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Es gibt, wie im Übrigen bei nahezu
allen anderen • Literaturgattungen
bzw.
Textsorten, keine eindeutig und abgeschlossene Anzahl
von Merkmalen oder Merkmalkombinationen, die für alle Texte, die gemeinhin
zu den • Kurzgeschichten gezählt werden, gleichermaßen gelten.
Eine "stichhaltige Theorie", die die Kurzgeschichte "anhand
allgemeingültiger Merkmale und invarianter Gemeinsamkeiten überzeugend"
• definiert, gibt es, wie Anne-Rose
Meyer
(2014, S.19) betont, bis heute nicht.
Daher kann der Begriff Kurzgeschichte
auch im Rahmen
•
klassifikatorischer
Verfahren der • normativen
Gattungspoetik lediglich als Ordnungsprinzip verstanden werden, das sich nicht immer und
in jedem einzelnen Fall reibungslos auf einen konkreten Text anwenden lässt.
(vgl.
Müller-Dyes
1996,
S.327)
Am ehesten überzeugt
das •
Prinzip der Familienähnlichkeit, um über bestimmte
Merkmalsübereinstimmungen der Texte, die bei allen "Familienmitgliedern"
aber nicht dieselben sein oder auch in einer immer gleichen Anzahl
vorhanden sein müssen, gattungskonstitutive Merkmale ableiten zu können.
(vgl.
Meyer
2014, S.19)
Unter diesen Prämissen sind
für Meyer
(2014, S.24) Kurzgeschichten "Prosatexte, die in narrativer und
sprachlicher Hinsicht einer strengen Ökonomie unterworfen sind. Inhaltlich
wie thematisch bieten sie dem Leser Anknüpfungspunkte, indem häufig
Alltagssituationen und/oder menschliche Verhaltensweisen, Gedanken und
Ansichten so behandelt werden, dass sie verallgemeinbar sind, also einen
überindividuellen Hintersinn erkennen lassen. Dadurch, dass in den meisten
Kurzgeschichten mit Andeutungen gespielt wird und Geschehnisse und
Charaktere dadurch, aber auch durch das äußerst knapp gehaltene epische
Gerüst rätselhaft oder ambivalent erscheinen, können Interpretationen u. U.
nur schwer abgesichert werden."
Allgemeine Merkmale
Die vielfältigen unterschiedlichen Listen zu den Merkmalen von Kurzgeschichten, die
zusammengestellt worden sind, folgen oftmals keiner verbindlichen Beschreibungsterminologie und
weisen häufig neben
gemeinsamen, auch unterschiedliche Merkmale ausweisen.
Welche Merkmale letzten Endes auch zum Verstehen der Texte beitragen ist
eine zumindest offene Frage. So betont
Wieser
(2016, S.47), dass das Wissen über den unvermittelten Beginn und das
offene Ende "für die Bestimmung eines Textes als Kurzgeschichte häufig wenig
leisten, für das Verstehen einer Kurzgeschichte erscheint die
Wirkungslosigkeit fast ausgemacht."
Der hier
zusammengestellte Katalog stellt die
wichtigsten Merkmale der Kurzgeschichte im deutschsprachigen Raum für den
Literaturunterricht zusammen. Dabei werden strukturelle, thematische Aspekte
und sprachlich-stilistische Merkmale aufgelistet, die sich für die •
schulische Textinterpretation von Kurzgeschichten eignen.

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(vgl.
u. a.
Metzler-Literatur-Lexikon, 1990, S.257;
vgl.
Baurmann
1986, S.197) )
Sprachlich-stilistische Gestaltung
Die sprachlich-stilistische
Gestaltung vieler Kurzgeschichten spiegelt in gewisser Weise die
gattungstypische Kürze der Textsorte wider. Dazu gehören häufig Merkmale,
wie:
Beispiel
In der Kurzgeschichte "Brief
aus Amerika" von Johannes Bobrowski, deren Anfang wir hier wiedergeben, ist ein
besonders gutes Beispiel, an dem man die Merkmale von Kurzgeschichten
herausarbeiten kann. Dies gilt für thematische Aspekte, Erzähltechniken
und sprachlich-stilistische Gestaltung gleichermaßen. Erzählt wird
darin, wie eine alte Frau, die allein in ihrem Haus lebt, aus einem
Brief ihres nach Amerika ausgewanderten Sohnes erfährt und damit umgeht,
dass dieser sie wohl nie mehr besuchen wird.
"Brenn mich, brenn mich, brenn mich, singt
die alte Frau und dreht sich dabei, hübsch langsam und bedächtig, und jetzt schleudert
sie die Holzpantinen von den Füßen, da fliegen sie im Bogen bis an den Zaun, und sie
dreht sich nun noch schneller unter dem Apfelbäumchen. Brenn mich, liebe Sonne, singt sie
dazu. Sie hat die Ärmel ihrer Bluse hinaufgeschoben und schwenkt die bloßen Arme, und
von den Ästen des Bäumchens fallen kleine, dünne Schatten herab, es ist heller Mittag,
und die alte Frau dreht sich mit kleinen Schritten. Brenn mich, brenn mich, brenn mich. Im Haus auf dem Tisch liegt ein Brief. Aus Amerika. Da steht zu lesen: Meine liebe Mutter. Teile dir mit, dass wir nicht zu Dir reisen werden. Es sind nur ein
paar Tage, sag ich zu meiner Frau, dann sind wir dort, und es sind ein paar Tage, sage
ich, Alice, dann sind wir wieder zurück. Und es heißt: ehre Vater und Mutter, und wenn
der Vater auch gestorben ist, das Grab ist da, und die Mutter ist alt, sage ich, und wenn
wir jetzt nicht fahren, fahren wir niemals. Und meine Frau sagt: hör mir zu, John, sie
sagt John zu mir, dort ist es schön, das hast du mir erzählt, aber das war früher. Der
Mensch ist jung oder alt, sagt sie, und der junge Mensch weiß nicht, wie es sein wird,
wenn er alt ist, und der alte Mensch weiß nicht, wie es in der Jugend war. Du bist hier
etwas geworden, und du bist nicht mehr dort. Das sagt meine Frau. Sie hat Recht. Du
weißt, ihr Vater hat uns das Geschäft überschrieben, es geht gut. Du kannst deine
Mutter herkommen lassen, sagt sie. Aber Du hast ja geschrieben, Mutter, dass Du nicht
kommen kannst, weil einer schon dort bleiben muss, weil alle von uns weg sind. Der Brief ist noch länger. Er kommt aus Amerika. Und wo er zu Ende ist, steht: Dein Sohn
Jons. Es ist heller Mittag, und es ist schön. Das Haus ist weiß. An der Seite steht ein Stall.
Auch der Stall ist weiß. Und hier ist der Garten. Ein Stückchen den Berg hinunter steht
schon das nächste Gehöft, und dann kommt das Dorf, am Fluss entlang, und die Chaussee
biegt heran und geht vorbei und noch einmal auf den Fluss zu und wieder zurück in den
Wald. Es ist schön. Und es ist heller Mittag. Unter dem Apfelbäumchen dreht sich die
alte Frau. Sie schwenkt die bloßen Arme. Liebe Sonne, brenn mich, brenn mich.
[...]"
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
11.05.2025
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