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Bausteine: Gleichnis

Das Wesen der Gleichnisse Jesu

Adolf Jülicher (1857-1938)

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
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Definition

Adolf Jülicher (1857-1938), Das Wesen der Gleichnisse Jesu (1910)

"Jeder Rhetoriker und jeder Redner oder Dichter der neueren Zeit versteht unter Parabel, Fabel und Allegorie etwas andres. (50)

Ich definiere das Gleichnis als diejenige Redefigur, in welcher die Wirkung eines Satzes (Gedankens) gesichert werden soll durch Nebenstellung eines ähnlichen, einem andern Gebiet angehörigen, seiner Wirkung gewissen Satzes. Ausgeschossen ist damit jede Verwechslung und Vermengung mit der Allegorie als derjenigen Redefigur, in welcher eine zusammenhängenden Reihe von Begriffen (ein Satz oder Satzkomplex) dargestellt wird vermittelst einer zusammenhängenden Reihe von ähnlichen Begriffen aus einem andern Gebiete. [...]

Jesu Gleichnisse sind klar und unmissverständlich gewesen: aber wir besitzen sie eben nur in verstümmelter Form. Namentlich das abgekürzte Gleichnis, bei dem die Sachhälfte entweder ganz fortgelassen worden oder nur in einem Ansatz vorhanden ist, erlangt die Klarheit durch den Zusammenhang, in den der Redner es stellt, die meisten Reden Jesu aber, auch die parabolischen, sind uns leider zusammenhangslos oder in falscher Verbindung aufbewahrt worden. Kurzen Denksprüchen, präzis formulierten Geboten schadet das wenig; die Bildrede verliert durch Loslösung von ihrem Mutterboden, es sei denn, dass sie von Hause aus in Vereinzelung, wie das Rätsel wohl stets, vorgetragen wird. Jesu Gleichnisse sind, wie auch die Evangelisten noch fühlen, größtenteils innerhalb größerer Reden, bei bestimmten Veranlassungen zu Angriffs- oder Verteidigungszwecken gesprochen werden: sobald wir das den ersten Hörern immer bekannte Thema nicht kennen oder von unsern Berichterstattern auf falsche Bahnen gewiesen werden, muss Unsicherheit in der Exegese Platz greifen. Aber das ist nicht die Schuld der Redeform, so wenig wie des Redners, sondern lediglich der Überlieferung. Das edler Rhetorische lässt sich nicht ohne Schaden von seinem Platz reißen und in Magazinen für spätere Borger aufspeichern; was fein und lieblich ist, in der Sprache wie im Gedanken, muss man in seiner Heimat studieren! (91)

Indess der Kreis der Parabeln Jesu reicht weiter. Gerade die berühmtesten synoptischen παραβολαί sind bisher von uns noch nicht erwähnt worden. Wir unterscheiden sie von den eigentlichen Gleichnissen als eine besondere Klasse, und der Bibelleser hat von jeher solch einen Unterschied empfunden, die hermeneutische Kunst sich wenigstens bemüht ihn begrifflich festzulegen. (92)

Die volle Gleichartigkeit zwischen »Bild« und »Sache« ist hier verschwunden. Das Bild liegt immer in der Vergangenheit, die Sache nicht- Beim Gleichnis verstand sich die Identität der Zeitform auf beiden Seiten von selbst. Und das scheint nicht der einzige Unterschied zu sein. Das Bild im Gleichnis ist der jedermann zugänglichen Wirklichkeit entnommen, weist hin auf Dinge, die jeden Tage geschehen, auf Verhältnisse, deren Dasein der schlechteste Wille anerkennen muss (...) Hier dagegen werden uns Geschichten erzählt, frei von Jesus erfundene, zum Teil mit einer selbst in kleineren Nebenzügen verschwenderischen Ausführlichkeit; nicht, was jeder tut, was gar nicht anders sein kann, wird uns vorgehalten, sondern was einmal jemand getan hat, ohne zu fragen, ob andre Leute es auch so machen würden. (93)

Wir finden zunächst dieselbe Redeform wieder wie bisher, nur in einer höheren Potenz. Die παραβολαί der zweiten Klasse unterscheiden sich von den reinen Gleichnissen nicht mehr als die allegorische Erzählung von dem allegorischen Satz (...), so dass wir mit dem Namen Gleichniserzählung auskämen. Aber längst ist uns ein besonderer Name für diese Redeformen geläufig: die Fabel. (94)

Die Mehrzahl der παραβολαί Jesu, die erzählende Form tragen, sind Fabeln, wie die des Stesichoros und des Aesop. Ich kann die Fabel nur definieren als Redefigur, in welcher die Wirkung eines Satzes (Gedankens) gesichert werden soll durch Nebenstellung einer auf einem anderen Gebiet ablaufenden, ihrer Wirkung wegen erdichteten Geschichte, deren Gedankengerippe den jenes ähnlich ist. Die Zweigliedrigkeit ist hiermit der Fabel wie dem Gleichnis zugesprochen. Den hierhergezogenen »Parabeln« kann man sie wohl nicht abstreiten, denn ihre fast konstante Einleitung: das Himmelreich ist ähnlich ... hat bloß Sinn, wenn von zwei verschiedenen Objekten die Rede ist. (...) es bedeutet etwa: Im Himmelreich geht es so her wie in der folgenden Geschichte; oder: Im Himmelreich wird nach dem Gesetz verfahren, das in folgender Erzählung herrscht. (...) Selbst einem Lessing gegenüber, den auch hier HERDER in Feinfühligkeit übertraf, werden wir als das Fundament den Satz festhalten, (...) dass die Fabel nicht dem Dichter ihren Ursprung verdankt, sondern dem Redner. Nicht gesungen oder geschrieben worden sind die ältesten Fabeln, sondern gesprochen, erfunden im Augenblick und für den Augenblick und nicht um eine Weisheitsregel oder einen ethischen Lehrsatz anschaulich vorzutragen, sondern um eine schwierige Situation, in der sich der Redner befand, zu klären, um ihre Auffassung und Beurteilung, die er wünschte, zu sichern.

So lange die Fabel Fabel bleibt, will sie nicht zur Unterhaltung, sondern zur Belehrung dienen, und das nicht nur durch Einprägung der langweiligen abstrakten Morallehren oder Klugheitsregeln, die z. B. Phaedrus schon seinen Fabeln anhängte, sondern durch Herausbildung eines gereiften Urteils für die unzähligen Schwierigkeiten des eignen Lebens.  Die Bildhälften guter Fabeln mochte sich der gelehrige Hörer aufheben, um bei ähnlichen Gelegenheiten sein Tun oder Lassen wiederum daneben zu stellen: sie verlangen die Ergänzung eben nicht einen allgemeinen Satz, der in ihnen steckt oder über ihnen liegt, sondern einen gerade so besonderen Fall aus der Gegenwart wie der, den sie aus grauer Vorzeit berichten. Herder hat wahrlich recht mit seinem Satz, eine richtige Fabel sei eigentlich nur die »zusammengesetzte«!

Wer diese Ausführungen über die Fabel anerkennt, wird sich der Gleichsetzung der erzählenden παραβολαί Jesu mit den Fabeln nicht mehr widersetzen. Lessing zwar und viele Neuere behaupten, die Parabel begnüge sich mit der Möglichkeit (...). (100)

Die »Parabeln« Jesu stehen künstlerisch, rhetorisch durchschnittlich höher als die des Nathan, der wir die in Jes 5 an die Seite stellen könnten. Jesus erzählt da wie die Fabulisten Aesop, Stesichoros, »Bidpai« eine Begebenheit aus dem täglichen Leben, doch nicht um den Hörern die Zeit zur vertreiben, sondern nach dem Leben, mit strengster Beobachtung der Wahrscheinlichkeit. Nun tritt in jedem richtig aufgefassten Vorgang des Lebens ein Gesetz, ein festes Verhältnis zu Tage, und dies Gesetz, diese Ordnung soll der Hörer bemerken, um sie dann auch auf höherem Gebiet, dem des religiösen, des inneren Lebens zu erkennen und sich nach ihr zu richten. Von Deutung kann in den Parabeln keine Rede sein.  (...) Mehrfach zeigt noch die Tradition, wie sie ein gewisses Gefühl dafür bewahrt hat, dass die Ähnlichkeit zwischen Bild und Sache in der Parabel auf auf der Gleichheit des Gesetzes beruht, das in beiden erscheinen; daher solche Zufügsel hinter den Parabeln, wie sie bei den Fabeln unter dem Namen Epimythien begegnen (...). Christus hat mindestens einen Teil seiner Parabeln so erzählt, wie ursprünglich jede Fabel erzählt worden; bei einem bestimmten Anlasse, wo seine Himmelreichsgenossen Unkenntnis ihrer Pflichten zeigten, hat er ihr Urteil und dadurch ihr Verhalten zunächst bezüglich des vorliegenden Falles zurechtrückenwollen, indem er ihnen eine erdichtete Geschichte vorführte, einem ihnen durchaus zugänglichen Gebiet des niederen Lebens entnommen (...), wo ihr Urteil nicht schwanken konnte, wo sie alles in Ordnung fanden, um ihnen dann zu sagen: Nun, in dem uns jetzt beschäftigenden Falle gilt dieselbe Ordnung, denn da findet ihr dieselben Verhältnisse. Leider hat man nicht aufbewahrt, wann und zu welchem Vorfall der Herr seine Parabeln erfunden habe; (103f.)

Die Parabel deutet, sie kann nicht gedeutet werden. Dass einmal zufällig ein Begriff der Bildseite auch noch eine besondere Ähnlichkeit mit einem entsprechenden der andern Seite aufweist, kommt selbstverständlich vor, braucht aber nicht vom Fabulisten beabsichtigt, nicht einmal bemerkt zu sein; nie haben wir ein Recht, in seinem Namen über solche Ähnlichkeiten zu philosophieren, wenn er nicht ausdrücklich darauf hinzeigt. (106)

Eine richtig und vollständig überlieferte παραβολή bedarf keines deutenden Wortes, verträgt nicht einmal eins, denn alles in ihr ist deutlich. Namentlich in dem bildlichen Teil, d. h. dem, der von der Phantasie des Sprechenden geschaffen oder doch herbeigezogen wird, ist jedes Wort eigentlich zu verstehen. Die παραβολαί sind rhetorische, nicht poetische Formen. Drei Klassen sind unter den synoptischen »Parabeln« zu unterscheiden, von denen zwei eine frei erfundene Erzählung, eine eine allgemein anerkannte Erfahrung aus dem Gebiet des täglichen Lebens bieten. Letztere ist das Gleichnis, die andern sie die Parabel im engeren Sinn, d. h. die Fabel im Dienst religiöser Ideen und die Beispielerzählung. Die Grundform von allen ist die ebenfalls bei Jesus nicht seltene Vergleichung. Wie jede παραβολή ein einheitlich geschlossenes Ganzes ausmacht, will jede auch nur einen Satz, einen Gedanken, sei es durch eine von fremdem Boden hergeholte Stütze befestigen, sei es durch Individualisierung veranschaulichen und einprägen. Eine absonderliche Lehrweise oder Redeweise hat Jesus in diesen παραβολαί nicht für sich ersonnen; (...) Seine Bilder bewegen sich auf den Gebieten des täglichen Lebens, scheuen sich auch nicht, das Niedrige, das Sündige zu benutzen: »alles ist Eurer« lautet ihr Grundsatz; um Klarheit auszugießen über das Hohe und Göttliche, über Angelegenheiten des Gottesreichs, um das Himmlische seinen sinnbefangenen Hörern zugänglich zu machen, hat er freundlich von dem Allbekannten sie aufwärts geleitet zu dem Unbekannten, hat er an den Bändern der Ähnlichkeit ihre Seelen von dem Gemeinen hinausgezogen zum Ewigen. Die ganze Welt, auch das Weltliche in ihr, hat er in sein seinen Dienst genommen mit königlicher Großherzigkeit, um die Welt zu überwinden, mit ihren Waffen hat er sie geschlagen. Kein Mittel hat er unversucht gelassen, kein Mittel des Worts, um das Wort Gottes an und in die Herzen seiner Hörer zu bringen, nur die Allegorie, die nicht verkündigt, sondern verhüllt, die nicht offenbart, sondern verschließt, die nicht verbindet, sondern trennt, die nicht überredet, sondern zurückweist, diese Redeform konnte der klarste, der gewaltigste, der schlichteste aller Redner für seine Zwecke nicht gebrauchen. (117f.)

(aus: Adolf Jülicher (1976), Die Gleichnisreden Jesu, zit. n. Dithmar 1982, S.197-202)

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Definition

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 10.11.2020

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche verschiedenen "Klassen" bzw.  Formen von Parabeln (παραβολαί) unterscheidet Jülicher?
  2. Stellen Sie die Definitionen des Gleichnisses, der Fabel und der Parabel nebeneinander und vergleichen Sie sie. Um welchen ▪ Typ von Definition handelt es sich?
  3. Arbeiten Sie heraus: Worauf stützt Jülicher seine These, wonach die Gleichnisse "klar und unmissverständlich" gewesen seien?
  4. Wie wirkt sich dies auf das sogenannte "abgekürzte Gleichnis" aus?
  5. Erläutern Sie die These des Autors: "was fein und lieblich ist, in der Sprache wie im Gedanken, muss man in seiner Heimat studieren!" im Zusammenhang mit der Rezeption von biblischen Gleichnissen, wie sie sich der Autor vorstellt?
  6. Wie begründet der Autor seine These, dass die Parabeln von Jesus nicht gedeutet werden dürfen bzw. können?
  7. Worauf stützt sich seine Auffassung, dass es sich bei den biblischen Parabeln um rhetorische und nicht um poetische Formen handelt?
  8. Warum hat nach Ansicht des Autors Jesus die literarische Form der Allegorie nicht verwendet?
 
 
 

 
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