönch (1955, S,16) lassen sich vier Grundtypen des Sonetts unterscheiden. Die unterschiedliche Art der Reimverschränkung fußt dabei auf verschiedenen historischen Traditionen.

Gedankenführung und klangliche Gestalt im Dienste der Lehre vom vierfachen Schriftsinn

Dabei ist die Aufteilung eines Sonetts in zwei Quartetten und zwei Terzette deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie, wie Freund (1990, S.15f.) betont, "der argumentativen Gedankenführung nach dem vierfachen Schriftsinn wie keine andere lyrische Dichtart entgegen(kommt)." Der Erkenntnisgewinn des Gedankenganges, den ein Sonett gestaltet und beim Rezipienten ermöglichen will, sei dabei nämlich ganz streng auf je eine Sonetteinheit verteilt: "Der Wortsinn auf das erste Quartett, der allegorische Sinn auf das folgende und der moralische Sinn auf das erste Terzett, gefolgt im abschließenden Terzett vom heilsgeschichtlich-anagogischen Sinn. Die Zäsur zwischen den Vier- und Dreizeilern entspricht im wesentlichen der wachsenden Distanzierung vom Vordergründig-Irdischen. Entwickelt sich der allegorische Sinn noch ganz aus dem Wortsinn, so hebt der moralische Sinn schon von der Bindung an das Weltliche ab und bereitet die Transzendierung als Ziel des Argumentationsprozesses vor." (ebd.)

So klar und stringent wie sich die Gedankenführung im Aufbau eines Sonetts niederschlägt, zeigt sie sich auch bei Klang und Betonung etc. ("prosodische und klangliche Organisation"). So ist nach Freund (1990, S.15f.) "der breit ausladende Alexandriner, mit seinen zwölf Silben ungewöhnlich lang für eine Gedichtzeile, (...)  das angemessene Medium gedanklicher Auseinanderfaltung."  Dabei verwiesen "die identischen Reimpositionen und die streng durchgeführte Zweireimigkeit in den Quartetten (...) auf den Zusammenhang von Wortsinn und allegorischer Auslegung, auf die irdische Verknüpfung von Erscheinung und Wesen." (vgl. ebd.)

Mal im Trend, mal out: Das Sonett zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert

Das Sonett kommt im 18. Jahrhundert zunächst nahezu gänzlich aus der Mode und gewinnt erst mit der Literaturepoche der Romantik wieder an Boden. Bis in unsere Tage hinein sieht man das Sonett allerdings wegen seiner strengen Form und seines antithetischen Baus als Idealform des Kunstgedichtes an. Produktionsästhetisch betrachtet stellt, wie Waldmann (1998, S.259f.) darstellt,  "die komplizierte Aufbauform (...) hohe Anforderungen an die Formgestaltung und kann dazu führen, dass die Erfüllung der Formforderungen zu viel Gewicht erhält, wenn nicht gar Selbstzweck wird." Und auch die starke Betonung des Reims wirkt heute etwas antiquiert. Und zuguterletzt scheint auch eine Form, die so sehr durchkomponiert, gegliedert und geschlossen daherkommt, nicht besonders gut geeignet problematische Themen zu gestalten, denn hier könnte dies "eine unangemessen glättende und harmonisierende Wirkung haben." (ebd.) 

Das hat der Sonettform im 20. Jahrhundert aber nicht wirklich geschadet, denn Sonette sind auch immer wieder verwendet worden, um gesellschaftliche Probleme darzustellen. So haben expressionistische Lyriker auch mit Sonetten ihre Kritik an Zeit und Kultur artikuliert: "die industrielle Arbeitswelt (z.B. Paul Zech) und die politische und soziale Revolution (z.B. Rudolf Leonhardt) zum Gegenstand; während der Zeit des Faschismus drückt es im Exil (z.B. Brecht, Becher) und im deutschen Widerstand (z.B. Reinhold Schneider) u. a. den Protest gegen die Gewaltherrschaft aus; in der Bundesrepublik formuliert es seit den sechziger Jahren engagierte Sozial- und Systemkritik. Die äußere Form des Sonetts wurde dabei allerdings nicht selten abgebaut. [...]"(ebd.) 

Die Abwendung vom Reim

Wenn moderne Lyriker Sonette verfassen, tun sie dies häufig unter Verzicht auf den Reim. Sie verwenden stattdessen freie Rhythmen oder freie Verse ohne Reim. Im Übrigen hat, worauf Waldmann (1998, S.259f.) dabei hinweist, schon Gryphius ein reimloses Sonett geschrieben. Auch wenn ein ungereimtes Sonett, das in freien Versen verfasst ist, nach Waldmann "einen Teil der es - vor allem über den Reim - bestimmenden Formmerkmale (verliert)", mit der Beibehaltung der Strophenform weise es aber noch so viel an spezifischen Merkmalen seiner inneren Form auf, dass es immer noch als lyrische Form deutlich bestimmt ist und ertragreich sein könne. (vgl. ebd) Dies wird z. B. an dem nachfolgenden "Ehegedicht" von Günter Herburger deutlich, das die Aufteilung in Quartette und Terzette nutzt und dabei seinen Gedanken über die psychsoziale Entwicklung der Ehepartner in zeitgenössischen Ehen zum Ausdruck bringt.

Geliebt haben wir uns,
dass das Gras um uns sich entzündete.
doch die Glut schadete uns nicht,
so selbstvergessen waren wir.

Verfolgt haben wir uns,
dass wir uns bis ins Mark trafen,
doch die Wunden schlossen sich wieder,
da kein Blut aus ihnen kam.

Seitdem wir uns aber geeinigt haben,
zusammen alt zu werden,
verwandelt sich die Liebe in Behutsamkeit

und das Blut, das mitunter
nun aus den Rissen quillt, schmerzt
Tropfen um Tropfen wie heißes Wachs.

(aus: Günter Herburger, Ziele. Gedichte, Reinbek: Rowohlt 1977, S.52)

 

 
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   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, inwiefern der Aufbau des Sonett der gedanklich-hermeneutischen Struktur der Lehre vom vierfachen Schriftsinn entspricht. (Allegorese)
  2. Zeigen Sie diese Struktur als Kompositionsprinzip an verschiedenen Sonetten aus der Literaturepoche Barock auf.
    z.B. Sonette von Andreas Gryphius: Abend, Ebenbild unseres Lebens, Es ist alles eitel, Tränen des Vaterlands
  3. Arbeiten Sie heraus, welche Problematik der Form sich bei der Gestaltung eines Sonetts ergeben kann.
  4. Wie entwickelt sich die Sonettform im 20. Jahrhundert? Untersuchen Sie das »Ehegedicht« von Günter Herburger auf die Veränderung der Sonettform.

 →Allegorese
 

 
     

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