Der Begriff Parabel stammt aus der antiken
Rhetorik. In der
altgriechischen Sprache bedeutet »para« daneben und »ballein« werfen,
Parabel also etwa das Nebeneinanderwerfen.
Wer auf dem antiken Forum als politischer Redner in einer bestimmten Sache
etwas erreichen wollte, tat gut daran, komplizierte Sachverhalte möglichst
mit Beispielen, Bildern oder erfundenen Beispielgeschichten zu
veranschaulichen. Diese "Erfindungen" (erdichteten Paradigmen) waren wegen
ihrer die jeweilige Argumentation verstärkenden Wirkung äußerst beliebt. Und
so legt zum Beispiel der griechische Philosoph Sokrates (469-399 v. Chr.)
dar, wie unsinnig die Anwendung eines Losverfahrens zur Bestimmung von
Athleten ist, um damit analog zu zeigen, dass die Führer eines Staates
ebenso wenig per Los bestimmt werden können.
Der Parabelbegriff wurde in der Folgezeit auch auf biblische Gleichnisse
angewendet, insbesondere im Neuen Testament (z. B. Gleichnis vom verlorenen
Sohn, Parabel vom Sämann).
Im 17. und 18. Jahrhundert lösten vor allem
Johann Gottfried Herder (1744-1803) und
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), aber auch
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) die Parabel wieder aus ihrem
religiösen Bezugsrahmen. Während Herder in der Parabel eine Gleichnisrede
mit einem allgemein gültigen Thema sieht, die mehr der Ver- statt Enthüllung
einer Lehre diene, grenzt Lessing die Parabel insbesondere von der Fabel ab.
Während jene nämlich eher die Darstellung einer Möglichkeit sei, stelle die
Fabel die Wirklichkeit dar. Und Goethe ist der Meinung, dass die Parabel
über die in ihr vorhandene Handlungsstruktur hinausweise. Beispielhaft für
die Auffassung und Gestaltung der Parabel durch Lessing ist dessen
Gestaltung der Ringparabel«
in
Nathan der Weise(1779), die er Boccacios Dekameron
entnommen hat. Besonderes Gewicht hat die Parabel auch in
Friedrich Schillers (1759-1805) "Die Verschwörung des Fiesko zu
Genua" (1783) (II,8). Seit dieser Zeit wird der Begriff Parabel als
literarischer Fachterminus benutzt und zur Kennzeichnung der Textsorte
verwendet.
In der modernen Literatur umfasst der Begriff Parabel kein eindeutig von
anderen Textsorten abgrenzbare Gruppe von Texten. Mal dient er einfach als
Sammelbegriff für alle möglichen literarischen Formen, in denen ein "Autor
nur indirekt, mittels einer Beispielgeschichte mitteilt, was er sagen will."
(van
Rinsum 1986b, S.13) So kann man daher auch sagen: "Parabolisch kann jede
Gattung sein: ein Roman wie "Der Prozess" von Franz Kafka; das Drama "Der
gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht; das Drama "Andorra" von Max
Frisch, das Gedicht "Ende der Kunst von Reiner Kunze." (ebd.) Unter diesem
Blickwinkel kann man auch Ivo Braak (1969) folgen, der betont, dass "bei
Einbeziehung moderner Dichtung [...] die Bezeichnung Parabel als
Gattungsbegriff zu eng" geworden sei. (Braak
1969, S.164) Dies führt natürlich in letzter Konsequenz zur
Problematik von Gattungsbegriffen überhaupt.